Der Tagesspiegel-Fragebogen (21) : 15 Fragen an - Aike Arndt

Wir haben Comicschaffenden je 15 Fragen gestellt - zu ihrer Arbeit, zu ihren Vorbildern und zur Lage der Comic-Nation. Heute: Aike Arndt („Die Zeit und Gott“).

Aike Arndt im Selbstporträt.
Aike Arndt im Selbstporträt.

1. Was kommt bei Ihrer Arbeit zuerst: Worte oder Bilder?
Es gibt keine Regel. Wenn ich ein Gottcomic zeichne, passiert das meist sehr unstrukturiert. Da kann eine bestimmte Bildidee einen Comic verursachen, oder irgendein seltsamer Satz, aus dem sich dann nach und nach eine Art Geschichte entwickelt. Das ist immer so ein Eiertanz zwischen Disziplin und Spielerei. Wenn ich zu strikt nach Plan arbeite, werden die Sachen langweilig und verlieren ihren Humor. Wenn ich zu locker lasse, führt das auch wieder zu nichts und wird allzu beliebig.

2. Hören Sie beim Zeichnen Musik, und wie beeinflusst Sie das?
Es kommt darauf an, wo ich mich im Prozess befinde. Bei der Entwicklung von Ideen, beim Rumskribbeln kann ich keine Musik hören. Da brauche ich Ruhe. Wenn aber das Gerüst einer Zeichnung steht und ich nur noch irgend etwas ausschraffieren muss, oder wenn ich die Zeichnungen einscanne und am Computer nachbearbeite, dann kann ich nebenbei etwas hören, meistens aber Hörbücher oder Radio. Wenig Musik.
3. Was essen und trinken Sie am liebsten bei der Arbeit?
Ich trinke sehr viel Kaffee, den ganzen Tag über. Abends packt mich manchmal die Gier nach Süßigkeiten.
4. Angenommen, Ihre Wohnung brennt: Welche Comics würden Sie auf jeden Fall aus Ihrem Regal retten?
Vielleicht würde ich zunächst zu ein paar alten Kinderbüchern greifen, die Erinnerungswert für mich besitzen: „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak, „Die Bauern im Brunnen“ von F.K. Waechter, „Die Geschichte vom brennenden Stein“ von Eduardo Galeano, „Großvater ist Seeräuber“ von Jan Lööf. Dann vielleicht Comics: „Die Nacht der Katze“ von Frank & Bom, die Bücher von Edward Gorey und die Comics von Sergio Toppi, „Future Subjunkies“ von Gerhard Seyfried. Und „Lustiges Taschenbuch“ Nr. 134.
5. Welche Zeichner/Autoren waren für Ihre eigene Entwicklung die prägendsten?
Käthe Kollwitz, Edward Gorey, Sergio Toppi, René Hausmann, Jason Lutes, Hendrick Goltzius, Rembrandt (die Radierungen), Gustave Doré, Wilhelm Busch und Todd McFarlane, etwas später Tom Gauld, Fil, Katz & Goldt, Bernd Pfarr, Paul Flora, Brodsky & Utkin, dann natürlich gute Freunde und Kollegen aus dem Studium. Inspirierende Künstler aus anderen Disziplinen sind Helge Schneider, Peter Licht, Jorge Luis Borges und Georg Kreisler.
6. Welches Comic-Buch/Heft/Album würden Sie jemandem empfehlen, der sonst eigentlich keine Comics liest?
Das kommt ja ganz auf das Thema an, für das sich die- oder derjenige interessiert. Sehr gerne und oft habe ich „Persepolis“ von Marjanne Satrapi verschenkt oder empfohlen. In manchen antifaschistischen Kreisen wird „Maus“ von Art Spiegelmann gerne gelesen. Ralf König ist wegen seiner meines Erachtens sehr lebensnahen Dialoge und Szenen aus dem Alltag sehr lesenswert. „Fun Home“ von Alison Bechdel habe ich jemandem geliehen, die sich in Gender-Kreisen herumtreibt. Alle Comics von Isabel Kreitz sind, glaube ich, sehr ansprechend für Leute, die sich für die jeweilige zeitliche Epoche und für Atmosphäre schaffende Details interessieren. Eine Freundin, die Recherchearbeiten an einer Gedenkstätte macht, empfahl mir „Die Sache mit Sorge“ (Isabel Kreitz), das ich sehr gerne gelesen habe.

