Interview : „Zur Hölle mit der Pistole“

Captain America, der wohl amerikanischste aller Superhelden, kommt diese Woche in die deutschen Kinos. US-Autor John Ney Rieber schrieb nach den Terroranschlägen von 2001 einige der provokantesten Comics der Reihe und wurde von konservativen Lesern als Verräter beschimpft. Im Tagesspiegel-Interview erinnert er sich an jene aufwühlende Zeit – und erklärt, wieso er sich den neuen Film bestimmt nicht anschauen wird.

von
Krieg dem Terror: Eine der von John Cassaday gezeichneten Szenen zu John Ney Riebers 2002 veröffentlichter Erzählung.
Krieg dem Terror: Eine der von John Cassaday gezeichneten Szenen zu John Ney Riebers 2002 veröffentlichter Erzählung.Foto: Promo

Es ist nicht leicht, John Ney Rieber zu finden. Der Comicautor, der in den 1990er Jahren Geschichten für Neil Gaimans „The Book of Magic“ schrieb und später einige Erzählungen für Comicserien wie „G.I. Joe“ und „Captain America“ beisteuerte, lebt heute zurück gezogen im mittleren Westen der USA. Dem Mainstream-Comicgeschäft hat er nach Meinungsverschiedenheiten mit dem Marvel-Verlag den Rücken gekehrt. Zu seinen Hinterlassenschaften gehören einige der bemerkenswertesten Captain-America-Geschichten, die je erzählt wurden. Als die USA nach den Anschlägen im Schock waren und die Bush-Regierung den „Krieg gegen den Terror“ ausrief, ließ Rieber seinen in den Farben der US-Flagge gekleideten Comic-Helden darüber sinnieren, welche Motive die Attentäter hatten – und ob es nicht manchen nachvollziehbaren Grund gebe, die USA zu attackieren. Daraufhin hagelte es Proteste der Leser und von politischen Kommentatoren – und Rieber wurde bald von einem anderen Autor abgelöst. Lars von Törne hat ihn kürzlich zum 9/11-Jahrestag und zur aktuellen Renaissance von Captain America - hier geht es zur Tagesspiegel-Besprechung des neuen Kinofilms - interviewt.

Tagesspiegel: Herr Rieber, Ihre in den Wochen nach den Anschlägen von 2001 geschriebenen Captain-America-Geschichten, die im Sommer 2002 veröffentlicht wurden, sind voller bemerkenswerter aktueller Bezüge zum Trauma jener Zeit und enthalten viele kritische Kommentare gegenüber der Reaktion der Bush-Regierung. Wie haben Sie Ihre Geschichte damals entwickelt?

Rieber: Es traf mich schrittweise, in Phasen. Zuerst der pure Schock, der Horror. Dann die Taubheit, Wiederholung um Wiederholung. Kann das wahr sein? Wie konnte das passieren? Dann der Ärger. Zu dem Zeitpunkt setzte ich mich hin und begann, die erste Folge der Reihe „The New Deal“ zu schreiben – irgendwo zwischen Wie konnte das das passieren? und Ärger. Es brauchte einen Tag, bis mir klar war, dass die entscheidende Frage war: Was wollten die Dreckskerle wirklich? Langfristig. Wir sahen wieder und wieder, wie die Türme getroffen wurden. Wir sahen den Rauch und das Feuer und den Staub, und wie die Lebenden und die Toten unter Tonnen von Stahl und blutigem Beton begraben wurden. Es tat weh, das zu sehen und sich drüber klar zu werden, dass dahinter auch ein Plan von jemandem steckt. Wie konnte das passieren? War eine wichtige Frage, an der ich festhielt, und daraus wurde: Woher kamen diese Monster?

Während Politiker wie George W. Bush und die Mainstream-Medien den Angriff als eine Attacke von  Gut gegen Böse sahen, gingen sie weiter und ließen ihre Hauptfigur nach möglichen Motiven der Täter suchen, die auch in Fehlern der US-Politik der Vergangenheit liegen könnten – für die damalige Zeit eine aus Sicht vieler US-Amerikaner provokante Vorgehensweise. Wieweit wollten sie eine explizite politische Botschaft vermitteln?

Heroisch: Eines der Captain-America-Cover von John Cassaday zu John Ney Riebers Erzählung.
Heroisch: Eines der Captain-America-Cover von John Cassaday zu John Ney Riebers Erzählung.Foto: Marvel/Promo

Ich war mehr daran interessiert, bestimmte Fragen zu stellen, als dass ich eine klare Botschaft vermitteln wollte. Und ich sah Captain America als die Art von Person und als die Art von Soldat, die diese Fragen stellen würde.

