Comics : Willkommen in Palookaville

Strips für Philosophen: ein Besuch bei dem kanadischen Comic-Künstler Seth

Lars von Törne
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Eine Träne für vergangene Tage. Seth ist ein hoffnungsloser Nostalgiker.Illustration: Seth/Promo

Palookaville findet man auf keiner Landkarte. Wer es besuchen will, setzt sich in Toronto in einen Greyhound-Bus und fährt eine Stunde Richtung Süden. In dem kleinen Studentenstädtchen Guelph steigt man aus, überquert ein paar Straßen. Ein ungepflegter roter Backsteinbau ist das Ziel der Reise. An der Tür ein Messingschild: „Palookaville“.

Es öffnet ein schlanker Mann Anfang 40, Dreitage-Bart, dicke Hornbrille, Anzug mit Weste im Stil der 20er Jahre. Er lächelt schüchtern und führt den Besuch in eine dunkle Wohnung im Erdgeschoss, die mit Möbeln, Spielzeug, Büchern und Bildern vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts vollgestellt ist. Ein Museum als Zuhause: Willkommen in Seths Welt. „Palookaville“ heißen seine in regelmäßigen Fortsetzungen erscheinenden Comicerzählungen, in Anlehnung an ein Zitat von Marlon Brando, der mit diesem Wort im Film „Die Faust im Nacken“ einen mysteriösen, von Verlierern bevölkerten Ort bezeichnet hat. Palookaville ist aber auch ein Synonym für das kleine Paralleluniversum, in das sich der Künstler zurückgezogen hat, weil ihm die moderne Welt suspekt ist.

„Hier fühle ich mich geborgen“, sagt Seth, der eigentlich Gregory Gallant heißt, aber inzwischen den Spitznamen aus Studententagen als Künstleridentität angenommen hat. Behutsam schiebt er den Besucher in das abgedunkelte Wohnzimmer. Mit liebevoller Geste zeigt er über alte Puppen im Regal, über ein Grammophon, ein altes Röhrenradio, historische Spielzeugautos und gerahmte Zeitungsausschnitte vergangener Epochen.

Aus diesem Rückzugsraum heraus, den er nur mit seiner Frau und ein paar Katzen teilt, verbreitet Seth seine Sicht auf die Welt in Form von nostalgischen Illustrationen, Büchern, Zeichnungen, Comic-Heften und Werbegrafiken.

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Comic-Konservator. Die Wohnung von Seth ähnelt einem Museum.Foto: Lars von Törne

In Nordamerika zählt er seit Jahren zu jenem Dutzend jüngerer Grafiker und Zeichner, die die Kunst der Illustration und des anspruchsvollen, literarischen Comicbuchs auf eine neue Stufe gehoben haben. Seine Zeichnungen schmücken Titelseiten des „New Yorker“ oder eine CD der Sängerin Aimee Mann, Comic-Zeitschriften widmen ihm Schwerpunkthefte. Vor kurzem sind die ersten beiden grafischen Erzählungen Seths in Deutschland erschienen.

Für einen Mann seines Alters ist Seth ein überraschend altmodischer Mensch und wirkt etwas schrullig, dessen ist er sich bewusst. „Ich glaube, meine Besessenheit für alles, was alt ist, lässt sich am besten so erklären“, sagt er, während eines der seltenen Lächeln über sein ansonsten stets nachdenkliches Gesicht huscht: „Ich habe alte Eltern.“ Er lehnt sich in seinem Ledersessel zurück und erzählt, dass er der Nachzügler der Familie war, zur Welt gekommen, als die Geschwister bereits aus dem Haus waren. „So wuchs ich als Kind in einer isolierten, altmodischen Welt auf, ohne es wirklich zu merken“. Als er 20 war, begann er sich ganz bewusst im Stil der 1920er Jahre zu kleiden, sammelte fortan Dinge aus jener Zeit und weigerte sich, CD-Spieler, Computer oder gar moderne Verlängerungskabel zu benutzen. Heute ist die Obsession einer milderen ästhetischen Zuneigung für die alten Zeiten gewichen, er hat inzwischen sogar einen CD-Spieler. „Ich mag die moderne Welt nicht“, sagt er kategorisch, „also flüchte ich mich in einen Kokon.“ Das klingt ein bisschen nach Koketterie, aber Seth sagt solche Dinge ohne jene Spur von Ironie. „Ich fühle mich wie ein Anachronismus, ein Überbleibsel aus einer anderen Welt, in der man zeichnete, statt mit Computern zu arbeiten.“ Er schwärmt vom Design und der Qualität, die vor 80 Jahren üblich waren. Das ist aber nur die Oberfläche, sagt er selbst. Dahinter verbirgt sich eine unerfüllte Sehnsucht nach einem „Goldenen Zeitalter“, in dem das Leben irgendwie besser war als heute, oder zumindest klarer strukturiert.

