Graphic Novels : Vom Türöffner zur Streitaxt

Der Begriff „Graphic Novel“ hat dem Comic in Deutschland zu einiger Anerkennung verholfen – und droht ihm zugleich auch zu schaden. Ein Plädoyer für eine Rückbesinnung auf seine ursprüngliche Bedeutung.

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Graphic Novels - nichts für Kinder und mittelalte Männer? Eine von Arne Bellstorf gezeichnete Szene aus dem Info-Flyer von www.graphic-novel.info.
Graphic Novels - nichts für Kinder und mittelalte Männer? Eine von Arne Bellstorf gezeichnete Szene aus dem Info-Flyer von...Foto: Bellstorf/Graphic-Novel.info

Das ist schon eine beachtliche Karriere: Der in den späten 1970er Jahren in den USA eingeführte Begriff „Graphic Novel“ hat in den vergangenen fünf Jahren im deutschen Sprachraum einen bemerkenswerten Vormarsch erlebt. Vor allem in den Medien. Eine Recherche in der Tageszeitungs-Datenbank Genios illustriert das: In den Jahren 1983 bis 1993 erschienen im deutschen Sprachraum ganze zwei Zeitungsartikel, die den Begriff verwendeten – eine verschwindend geringe Zahl im Verhältnis zu den 640 Artikeln, in denen der Begriff „Comic“ im gleichen Zeitraum in Tageszeitungen auftauchte.

Von 1993 bis 2003 waren es 16 Artikel, in denen sich der Begriff „Graphic Novel“ findet – im Verhältnis zu 9487 Artikeln mit Comic-Referenz immer noch eine zu vernachlässigende Größe.

Von 2003 bis 2013 aber stieg die Zahl der „Graphic Novel“-Erwähnungen in deutschsprachigen Zeitungen auf 1036, der Großteil (935 Nennungen) entfiel dabei auf die Jahre 2008 bis 2013. Zwar stieg insgesamt auch die Zahl der Artikel mit Comic-Referenz auf mehr als 16.000 – aber es zeigt sich, dass der Begriff „Graphic Novel“ in der Medienberichterstattung in den vergangenen fünf Jahren einen sichtbaren Platz eingenommen hat.

Zum Vergleich: Der Begriff „Roman“ findet sich im Vergleichszeitraum 2003-2013 in deutschsprachigen Zeitungen gut 119.000 mal, der Begriff „Literatur“ 125.000 mal.

Kampfbegriff mit hegemonialem Anspruch

Ähnlich erfolgreich hat sich der Begriff auch im Buchhandel etabliert – und wird von vielen Buchhändlern mit Comic-Affinität als Verkaufshilfe für Comics gelobt, wie zum Beispiel das Magazin „profil“ attestiert: „Der Begriff „Graphic Novel“ entspricht den hohen Ambitionen größerer Publikationshäuser und auch der wachsenden Bereitschaft der Buchhändler, Comics in ihr Programm aufzunehmen: Man umgeht das oft abschätzig konnotierte Wort „Comic“, um sich mit seriös konzipierten Bildgeschichten besser an ein erwachsenes Zielpublikum wenden zu können.“

Positiv formuliert lässt sich also feststellen, dass der Begriff „Graphic Novels“ manchen Comics im deutschen Sprachraum gute Dienste erwiesen hat und weiterhin erweist, weil er als Türöffner in Richtung Buchhandel und Feuilleton sichtbare Erfolge verbucht.

Zugleich ist festzustellen, dass sich der Begriff von einer anfänglichen formalen Bezugnahme auf ein Trägermedium (Buch) und eine bestimmte Form (meist in sich abgeschlossene, längere Comicerzählung) zunehmend gelöst hat und im kulturellen Diskurs im deutschsprachigen Raum verstärkt als Kampfbegriff mit hegemonialem Anspruch eingesetzt wird – zum Schaden der Kunstform Comic.

Schaut man sich die konkrete Verwendung des Begriffs „Graphic Novel“ im deutschen Sprachraum an, fällt auf, dass er in den vergangenen fünf Jahren zunehmend zur Unterscheidung zwischen vermeintlicher Hoch- und Trivialliteratur im Comic-Bereich eingesetzt worden ist, zur Trennung von Kinder- und Erwachsenenliteratur oder zur Trennung anspruchsvoll/anspruchslos.

Das zeigt schon der Vergleich der Begriffsdefinitionen im Herkunftsland USA gegenüber dem deutschen Verständnis. So definiert das US-Nachschlagewerk „Merriam Webster“ eine Graphic Novel schlicht als einen Comic, der eine Geschichte erzählt und in Buchform erscheint („cartoon drawings that tell a story and are published as a book“). Auf der US-Seite von Wikipedia wird der Begriff ebenfalls als rein formale Bezeichnung bestimmter Veröffentlichungsformen von Comics in Abgrenzung zum Comic-Heft benutzt.