Sie zeigen die USA als angegriffenes Land, aber sie lassen ihre Figur auch deutliche Aussagen gegen Vergeltungsschläge machen und davor warnen, jetzt ganze Bevölkerungsgruppen oder andere Länder pauschal zu verurteilen. War das schwierig in einer Zeit, in der Amerikaner, die gegen Gegenschläge wie den Afghanistaneinsatz oder später den Irakkrieg waren, als „unpatriotisch“ gebrandmarkt wurden?

Meine Arbeit entwickelte eine merkwürdige einigende Kraft: Unabhängig davon, welcher politischen Seite meine amerikanischen Leser zuneigten, hasste die große Mehrheit meine Geschichten. Hier und da meldete sich auch mal ein europäischer Leser, der dachte, die Geschichten wären nicht so schlecht, und der sich wunderte, worum es bei der ganzen Aufregung ging. Ich selbst war mir die ganze Zeit nicht sicher, wie ich das finde. Im Rückblick würde ich sagen, einige Sachen sind plump, einiges ging daneben, aber einiges kann sich auch heute noch sehen lassen.

Einige der provokantesten Szenen Ihrer Captain-America-Erzählung handeln davon, wie eine Gruppe von ausländischen Terroristen, die einen Anschlag in den USA verüben, sich als Opfer von Waffen herausstellt, die einst in den USA hergestellt worden waren. Das dürfte vielen Lesern als Rechtfertigung von Angriffen wie denen am 11. September erschienen sein. Wie kam es, dass die Geschichte bei Ihnen so eine Wendung bekam?

Das ist schwierig zu beantworten. Zum einen änderten die Anschläge vom 11. September unsere tief sitzende, unbewusste Annahme, dass die USA irgendwie isoliert wäre. So nach dem Motto: so etwas kann uns hier nicht passieren. Und als ich dann der Frage nachging, wie so etwas doch passieren konnte, da traf mich die Erkenntnis: Ich hatte zwar ein gewisses Vorwissen über unsere militärischen – und hauptsächlich geheimen - Verwicklungen in die Politik Zentralamerikas oder auf dem Balkan. Aber ich hatte null Ahnung, was wir anderswo machten. Ich hatte so gut wie keine Ahnung von der Realpolitik im Mittleren Osten. Und ich wusste nicht mal, welche Art von Waffen wir heutzutage benutzen. Während ich weiterbuddelte, lerne ich viel neues über Landminen und Streubomben, die man höflich „area denial ordnance“ (Mittel zur Sperrung des Zugangs zu einem Bereich) nannte, unabhängig davon, ob sie Truppenbewegungen verhindern sollten oder die Beine eines Bauernkindes abreißen. Die Herstellung und Nutzung von Streubomben – also aus der Luft eingesetzten Minen – wurde von 30 Ländern verboten. Aber nicht von uns. Also verarbeitet ich all dies und sagte mir: Okay, ich werde die Idee „Das kann hier nicht passieren“ so weit wie möglich treiben.

Als Verräter beschimpft: John Ney Rieber.
Als Verräter beschimpft: John Ney Rieber.Foto: privat

Eine weitere provokante Wendung in Ihrer Geschichte suggeriert, dass die Terroristen, die im Nachgang zu den 9/11-Attacken die USA bedrohen und von Captain America aufgespürt werden, die selben Waffen haben wie die US-Sicherheitsbehörden – ein weiterer Verweis darauf, dass die Terroristen vom 11. September oder zumindest ihre Hintermänner einst gute Beziehungen zu den USA hatten..?

Diese Tatsache spreche ich durch die ganze Geschichte hindurch immer wieder an: Der Feind deines Feindes kann schon morgen dein Feind sein. Der Killer, den du heute trainierst, damit er dir hilft, wird nicht vergessen, wie man jemanden tötet, wenn der Konflikt vorbei ist.

Immer wieder ziehen sich auch Parallelen zwischen der Zerstörung vom 11. September 2001 und zum Beispiel den Zerstörungen, die alliierte Bomber gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in deutschen Städten wie Dresden anrichteten – was bewog sie zu diesem provokanten Vergleich der alliierten Angriffe im Zweiten Weltkrieg gegen Nazi-Deutschland mit den Terrorangriffen von 2001?

Rieber: Captain America ist dank seiner persönlichen Geschichte wahrscheinlich der einzige Soldat, der beide Ereignisse als Zeitzeuge erlebt haben kann. Und wie ich die Figur sehe, ist er die Art von Soldat, dessen Ehrgefühl jede Form von „Kollateralschaden“ unter Zivilisten nicht nur inakzeptabel, sondern abscheulich gefunden hätte. Ich wollte hier eine mehr humanistische als eine politische Aussage machen:  Wenn Du als Mensch unter einem Trümmerhaufen liegst und langsam erstickst, fühlt es sich verdammt gleich an, egal, welche ideologischen oder politischen Motive involviert sind.

