Neue Medien : Mein öffentliches Leben

Der deutsche Online-Comic boomt wie nie zuvor. Autobiographische Themen stehen hoch im Kurs. Wir zeigen, wo es die besten Strips und Blogs im Netz zu entdecken gibt.

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Philosophisch-humoristische Familienepisoden: Von Leo Leowalds „Zwarwald“-Strips ist kürzlich der Sammelband „Stopptanz“ erschienen.
Philosophisch-humoristische Familienepisoden: Von Leo Leowalds „Zwarwald“-Strips ist kürzlich der Sammelband „Stopptanz“...Foto: Reprodukt

Mal geht es um Leben und Tod, mal nur um die Abhängigkeit von Suchtmitteln wie Facebook oder Nutella. Manche Autoren arbeiten Kindheitstraumata auf, andere den alltäglichen Kampf als freischaffender Künstler. Lust und Liebe werden ebenso reflektiert wie die Herausforderungen des kinderlosen Älterwerdens oder des Familienlebens. Mehrere Dutzend deutschsprachige Comiczeichner lassen die Öffentlichkeit regelmäßig per Internet-Tagebuch, Comic-Blog genannt, an ihrem Leben oder ihren Gedanken teilhaben – und es werden immer mehr.

Gut 200 aktuelle Titel listet alleine das Webcomic-Verzeichnis auf, der wohl beste und umfassendste Katalog deutschsprachiger Comic-Blogs und anderer Online-Comics. Die meisten von ihnen sind allerdings noch jung und erscheinen seit maximal fünf bis sechs Jahren: Der in Ländern wie den USA schon länger verbreitete Trend erreichte Deutschland mit deutlicher Verzögerung.

Die meisten deutschen Comic-Blogger erzählen in kurzen gezeichneten Episoden, deren Struktur an klassische Zeitungsstrips angelehnt ist, von ihren alltäglichen Erlebnissen. Das ist mal ernsthaft reflektierend, mal voller Selbstironie - oder auch mal mit fantastischen Elementen angereichert wie bei der Kölner Zeichnerin Sarah Burrini. Die berichtet in ihrem mehrfach ausgezeichneten Online-Strip „Das Leben ist kein Ponyhof“ ganz selbstverständlich von den absurd-alltäglichen Erlebnissen einer Wohngemeinschaft, die im Comic aus dem Alter Ego der Zeichnerin sowie einem zahmen Elefanten, einem sprechenden Pilz und einem zum Sadomasochismus neigenden Pony besteht. Auch der Berliner Zeichner Flix, der mit erfolgreichen Graphic Novels wie „Held“ und „Sag was“ zu den Pionieren des autobiografischen Comics in Deutschland zählt, reflektiert auf seinem Blog „Heldentage“ alltägliche Erlebnisse in semi-autobiografischer Form, in denen neben authentischen Begebenheiten immer wieder auch Dialoge mit fantastischen Figuren, Monstern oder auch mal mit Gott eine Rolle spielen.

Auszeichnungen und Sammelbände

Zunehmend werden die deutschen Comic-Blogs auch jenseits der eingeschworenen Online-Fangemeinde wahrgenommen. Dazu trägt der Umstand bei, dass etliche digitale Strips inzwischen auch in analoger Form als Buch erschienen sind. Das ist bei vielen Bloggern eine wichtige Zusatzmotivation: Sie machen sich im Internet einen Namen – und so Verlage auf sich aufmerksam. Neben Büchern mit den gesammelten „Heldentage“-Strips von Flix und Sarah Burrinis „Das Leben ist kein Ponyhof“ hat dies unter anderem auch Leo Leowald mit seinen philosophisch-humoristischen Familienepisoden unter dem Titel „Zwarwald“ geschafft, die in Büchern wie zuletzt „Stopptanz“ auch dem weniger Internet-affinen Publikum zugänglich gemacht wurden. Die bislang umfassendste Sammlung von Auszügen autobiografischer deutscher Comicblogs in Buchform ist 2010 in der Comicanthologie-Reihe „Panik Elektro“ unter dem passenden Titel „Seelenstrips“ erschienen. Dessen Herausgeber Ulf Salzmann und Johannes Kretzschmar gehören mit ihren jeweiligen Blogs ebenfalls zu den Wegbereitern des noch jungen Genres in der Bundesrepublik.

Absurder Alltag: Sarah Burrinis „Das Leben ist kein Ponyhof“.
Absurder Alltag: Sarah Burrinis „Das Leben ist kein Ponyhof“.Foto: Burrini

Der wachsenden Aufmerksamkeit für Online-Comics als eigenständige Ausdrucksform tragen mittlerweile auch mehrere Comic-Auszeichnungen Rechnung, die in der Vergangenheit nur gedruckt vorliegende Arbeiten honorierten, sich inzwischen aber auch gegenüber der digitalen Welt geöffnet haben. So wird der Comicpreis der Frankfurter Buchmesse, der „Sondermann“, inzwischen jährlich auch für Online-Veröffentlichungen vergeben, zuletzt bekam die Action-Krimi-Manga-Parodie „Entoman“ von David Füleki im Herbst 2011 den Web-Sondermann, der autobiografische Blog „Gestern noch“ von Asja Wiegand wurde als Newcomer des Jahres prämiert. Die Interessengemeinschaft Comic (Icom) zeichnete zuletzt die Website www.zampano-online.com des Schweizer Zeichners David Boller mit dem Independent Comic Preis aus – hier veröffentlicht Boller autobiografische wie auch fiktive Erzählungen aus seinem eigenen Atelier sowie Arbeiten anderer Zeichner, für die die Online-Publikation in der Regel die Vorstufe zur gedruckten Veröffentlichung ist.

Ein Forum für eine längere, als Graphic Novel angelegte Erzählung ist auch die Website www.fahrradmod.de des Zeichners Tobias Dahmen, die es beim Web-Sondermann immerhin bis ins Finale schaffte. Und der 2011 neu geschaffene Kurt-Schalker-Preis – eine ironische Anspielung auf den amerikanischen Comicblog-Pionier James Kochalka, dessen Name in Deutschland erst langsam bekannt wird – wurde für die in mehrere Richtungen lesbaren Strips von Wolfgang Büchs alias Digirev vergeben.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, welche Graphic Novels einst als Web-Comic anfingen und welche Cartoons im Internet besonders beliebt sind.

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