In seinen Geschichten spiegelt sich diese nostalgische Melancholie wider. Die beiden jetzt in Deutschland veröffentlichten Comics sind eine Hommage an die Vergangenheit. „Clyde Fans“ erzählt in ruhig durchkomponierten Bildern die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die Ventilatoren verkaufen und nach und nach erkennen müssen, dass ihr Geschäft im Zeitalter der Klimaanlage vom Untergang bedroht ist. „Eigentlich ist das Leben schön“ erzählt von einem jungen Zeichner, der sich auf die Suche nach einem Cartoonisten der 30er Jahre macht, die zu einer Reise ins Ich gerät. Beide Erzählungen haben einen elegischen Grundton, der perfekt harmoniert mit Seths Hang zu gedämpften Pastelltönen und klaren Linien im Stil alter Zeitungscartoons. Die Handlung ist für ihn dabei der Rahmen, in dem er sich mit dem beschäftigt, was ihn am meisten bewegt: Die Gedanken und Gefühle seiner Charaktere. „Was mich interessiert, sind die Dinge, die nicht greifbar sind“, sagt Seth. „Es geht mir um die Erfahrung, wie es sich anfühlt zu leben.“ Und es geht ihm darum, in einer schnelllebigen Zeit an der Ruhe und Ästhetik vergangener Epochen festzuhalten. Seths bislang letztes Buch „Bannock, Beans and Black Tea“, das demnächst ebenfalls auf Deutsch erscheinen wird, ist eine Zusammenarbeit mit seinem Vater: Der alte Mann hat sich an seine Jugend in den 20er und 30er Jahren an der kanadischen Ostküste erinnert, sein Sohn lieferte dazu die Illustrationen

Seth ist kein glücklicher Mensch, wie er selbst mit schonungsloser Offenheit zugibt, sondern ein Suchender. Schon als Jugendlicher fühlte sich der introvertierte Junge von der Welt ausgeschlossen. „Ich habe mir dann eine äußere Hülle zugelegt, die mit Leuten umgehen kann – aber mein wirkliches Ich will sich nach wie vor zurückziehen.“ Diese Ambivalenz gilt auch für Seths Figuren. Sie sind entweder ganz direkt dem Autor nachempfunden, wie in „Eigentlich ist das Leben schön“, oder sie tragen zumindest einen großen Anteil an Sethschen Eigenschaften in sich.

Die beiden Brüder in „Clyde Fans“ stehen für die beiden widerstreitenden Pole in seinem Innern, sagt Seth: „Der eine kann mit der Welt umgehen, der andere will sich verstecken. Genauso ambivalent sieht es in mir aus.“ Das Bedürfnis nach Öffentlichkeit für seine Arbeit erklärt Seth mit schonungsloser Selbstanalyse: „Ich will von den Menschen geliebt werden. Also muss ich kommunizieren. Zugleich will ich mich zurückziehen, also kommuniziere ich über meine Bücher, hinter denen ich mich gleichzeitig verstecken kann.“ Zum Abschied huscht noch einmal ein Lächeln über sein hageres Gesicht. Ein wenig scheint er froh, in Gesellschaft über seine Arbeit reden zu können; gleichzeitig wirkt er erleichtert, dass die Begegnung mit der Außenwelt überstanden ist und er jetzt wieder seine Ruhe hat.

Seths Bücher sind auf Deutsch bei Edition 52 erschienen: „Eigentlich ist das Leben schön“, 176 Seiten, 20 Euro (ISBN 3-935229-25-9). „Clyde Fans“ 160 Seiten, 2-farbig, 20 Euro (ISBN 3-935229-29-1). Die Originale erscheinen bei Drawn and Quarterly: www.drawnandquarterly.com

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