Gegen Ende dieses Erzählstrangs konfrontiert Captain America den Terroristenführer und es stellt sich heraus, seine Eltern starben durch von den USA unterstützte Gewalttaten im Ausland. Kritiker sehen hierin den Versuch,  den USA quasi eine Mitschuld an den Attacken von 2001 zu geben...

Ich war eher darin interessiert, Amerikaner dazu zu ermuntern, unsere Geschichte zu studieren und besser informiert und engagiert zu sein, was die Richtung unserer Außenpolitik angeht. Mitschuld ist eine Sache, aber Verantwortung eine andere. Eine weitere Sache, die die Leute heute zu vergessen neigen: die Zeit nach 9/11 bot den USA eine unglaubliche Gelegenheit, den Grad der außenpolitischen Kooperation mit anderen Ländern zu verstärken und zu vertiefen. Die Angriffe von 2001 ließen uns bei vielen Menschen rund um die Welt menschlicher erscheinen. Da gab es eine ungeheure Sympathie, ein ungeheures Mitgefühl. Zumindest am Anfang.

Unpatriotisch? Eine der Szenen, in denen sich Terroristen später als Opfer der US-Politik herausstellen.
Unpatriotisch? Eine der Szenen, in denen sich Terroristen später als Opfer der US-Politik herausstellen.Foto: Promo

In einer Szene, in der Captain America von der US-Regierung zu einem Einsatz geschickt werden soll, lassen sie ihn anfangs ablehnen, da die Regierung dafür bekannt sei, Gesetze zu verbiegen und falsche „Beweise“ zu erfinden, um Militäreinsätze zu legitimieren. Das erinnert sehr an die Debatte über angebliche Massenvernichtungsmittel im Irak, für die sich später keine der angekündigten Beweise fanden...

Nun, ich denke, als ich die Episode schrieb, war die ganze Affäre um die falschen „Beweise“ noch gar nicht hochgekocht. Ich würde diese Szene eher im Kontext des McCarthyismus interpretieren, eines Klimas der Angst, dass einem Mann soviel Macht gab, dass er Millionen von Amerikanern bei seiner Hexenjagd mitwirken ließ

Der Comicautor Max Allan Collins hat Sie für Ihren Mut gelobt und Ihre Fähigkeit, komplexe Themen in einem Comic wie Captain America auszudrücken Wie mutig und schwierig fühlte es sich damals an, so eine Geschichte zu schreiben?

Die Arbeit war schwierig. Im Gespräch mit Freunden verglich ich das damit, über gebrochene Glasscherben zu krabbeln. Aber mutig fühlte ich mich nicht. Ich bin da irgendwie anders gepolt: Ich fühlte, dass ich kaum eine andere Wahl hatte.

Wurden Sie als unpatriotisch beschimpft?

Oh ja, auf jeden fall. Es gab einige Artikel gerade aus der republikanischen rechten Ecke, angesichts derer wollte ich zugleich lachen und weinen. Hin und wieder begegnete ich einem Soldaten oder einem Militärhistoriker, der mich unterstützte. Aber vergessen Sie nicht: Das war die Zeit, als manche unserer Politiker dafür warben, als Reaktion auf die französische Haltung bezüglich der Invasion im Irak „french fries“ in „freedom fries“ umzubenennen.

Flagge zeigen: Chris Evans als Captain America im aktuellen Kinofilm.
Flagge zeigen: Chris Evans als Captain America im aktuellen Kinofilm.Foto: Promo

Viele Autoren haben im Laufe der vergangenen Jahrzehnte Captain-America-Geschichten geschrieben und der Figur dabei unterschiedliche politische Prägungen gegeben. Welche politische Position repräsentiert er für Sie?

Er vertritt für mich die demokratischen Ideale von Thomas Jefferson. Vom Volk, durch das Volk, für das Volk. Er ist keine Waffe. Er ist ein guter Soldat. Ich bin sehr dankbar, dass ich nicht mehr länger dafür verantwortlich war, den Charakter weiterzuentwickeln, als Dinge passierten wie das Bekanntwerden der Exzesse von Abu Ghraib.

Nach 9/11 und vor allem auf den Werbepostern für den neuen Captain-America-Kinofilm sieht man die Figur statt mit dem klassischen Schild zunehmend mit einer Pistole – ein symbolischer Schritt, der manchen Fans missfällt...

Mein Captain America , der Captain America, mit dem ich aufgewachsen bin und von dem ich gelernt habe, hat kein Schild, er ist ein Schild. Ich hoffe, dass eines Tages ein vierjähriges Kind sein erstes Captain-America-Heft in die Hand nimmt und wieder diesen Captain America sieht. Bis dahin: Zur Hölle mit der Pistole. Ich persönlich habe nicht vor, etwas zu berappen, um diesen Film zu sehen.

Die Captain-America-Comics erscheinen auf Deutsch bei Panini.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar