Schiele, Picasso, Schwitters & Co. : Die Kunst der Biografie

Künstlerbiografien haben im Comic Konjunktur. Die Möglichkeiten ihrer eigenen Kunstform reizen dabei aber nur wenige Zeichner aus.

Thomas Greven
Am Rande der Pornografie. Eine Seite aus "Egon Schiele. Ein exzessives Leben".
Am Rande der Pornografie. Eine Seite aus "Egon Schiele. Ein exzessives Leben".Foto: Knesebeck

Nach und nach erschließt sich die Kunstform Comic alle literarischen Genres. Nachdem autobiografisch geprägte Werke zuletzt etwas in die konzeptionelle Sackgasse geraten waren, gibt es in letzter Zeit auf dem deutschen Markt eine Häufung von Künstlerbiografien, die zum Teil Neuland beschreiten. Unter den hier vorgestellten Bänden ist allein die Schiele-Biografie des gerade einmal 25-jährigen Franzosen Xavier Coste eine recht konventionell erzählte und gezeichnete Biografie eines gesamten Lebens. Sein und des Lesers Glück ist, dass Schiele – der 1918 mit nur 28 Jahren an der Spanischen Grippe starb – nicht nur ein exzessives (so der Buchtitel) sondern vor allem auch jenseits seiner Werke ein interessantes Leben hatte.

Assoziationen zum Fall Edathy

Coste versucht nicht, dem Charakter von Schieles Werk konzeptionell oder zeichnerisch nachzuspüren, thematisiert aber ausführlich die künstlerischen, gesellschaftspolitischen und rechtlichen Kontroversen um dessen Bilder am Rande der Pornografie, die Schiele zeitweise ins Gefängnis brachten.

Die aktuellen Auseinandersetzungen um sogenannte Posing-Bilder von Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Affäre um den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy zeigen uns, dass es – nach jahrzehntelanger Libertinage und Vernachlässigung der Opfer – ganz grundsätzlich schwierig ist, Bilder zu bewerten. Die Intentionen der Produzenten entscheiden nicht über ihre Wirkung, aber auch das Auge des Betrachters ist offensichtlich ein zu subjektiver und kontextabhängiger Richter.  

Der Zeichner Clément Oubrerie, bekannt durch seine Arbeit an der Reihe um die Ivorerin Aya (gemeinsam mit Marguerite Abouet), und die Autorin Julie Birmant, gehen in ihrer Reihe um Pablo Picasso (in Kürze erscheint der dritte Band von geplanten vier auf Deutsch) einen gänzlich anderen Weg. Sie konzentrieren sich ausschließlich auf die Pariser Zeit des jungen Picasso und seine Beziehung zu seinem zeitweise bevorzugten Modell Fernande.

Anders als bei Picassos späterer „Pferdeschwanzmuse“ Sylvette, noch bis 22. Juni in Bremen zu sehen, handelt es sich hier um eine Liebesgeschichte, gar um Picassos erste große Liebe. Wie Coste in seiner Schiele-Biografie versucht Oubrerie nicht, der Kunst Picassos nachzueifern – auch wenn er einen „malerischen“ Aquarell-Stil wählt – und Birmant wagt sich auch nicht an eine Interpretation von Picassos Frühwerk.

Angesichts der Fülle an kunsthistorischer Literatur scheint dies auch kaum nötig. Im Vordergrund steht also das „wilde Leben“ Picassos und seines Freundeskreises aus Exilkatalanen und -Spaniern, Franzosen und vor allem Französinnen, eingebettet in eine Rahmenhandlung, die den Ausbruch von Fernande aus ihrer kleinbürgerlichen Welt thematisiert.

Das wilde Leben. Eine Seite aus "Pablo".
Das wilde Leben. Eine Seite aus "Pablo".Foto: Reprodukt

Die teilweise fiktionalisierte Darstellung dieser Bohème ist nicht nur amüsant und voll von Poesie, wozu auch die stimmungsvoll komponierten Bilder beitragen, sondern erlaubt durchaus einen Einblick in die Umstände der künstlerischen Entwicklung Picassos.

Auf der Suche nach der künstlerischen Essenz

Die beiden Norweger Lars Fiske und Steffen Kverneland haben im Vergleich zu Coste und Oubrerie/Birmant eindeutig die aufwändigeren und anspruchsvolleren Künstlerbiografien vorgelegt, konzeptionell, erzählerisch und zeichnerisch. Beide Bände sind mit einem Quellenapparat versehen und Kvernelands Munch-Biografie ist sogar eingerahmt von einer Methoden- und Ästhetikdiskussion des Autors mit seinem Freund Fiske (umgekehrt spielt auch Kverneland eine Rolle in Fiskes Kurt Schwitters-Biographie „Herr Merz“, welche ebenfalls eine Meta-Ebene aufweist).

Beide Bände versuchen im Rahmen dessen, was in der Kunstform Comic möglich ist, dem jeweils Besonderen der porträtierten Künstler auch ästhetisch nachzuspüren: Auch wenn selbstverständlich die Comic-Einzelbilder und –Seiten nicht die Qualität von Munchs Gemälden haben oder die Zweidimensionalität überwinden können wie die dadaistische Kunst von Kurt Schwitters, der sich selbst „Merz“ nannte, gelingt beiden Comic-Künstlern die Näherung an die künstlerische Essenz der von ihnen Porträtierten auf spektakuläre und nachhaltig faszinierende Weise.

Gleichwohl sind die Auseinandersetzungen mit dem Werk der Künstler nie in Gefahr, verkopfte Fachsimpelei und ästhetische Spielerei zu werden – auch diese beiden Leben sind dafür viel zu aufregend. Der Leser wird stärker gefordert, aber auch stärker belohnt als bei den konventioneller erzählten und komponierten Biographien zu Schiele und Picasso. Ein großer Teil der Munch-Biografie konzentriert sich auf dessen Berliner Jahre, was sie für deutsche Leser vielleicht zusätzlich reizvoll macht. Umgekehrt verbrachte Schwitters auf der Flucht vor den Nazis viele Jahre in Norwegen, was zusätzlich nahelegt, die beiden Bände im Tandem zu lesen, auch wenn sie konzeptionell nicht komplementär angelegt sind.

Xavier Coste: Egon Schiele. Ein exzessives Leben, Knesebeck, 72 Seiten, 19,95 Euro
Lars Fiske: Herr Merz, Avant-Verlag, 112 Seiten, 29,95 Euro
Steffen Kverneland: Munch, Avant-Verlag, 270 Seiten 34,95 Euro
Clément Oubrerie, Julie Birmant: Pablo 1 & 2 (Band 3 erscheint in Kürze), Reprodukt, je 84 Seiten, je 20 Euro

Unser Autor Dr. Thomas Greven ist Senior Research Fellow am Institut für Internationale Politik, Berlin, und Privatdozent am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin.

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