"Common Ground" : Bosnien, der Krieg und wir: "Common Ground" im Gorki

Biografisch-politisches Theater: Yael Ronen inszeniert zusammen mit Schauspielerinnen und Schauspielern aus Ex-Jugoslawien das berührende und mitreißende Stück„Common Ground“ im Maxim Gorki Theater.

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Gemeinsam sind wir weniger schutzlos. Ensemble-Szene aus „Common Ground“.
Gemeinsam sind wir weniger schutzlos. Ensemble-Szene aus „Common Ground“.Foto: Thomas Aurin

„1992: Bill Clinton wird zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt“, ruft die israelische Schauspielerin Orit Nahmias und will gleich zur nächsten Schlagzeile ansetzen. Da steht aber schon ihr Kollege Aleksandar Radenković am Mikro: „Basic Instinct kommt in die deutschen Kinos“, ruft er und wird seinerseits von Niels Bormann übertönt: „Rostock Lichtenhagen. Neonazibrandanschlag in Mölln“.

Der gigantische Verdrängungskampf am Schlagzeilen-Mikro, mit dem Yael Ronens Abend „Common Ground“ beginnt, durchmisst im Zeitraffer die neunziger Jahre. Im Hintergrund jubeln die Fußballer von „Roter Stern Belgrad“, die gerade den FC Bayern aus dem Europapokal der Landesmeister gekickt haben, endlos auf TV-Bildschirmen. Und aus Lautsprechern konkurrieren Neunziger-Hits mit den Fakten, die die Schauspieler jetzt immer atemloser ins Mikro sprechen: „Juni 1991 – Zerfall von Jugoslawien. 1992 – der Bosnienkrieg bricht aus. 1995 – Friedensvertrag von Dayton.“ Dann: Stille. Und alles auf Anfang.

Von nun an schälen sich persönliche Geschichten aus dem Hintergrundrauschen heraus: Fünf der sieben Schauspieler wurden im ehemaligen Jugoslawien geboren, in Zagreb, Belgrad oder Novi Sad. Sie kamen während der Jugoslawien-Kriege nach Deutschland und leben heute in Berlin. Zusammen mit Regisseurin Ronen reisten sie Anfang des Jahres nach Sarajewo, besuchten ehemalige Gefangenenlager und persönliche Kindheitserinnerungsstätten, sprachen mit Experten, Augenzeugen – und vor allem, immer wieder, miteinander. Der Text zu „Common Ground“ entstand auf dieser Grundlage als Ensemble-Projekt.

Die Schauspieler sind sehr selbstreflexiv und selbstironisch

Mateja Meded und Jasmina Musić, beide noch keine 30, spielen etwa die Situation nach, in der sie sich kennenlernten: Berlin, Casting zu „Common Ground“. Man stellt fest, dass man als Kind zeitweise am gleichen Ort wohnte: in Ostbosnien, nahe der Stadt Prijedor. Ihr Vater habe dort in einem Konzentrationslager gearbeitet, gesteht die eine Schauspielerin der anderen beklommen. Darauf die, erstarrt: „Mein Vater war in diesem Lager Gefangener.“ Wann gelingt das schon, einen Raum zu schaffen, in dem sich schonungslos und frei von Voyeurismus so fundamental gegensätzliche Biografien begegnen können? Hut ab davor, wie Ronen und ihre Schauspieler/innen hier Verkrustungen und Verkapselungen öffnen, um zu wirklichen Schmerzpunkten vorzudringen!

Aus Aleksandar Radenković – dem einzigen festen Gorki-Ensemblemitglied des Abends – brechen in einem komplexen Monolog Wut und Schuldgefühle heraus, weil er, der schon vor Ausbruch der Jugoslawien-Kriege nach Deutschland kam, sich als westeuropäischer Durchschnitts-Teenager durchs Dasein feierte, während die Nato im Kosovokrieg Serbien bombardierte: „Ich weiß nicht, was ich studieren soll. Meine Familie wird zerbombt. Ich mache mir Sorgen um meine Haare. Meine Familie wird zerbombt.“

Die Außenperspektive repräsentieren die in Jerusalem geborene Orit Nahmias, die sich mit feiner Selbstironie als geborene Konflikttrainerin einführt – und Niels Bormann als stets um politische Korrektheit bemühter, dabei aber zielsicher von Fettnapf zu Fettnapf hüpfender Deutscher. Beide kennt man aus Ronens bahnbrechendem Projekt „Die dritte Generation“ (2008), als sich an der Berliner Schaubühne israelische, palästinensische und deutsche Schauspieler mit Verve ihre Familiengeschichten, Vorurteile und Verletzungen um die Ohren hauten.

Genau wie damals staunt man auch jetzt – die 1976 in Jerusalem geborene Ronen ist inzwischen Hausregisseurin am Gorki – über die heilsame Abwesenheit politischer Korrektheitsgebote und die hohe Bereitschaft aller Beteiligten sowohl zur Selbstreflexion als auch zur Selbstironie. Ob da dann tatsächlich jede szenische Lösung passgenau sitzt, wird schnell herzlich zweitrangig.

Meist bleiben solche „Rechercheprojekte“ mehr oder weniger gehaltvolle Informationsveranstaltungen. Dass Ronen und ihre Schauspieler nun an einem Punkt, wo viele andere aufhören, erst beginnen und über die konkreten Zusammenhänge hinaus ins Allgemeine weisen, macht Abende wie „Common Ground“ zu seltenen Glücksfällen.

Wieder bis 12. bis 14. April, 2. Mai

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