„Anspruchsvolle und bewegende Werke mit literarischem Anspruch“

In Deutschland hingegen hat sich in den vergangenen Jahren bei vielen Akteuren ein anderes Verständnis durchgesetzt, das statt der Form den Inhalt und den daraus abgeleiteten Anspruch in den Mittelpunkt stellt und sich auf der deutschen Wikipedia-Seite so liest: „Graphic Novel (dt. illustrierter Roman, Comicroman) ist eine aus den Vereinigten Staaten übernommene Bezeichnung für Comics im Buchformat, die sich aufgrund ihres thematischen Anspruches und ihrer erzählerischen Komplexität vom normalen Heftcomic unterscheiden und sich dadurch an erwachsene Leser richten.“

Diese Verwendung des Begriffs als Kategorie für bestimmte Inhalte und ein qualitatives Niveau wird unter anderem forciert von der Website www.graphic-novel.info, die von fünf Comicverlagen betrieben wird, deren Anliegen es ist, das ambivalente Renommee des Comics zu verbessern. Deren Verständnis des Begriffs ist allerdings uneindeutig. An einer Stelle wird auf dieser Website „Graphic Novel“ schlicht als „Comicroman“ übersetzt, an anderer Stelle wird er auf der Website so definiert: „Da gibt es anspruchsvolle und bewegende Werke mit literarischem Anspruch, autobiografisch inspirierte Geschichten, aufschlussreiche Reiseberichte, lyrische Erzählungen, kenntnisreiche Biografien, nicht immer lustige Kinder- und Jugendbücher und spannende Krimis. Auch manche Titel aus den Bereichen Fantasy und Science Fiction kann man dazu zählen.“

Vom ursprünglichen Verständnis des Begriffs als formales Kriterium für ein Comic-Buch ist hier nichts mehr zu lesen. Stattdessen wird der Begriff zur Definition von Qualitätskriterien herangezogen. Zugleich wird der Oberbegriff „Comics“ abgewertet: „Auch wenn der Begriff „Comic“ durch seine Fixierung auf das Komische nicht besonders geeignet scheint, um auch vielschichtige Themen und kunstvolle grafische Umsetzungen zu benennen, ist er doch der Oberbegriff für die Erzählform, zu der auch Graphic Novels gehören.“

„Comics sind auf dem Level geblieben, auf dem sie immer waren“

Von all den anspruchsvollen, bewegenden und sonstwie qualitativ hochwertigen Comics, die vor der Begriffskarriere der „Graphic Novel“ erschienen sind oder die in Form von Heften, Strips, Online-Comics oder anderen nicht in die „Graphic Novel“-Schublade fallenden Formaten veröffentlicht wurden, ist hier bemerkenswerterweise keine Rede mehr.

Dieses Vorgehen mit dem Ziel, eine vorherrschende Interpretation des Begriffs „Graphic Novel“ zu etablieren, ist ein klassisches Beispiel für einen hegemonialen Diskurs, den Diskursanalytiker wie Reiner Keller als „mehr oder weniger erfolgreiche(n) Versuch“ beschreiben, „Bedeutungszuschreibungen und Sinn-Ordnungen zumindest auf Zeit zu stabilisieren und dadurch eine kollektiv verbindliche Wissensordnung in einem sozialen Ensemble zu institutionalisieren“. Als Diskurs wird dabei im Sinne der so genannten Kritischen Diskursanalyse einerseits die öffentliche Auseinandersetzung über die Wahrnehmung und Bewertung der Realität (durch Sprache, Bilder etc.) gesehen, sowie andererseits der Versuch, diese Realität zu prägen und im Sinne der unterschiedlichen Akteure durch Handlungen zu beeinflussen. Beim Thema Comics/Graphic Novels ist dieser Kampf um diskursive Vorherrschaft im deutschen Sprachraum derzeit in vollem Gange.

Kein Comic? Das Cover von Reinhard Kleists "Der Boxer".
Kein Comic? Das Cover von Reinhard Kleists "Der Boxer".Foto: Carlsen

So findet sich in der Einführung eines ZDF-Videos über den Comiczeichner Reinhard Kleist bei Youtube folgende Passage: „Die junge ZDF-Redaktion meint: „Reinhard Kleist als Comiczeichner zu beschreiben, ist fast schon zu banal. Seine erzählenden Zeichnungen sind so präzise und realistisch, dass sich jeder Inhalt, egal ob ernst, tiefgreifend oder politisch, transportieren lässt.“ Der Umkehrschluss: All das kann der Comic nicht - und das drei Jahrzehnte nach „Maus“, „Watchmen“ oder „Corto Maltese“!