Jovialer Schöpfer: Eine Seite aus „Die Zeit und Gott“.
Jovialer Schöpfer: Eine Seite aus „Die Zeit und Gott“.Foto: Zwerchfell

7. Glauben Sie, dass dem Comic die Aufmerksamkeit zuteil wird, die er verdient?
Auch ich muss hier wie die bereits interviewten Kollegen auf die Nachbarländer Belgien und Frankreich verweisen, in denen das Medium Comic viel mehr Aufmerksamkeit bekommt bzw. eine viel breitere Akzeptanz als ein eigenständiges Medium erfährt. Vielleicht geht es auch eher um die Akzeptanz des Comics als ein eigenständiges Medium, gleichwertig neben geschriebenem und gesprochenem Wort und dem bewegten Bild. Dass auch die etablierten Buch-Verlage jetzt das Etikett „Graphic Novel“ entdeckt haben, um Comics einem breiteren Publikum verkaufen zu können, ist dem Gesamtprozess wahrscheinlich zuträglich. Insofern braucht er wahrscheinlich doch wieder erst mal die Aufmerksamkeit, um als ein adäquates Medium anerkannt zu werden, was weiß ich.
8. Welche zeitgenössischen Comiczeichner/innen verdienten mehr Aufmerksamkeit als sie sie im Moment haben?
Ich finde, dass die bislang noch wenig bekannte Parastu Karimi eine größere Öffentlichkeit verdient hat. Sie hat z.B. auf eine sehr schöne eigene Weise eine Geschichte von Italo Calvino als Comic umgesetzt. Zurzeit muss sie sich leider als Kinderbuchillustratorin in ein Lieblichkeitskorsett zwängen.
9. Wenn Sie einen hoch dotierten Preis für das Comic-Lebenswerk zu vergeben hätten, wer würde ihn bekommen?
Fil für seine sehr witzigen und klugen „Didi & Stulle“-Alben.
10. Wie würden Sie einem Blinden beschreiben, was das Besondere an Ihren Comics ist?
Gott hat Streifen und trägt gerne mal Bikini. Aber vielleicht ist das ja auch gar nichts Besonderes.
11. Woran arbeiten Sie derzeit, wenn Sie nicht gerade Fragebogen ausfüllen?
Gerade arbeite ich an meinem zweiten Animationsfilm, ein Kurzfilm, der die Geschichte eines Nebencharakters aus der griechischen Mythologie mehr oder weniger sehr frei erzählt.

12. Wieso würden Sie einem jungen Menschen raten, Comiczeichner/-autor zu werden – und wieso würden Sie ihm davon abraten?
Das kann ich pauschal nicht beantworten. Es kommt auf den Menschen und dessen Motivationen an, die jemand hat. Denen, die sich ein Leben in Saus und Braus wünschen, würde ich einen anderen Job ans Herz legen. Wobei es bestimmt Comiczeichner gibt, die in Saus und Braus leben. Ich glaube, man muss das, was man da tut (Figuren entwickeln, Rahmen und Sprechblasen zeichnen, eine Dramaturgie aufbauen und noch vielmehr....) sehr lieben. Wenn es für einen selber sinnvoll ist und man bereit ist, Zeit und Energie zu investieren und auf einen Z3 (ich glaube, das ist ein teures Auto, oder?) zu verzichten, dann wird es wohl die richtige Entscheidung sein.

13. Wie fühlt es sich für Sie an, Ihre Zeichnungen als gedruckte Bücher in der Hand zu halten?
Erst mal ganz gut. Dann, klar, sieht man die ganzen kleinen und großen Fehler. Dafür will man im Boden versinken. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich an sie und freundet sich mit dem Buch wieder an.
14. Welche Note hatten Sie im Kunstunterricht?
Eine drei.
15. Was können Sie überhaupt nicht zeichnen?
Ich kann leider nicht so komplizierte Raumschiffe oder Städte, wie das manche Kollegen hinkriegen. Dabei ist Zeichnen meiner Meinung nach gar nicht so mysteriös. Wenn man einem Objekt die nötige Zeit widmet und viel übt, kann man es mit Sicherheit irgendwann aufs Papier zwingen. Ich kann ja auch nicht von jetzt auf gleich ein Dach decken. Da muss man erst mal üben, wo welche Schindeln hinkommen und welche Schuhe man trägt. Mit Farben tue ich mich allerdings sehr schwer. Lieber verwende ich ganz wenige Farbtöne. Oder eben nur schwarzweiß

Aike Arndt, Jahrgang 1980, ist der Autor und Zeichner der charmant-absurden Episodensammlung „Die Zeit und Gott“, die in flapsigem Ton aber mit inhaltlichem Tiefgang philosophische, religiöse und alltägliche Fragen behandelt. Kürzlich erschien im Zwerchfell-Verlag die zweite Auflage seines Comic-Debüts (64 Seiten, 8 Euro, mehr unter diesem Link sowie unter www.gottcomics.de). Der Illustrator und Comiczeichner lebt in Berlin und ist Mitglied der Illustratorenorganisation (Portfolio). Sein Animationsfilm „Styx“ wurde 2008 für den Deutschen Kurzfilmpreis nominiert.

Alle bisher erschienenen Folgen unserer Fragebogen-Serie finden Sie unter diesem Link

 

0 Kommentare

Neuester Kommentar