Graphic Novel : Im Bann des Missionars

Perfekte Symbiose aus Text und Bild: In Matthias Gnehms grandioser Erzählung „Die Bekehrung“ wird ein Journalist mit einem düsteren Kapitel seiner Vergangenheit konfrontiert.

Thomas Hummitzsch
Zarte Bande, dunkles Geheimnis: Eine Seite aus dem Buch. Foto: Edition Moderne
Zarte Bande, dunkles Geheimnis: Eine Seite aus dem Buch.Foto: Edition Moderne

Kindheitserinnerungen sind etwas Schönes. Meistens zumindest. Einmal ausgelöst, ist der biografische Quell aus dem Unterbewusstsein oft nicht mehr zu stoppen. Ein Impuls reicht, und die Erinnerungen an längst vergangene Zeiten drängen unvermittelt ans Tageslicht. Dem Erzähler in Matthias Gnehms Comicroman „Die Bekehrung“, Kurt Koller, widerfährt genau das. Als sich der Architekturjournalist auf den Weg in sein Heimatdorf macht, um ein Stück über dessen Zersiedelung zu schreiben, läuft er auf dem Bahnhof seinem ehemaligen Schulfreund Luki über den Weg, der inzwischen als Chefredakteur beim Kirchenboten seine Brötchen verdient. Die kurze Begegnung weckt bei Kurt nicht nur die Erinnerungen an seine Kindheit, sondern auch an seine erste große Liebe, Patricia. Die Zugfahrt in das Dorf seiner Kindheit wird zur Fahrt in die Vergangenheit. Über die vorbeiziehende Landschaft legen sich längst vergessene Bilder, und das große Rad der Erinnerung beginnt, sich rückwärts zu drehen.

In Form der Rückblende erzählt Matthias Gnehm die Geschichte des 14-jährigen Kurt und seiner heimlichen Liebe zu Patricia. Um der ein Jahr älteren Mitschülerin näher zu kommen, besucht Kurt sogar die Bibelgruppe von Dorfpfarrer Balz Obrist. Dieser versucht mit Effekt heischenden Methoden, die ihn umgebenden Kinder und Jugendlichen in seinen evangelikalen Bann zu ziehen. Etwa wenn er von der Zusammensetzung des Lebens aus Millionen Atomen erzählt, um anschließend die Chaostheorie zu widerlegen, indem er einen Satz Legobausteine als Symbol für die nicht greifbaren Atome auf den Boden wirft und kommentiert: „Aus diesem Chaos soll sich nun allein durch Zufall die Welt gebildet haben? Nein. Ohne eine Kraft, die diese Einzelteile nach einem Plan zusammenbaute, kann das nicht gehen.“

Ein mysteriöses Ritual soll Heil bringen

Mit jedem weiteren Besuch der Bibelstunde verändert sich Kurt erkennbar. Seine agnostischen Eltern beobachten dies skeptisch, wissend, dass ein Verbieten des Besuchs dieser religiösen Kindermissionierungsseminare ihren Sohn nur noch mehr Arme des mysteriösen Pfarrers treibt. Stattdessen versuchen sie mit Aufklärung und Offenheit die Bindung zu Kurt zu halten. Ihren pubertierenden Sohn zieht es aber zu seiner Angebeteten, und damit auch zu Pfarrer Obrist. Patricia aber zieht sich zurück und fällt vor Kurts verliebten Augen in ein Loch aus Traurigkeit und Schweigen. Ein Selbstmordversuch der Mutter setzt der Angehimmelten zu, erfährt Kurt von Pfarrer Obrist bei seiner „Bekehrung“, dem zu einem Heil bringenden Ritual inszenierten, gemeinsamen Gebet des „Vater unser“ mit dem Pfarrer.

Schwarz-weiße Kindheitserinnerungen: Eine Seite aus dem Buch. Foto: Edition Moderne
Schwarz-weiße Kindheitserinnerungen: Eine Seite aus dem Buch.Foto: Edition Moderne

Mit dem Selbstmordversuch der Mutter wird der Zugriff des Pfarrers auf die Kinder umso weit reichender, denn er erklärt den Kindern, dass Patricias Mutter offensichtlich noch nicht den richtigen Glauben gefunden habe und dies Ursache für ihr Handeln sei. In der Manier eines sektiererischen Einflüsterers redet er ihnen ein, dass sie als „Bekehrte“ zu den wenigen Menschen in ihrer Umgebung gehören, die an „den Richtigen“ glauben. Er lässt die naiven Kinder kämpferische Bibelverse zitieren und legt ihnen nahe, zuhause nicht alles zu erzählen, was sie gemeinsam in der Bibelgruppe erleben und empfinden. Damit legt er die Basis für ein noch viel dunkleres Geheimnis, welches wie ein schwerer Schatten über der ohnehin schon düsteren Geschichte liegt.

Von Gott geschwängert

Missbrauchsskandale wurden in den vergangenen Jahren einige aufgedeckt, und auch Matthias Gnehms Geschichte handelt davon. Patricia und ihre Mutter fahren mit der Pfarrersfamilie in einen gemeinsamen Weihnachts- und Besinnungsurlaub. Wochen später eröffnet sie Kurt, dass sie in der Weihnachtsnacht „von Gott“ geschwängert worden sei. Wenige Minuten später wird sie von einem Zug überfahren.

Der Pfarrer als Täter, es passt ins gesellschaftliche Bild, welches in den vergangenen Monaten entstehen musste, allerdings bleibt ein Widerspruch. Denn Balz Obrist ist angeblich impotent, zumindest behauptet das seine Frau. War er es doch nicht? Kommt ein anderer infrage? Matthias Gnehm lässt diese Fragen im Raum stehen und gibt seiner Erzählung eine mystische Atmosphäre.

Der studierte Architekt Matthias Gnehm bindet in „Die Bekehrung“ unauffällig seine Vorliebe für Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung und deren gesellschaftliche Bedeutung in die graphische Erzählung ein, die er selbst „autofiktional“ nennt. Insbesondere seine perspektivischen Zeichnungen von Gebäuden und Landschaften belegen seinen geschulten Blick. Seine mit naivem Strich ausgeführten Schwarzweiß-Zeichnungen sind keineswegs technisch, aber sie zeugen von einem sicheren Gefühl für die Tiefe des Raums, die Wirkung von Perspektiven und das Verhältnis von Raum und Zeit.

„Bauen, bauen, bauen“

Stellvertretend für den Autor unterzieht der Architekturkritiker Kurt Koller die Zersiedlung des Schweizer Mittellands, in dem Gnehm aufgewachsen ist, einer Kritik. In dieser Region sind noch immer die schändlichen Überreste des gescheiterten Stadtplanungsprojekts aus den späten sechziger Jahren namens Aarolfingen zu bestaunen. Damals träumte man in der Schweiz von einem rasanten Wachstum und schuf einen idealen Besiedlungsplan, demnach im Areal der Städte Aarau, Olten und Zofingen sowie 33 weiteren Gemeinden eine polyzentrale Metropolregion für mehr als 300.000 Einwohner entstehen und die Zersiedlung des ländlichen Raumes stoppen sollte. Eine solche Metropolregion ist in dieser Gegend bekanntlich nie entstanden, und der ländliche Raum, der vor der Zersiedelung bewahrt werden sollte, ist von einem Gürtel aus Ein- und Mehrfamilienhäusern bis zur Unkenntlichkeit zerstört.

Die Idee dieses raumplanerischen Vorhabens wurde an der ETH Zürich entwickelt, eben jener Kaderschmiede, an der sich auch Matthias Gnehm als Architekt ausbilden ließ. Hier konnte er das Thema ausgiebig studieren. Seine weit reichenden Kenntnisse über die entstandene Landschaftsgeografie fließen in sein Werk ein. Zahlreiche Vogelperspektiven veranschaulichen, wie die Weiten zwischen Juragebirge und Berner Alpen in einem verzweifelten städtebaulichen Versuch von Straßen, Gleisen, Industrie-, Gewerbe- und Siedlungsanlagen zerschnitten wurden. Mithilfe immer größer werdender Landschaftsausschnitte verdeutlicht Gnehm, wie aus der subjektiven Kleinstadtidylle, die für jeden Schweizer möglich sein soll, eine gesellschaftliche Landschaftszerstörung von immensem Ausmaß erwächst. Das Siedlungsgeschwür, so stellt Koller fest, habe sich im Mittelland unaufhaltsam ins Grün hinein gefressen. „Bauen, bauen, bauen, bis kein Fleckchen Landschaft mehr übrig bleibt.“

Drei Jahre für das Opus Magnum

Die zahlreichen Vogelperspektiven dienen aber nicht nur der Dokumentation der städtebaulichen Vergehen der Eidgenossen in den sechziger und siebziger Jahren. Vielmehr noch ist ihre Funktion eine metaphorische. Sie öffnen den Blick des Leserbetrachters für die Weite der Landschaft, die zugleich auch Symbol für die Verlorenheit ihrer Bewohner, insbesondere der Kinder, ist. Dies erklärt auch, warum Gnehms skizzenhafte Zeichnungen zwar einerseits Ruhe und ländlichen Frieden ausstrahlen, von ihnen andererseits aber eine unheilvolle Stimmung ausgeht.

Kein Thema scheint Matthias Gnehm zu komplex, um nicht darüber zu zeichnen. Dies bewies er schon in seiner gemeinsam mit dem Architekten Francis Rivolta verfassten Serie „Paul Corks Geschmack“, mit der er Ende der neunziger Jahre schlagartig als Comiczeichner bekannt wurde. Auch in den Kriminalgeschichten „Rätsel in Weiß“, „Tod eines Bankiers 1+2“ sowie „Das Selbstexperiment“ (mehr dazu hier) bewies Gnehm, dass er komplizierte Sachverhalte in hintergründige Text-Bild-Kompositionen zu übertragen weiß, wobei sein simpler Strich die Komplexität der Themen erdet, die er in seinen Comics stets behandelt.

Glaubensfragen: Das Covermotiv des Buches. Foto: Edition Moderne
Glaubensfragen: Das Covermotiv des Buches.Foto: Edition Moderne

An seinem nun vorliegenden Opus Magnum, in dem er die Landschaftsarchitektur der sechziger Jahre und ihre gesellschaftlichen Folgen mit der religiösen Sektiererei und der Verführbarkeit eines pubertierenden Jungen zu einer kongenialen Geschichte verwebt, hat Matthias Gnehm drei Jahre lang gearbeitet. „Die Bekehrung“ ist die perfekte Symbiose aus Text und Bild, die sich gegenseitig ergänzen und verstärken, ohne dabei in Konkurrenz zueinander zu treten, und beim Leser weitere Bilder im Kopf hervorrufen. „Comics können alles erzählen“, sagte Gnehm vor einigen Jahren in einem Interview. Sein neuer, grandioser Comic belegt dies eindrucksvoll.

Matthias Gnehm: Die Bekehrung, Edition Moderne, Zürich 2011, 302 Seiten, 24 Euro. Eine Leseprobe gibt es unter diesem Link.

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