Und der Comiczeichner Alexander Strohmaier („Wild Boy“) lässt sich in einem Interview auf der Website seines Verlages mit folgenden Worten wiedergeben:
Worin unterscheidet sich eine Graphic Novel von einem Comic?
(…) Schon das Wort »Comic« verpflichtet ja zur Komik, die wir seit jeher mit dem Comicstrip verbinden. (…) Die Buchhändler lieben den Ausdruck »Graphic Novel«, weil er das Genre der Bildergeschichte aufwertet – er steht für Niveau, während man Comics nicht mit Literatur assoziiert.
Hat sich das Medium Comic mittlerweile nicht etabliert?
Finde ich nicht. Es ist zwar dank dieser Aufwertung durch die Graphic Novel weiter verbreitet und auch in den Buchhandlungen vertreten. Doch Comics sind auf dem Level geblieben, auf dem sie immer waren.  
Der Unterschied besteht also in der Ernsthaftigkeit der Aussage, im Autobiografischen. Auch im Umfang, im Format?
Genau. Es geht mehr in Richtung Buch, Roman. Den Comic verbindet man eher mit dem Heftformat. Doch die Grenzen sind fließend. Manche verweigern den Begriff »Graphic Novel«, verwenden generell »Comic«. Es stört mich auch nicht, wenn mein »Wild Boy« als Comic bezeichnet wird. Das passt schon, schließlich habe ich bis zu meinem 18. Lebensjahr nur Comics gelesen. (…)

„Graphic Novel“ ist kein Qualitätskriterium!

Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Sebastian Oehler, der beim Reprodukt-Verlag unter anderem für den Vertrieb zuständig ist und die Einführung des Begriffs in Deutschland vor allem über die Website graphic-novel.info und die dazugehörigen Informationsmaterialien mit geprägt hat. In einem Beitrag für die Website des Goethe-Instituts stellt er fest: „Das Anliegen der Zeichner ist es, das Medium Comic auf eine neue Ebene zu heben. Deshalb entstehen die meisten Graphic Novels auch eher aus dem Bedürfnis heraus, Geschichten zu erzählen, als aus marktwirtschaftlichen Erwägungen – und gerade das macht den Reiz dieser Spielart des Mediums Comic aus.“

Das impliziert, dass bei Comics, die nicht als „Graphic Novel“ firmieren, nicht die darin erzählten Geschichten, sondern marktwirtschaftliche Erwägungen die treibende Kraft der Autoren und Verleger sind – angesichts der vielen herausragenden Geschichten, die in den vergangenen 100 Jahren im Comic erzählt wurden und auch angesichts der oft geringen Einnahmen durch Comic-Verkäufe eine ziemlich gewagt These.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die oben beschriebene Verwendung des Begriffs „Graphic Novel“ im deutschen Diskurs der vergangenen fünf Jahre befördert ein künstlich konstruierte Spaltung zweier Lager: Einerseits Leser und Produzenten von vermeintlich höherwertigen Graphic Novels, sowie andererseits die Konsumenten und Schöpfer vermeintlich minderwertiger Comics. Sozialwissenschaftlich gesprochen lässt sich das als hegemoniale Konstruktion von diskursiven Identitäten analysieren. Das wird forciert durch entsprechende Narrative („Comics müssen kein Kinderkram sein“, „Comics müssen nicht komisch sein“), die die steigende öffentliche Akzeptanz von Teilen der Comicproduktion auf Kosten der Abwertung anderer Teile der Produktion bewirken.

Es ist daher zu befürchten, dass der Begriff „Graphic Novels“ neben seinen anfänglichen Erfolgen als Türöffner in seiner derzeitigen Verwendung im deutschen Sprachraum anderen Comics schadet, die nicht in seinen (je nach Perspektive wechselnden) Definitionsrahmen passen

Aus meiner Sicht des am Comic interessierten Journalisten, der die Comicseiten im Tagesspiegel eingeführt hat (die eben nicht „Graphic Novel“-Seiten heißen), ist dafür zu plädieren, den Begriff „Graphic Novel“ nach der in den vergangenen Jahren erfolgreichen Etablierung längerer, in Buchform abgeschlossener Comicerzählungen im öffentlichen Bewusstsein als ernst zu nehmende Literatur/Kunstform künftig möglichst sparsam einzusetzen und ihn wieder auf seine formale Bedeutung zu beschränken.

Es ist an der Zeit, der Leserschaft zu vermitteln, dass „Graphic Novel“ eben kein Qualitätskriterium ist. Es muss in der Öffentlichkeit – und eben auch im Comic-Journalismus – deutlich gemacht werden, dass es „gute“ und „schlechte“ Graphic Novels ebenso gibt wie „gute“ und „schlechte“ Comic-Kurzgeschichten, Strips, Webcomics, Hefte, Mangaserien und sonstige Comics anderer Formate, je nach Geschmack und Bewertungskriterien.

So wie es der Autor und Zeichner Schwarwel kürzlich in einem Interview auf dem Comic-Salon Erlangen ausgedrückt hat: „Der Comic hat ein Nerd- und Couchpotatoe-Problem, er spricht eher den introvertierten als den extrovertierten Teil im Menschen an. Es muss immer wieder gesagt werden: Comic ist nicht nur Micky Maus, man kann wirklich relevante Sachen machen, die Themenwahl ist endlos. Und man kann damit in der Normalbevölkerung andocken.“

Der Artikel ist die schriftliche Fassung eines Vortrags auf einem Symposium der HBK Braunschweig zum Thema „Was ist eigentlich eine Graphic Novel?“ vom 2. bis 5. Juli 2014, das komplette Programm findet sich hier. Der Autor dankt Oliver Ristau für seine sachdienlichen Hinweise!

 

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