"Coming In" von Marco Kreuzpaintner : Plötzlich hetero

Waschen, schneiden, flachlegen: In "Coming In" entbrennt der Friseur Tom für die Friseuse Heidi. Nur ist Heidi vergeben - und Tom eigentlich schwul.

Tilman Strasser
Foto Coming In
Ihr erstes Date. Die Friseurkollegen Tom (Kostja Ullmann) und Heidi (Aylin Tezel) kommen sich auch privat näher.Foto: Warner

„Shakespeare war schwul!“ Die Herren sind sich sicher. Und gleich scheppert die nächste These auf den Tisch des Nobellokals: Eigentlich seien Romeo und Mercutio füreinander bestimmt gewesen, ehe mit Julia „diese Schlampe kam“. Schon eigenwillig, diese Interpretation der Mutter aller Liebesdramen. Frauen finden wenig Gnade in den Augen der Schwulenszene, die Marco Kreuzpaintner in „Coming In“ zeichnet.

Zumindest anfangs strahlender Held des Films ist Starfriseur Tom Herzner (Kostja Ullmann), rasend erfolgreich und glücklich liiert. Mit einem Mann natürlich, und auch in seinem exklusiven, von der resoluten Empfangsdame Berta (Katja Riemann) repräsentierten Salon werden nur Männer frisiert. Selbst Herzners neu entworfenes Shampoo zielt ausschließlich auf Männer, weshalb sein Management die Erschließung neuer Märkte befiehlt: Tom soll herausfinden, was Frauen wollen. Als heterosexueller Horst recherchiert er undercover im Salon der Neuköllner Kiezmieze Heidi (Aylin Tezel) – und verliebt sich in sie.

Romeo und Julia im heutigen Berlin also: Edelschere gegen Kurzhaartrimmer, feine Zunge gegen freche Schnauze, Homo gegen Hetero. Bis Tom und Heidi sich endlich in den Armen liegen, entspringen aus der Reibung ihrer Welten jede Menge funkelnde Gags. Einer der Höhepunkte ist die Diskussion über Shakespeares Evergreen: Heidi, die einzige Frau in der Runde, tröstet den Hauptdarsteller, der in der missratenen Inszenierung den Romeo als Schalentier geben musste, flirtet gleichzeitig mit Tom – und das alles in einem offensiv geschmacklosen Rüschenkleid.

Kreuzpaintner gelingt charmanter Gegenschnitt

Das Knistern zwischen den beiden ist die Trumpfkarte der romantischen Komödie. Das glänzend aufgelegte Schauspielerpaar kalauert sich elegant durch den Findungsprozess. Bis Tom dämmert, dass er wohl nicht nur auf Männer, sondern eben auf Menschen steht, bis Heidi schwant, dass ihr fußballversessener Freund Didi doch nicht der Richtige ist, dürfen auch andere Zoten reißen. Denis Moschitto als Toms Chauffeur Bassam zum Beispiel und Mavie Hörbiger, die sichtlich Freude an ihrer Proll-Tussi Mona hat. Selbst Klaas Heufer-Umlauf, Moderator der Late-Night-Show „Circus HalliGalli“, gibt sich in einem Cameo-Auftritt die Ehre. Doch trotz des Promi-Auftriebs: Schlussendlich gehen dem Film in einer Vielzahl rührseliger Einstellungen das Tempo und die Luft aus.

Dennoch gelingt Kreuzpaintner, der schon in „Sommersturm“ (2004) die Hindernisse auf dem Weg zum Coming-out thematisiert hatte, mit dem jüngsten Werk ein charmanter Gegenschnitt. Seine Gentleman-Gesellschaft erweist sich angesichts von Toms veränderter Neigung als bigott wie ein erzkonservatives Dorf. Sie greift gar zu mafiösen Methoden, schickt Unterhändler, spinnt Intrigen – alles, um zu verhindern, dass einer der Ihren das Ufer wechselt. In der Überzeichnung steckt die herbe Botschaft, dass auch eine Diskriminierung gewohnte Szene selbst keineswegs vor Diskriminierung gefeit ist.

Allerdings mangelt es „Coming In“ in einem entscheidenden Punkt an Tiefgang: Was eigentlich hat Heidi, was all den Frauen in Toms Leben bislang fehlte, weshalb findet er sich so plötzlich umgepolt? So geschickt das von Kreuzpaintner mit Jane Ainscough verfasste Drehbuch Gay- und Straight-Klischees gegenüberstellt, so geradlinig schickt es den Friseur immer wieder in Heidis Salon „BelHair“. Für seine innere Wandlung finden sich kaum Bilder. Da aber gerade sie die Erzählung tragen soll, knirscht es zuweilen im narrativen Gebälk. Deshalb bleibt die Komödie denn doch bloß der aktuelle Haarschnitt unter den Herbstfilmen: schick, gefällig – und pure Oberfläche.

In 18 Berliner Kinos

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