Conchita Wurst, ESC und die politische Botschaft : Europa hat Würde

Voll mit Bart: Mit Conchita Wurst hat nicht in erster Linie Österreich den Eurovision Song Contest gewonnen, sondern eine Idee, die ganz gut zu Europa passt.

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Conchita Wurst
Conchita WurstFoto: dpa-bildunk

Wohl niemand hätte dem Eurovision Song Contest vor ein paar Jahren zugetraut, dass von ihm noch einmal ein gesellschaftliches Signal ausgehen könnte. Zu trashig, zu künstlich, zu gewollt erschien der angestaubte Trällerwettbewerb. Conchita Wurst war sich dieser historischen Last wohl durchaus bewusst, als er nach seinem Sieg sagte: „Es klingt kitschig, aber am Ende sind wir alle eins.“

Kitschig war Wursts Auftritt nämlich nicht. Eher war er auf subtile Art zurückgenommen, fast bescheiden, filigran in Auftritt und Wirkung. Schon 1998 war der Sieg der transsexuellen Dana International von Schwulen und Lesben als emanzipatorischer Fortschritt gefeiert worden. Der Sieg von Conchita Wurst allerdings ist etwas anderes. Hier ging es nicht um klassisch-üppige Travestie, um ein faschingsartiges Rollenspiel, das auch auf 60-jährige Familienväter anziehend wirken kann, weil immer klar ist, wer der Clown ist. Conchita Wurst hatte sich selbst ernst genommen – und ihr Act wird genau deshalb auch politisch ernst genommen. Der russische Nationalist Wladimir Schirinowski poltert schon, es sei ein Fehler gewesen, dass die sowjetische Armee vor 50 Jahren die Besetzung Österreichs beendet habe. Und der russische Vizeregierungschef Dmitri Rogosin twitterte, jetzt wüssten „Anhänger einer europäischen Integration, was sie erwartet – ein Mädchen mit Bart“.

Der ESC, Putin und das Bild von "Gayropa"

Was Rogosin und Schirinowski nicht verstanden haben: Conchita Wursts Auftritt war auch ein Ablenkungsmanöver. Der 25 Jahre alte Tom Neuwirth erklärt den von ihm gewählten Künstlernamen schließlich so: „Wurst“ sei es eben, woher jemand komme, welche sexuelle Orientierung er habe, wie er aussehe. Deshalb ja auch der Bart, der das Travestiehafte an anderer Stelle negiert.

Es ist eine ganz einfache Botschaft – und eine durchaus anrührende. Sogar ARD-Kommentator Peter Urban, der zunächst noch leicht verdruckst den Wurst’schen Auftritt mit den Worten angekündigt hatte: „Wenn Sie nur das Lied hören möchten, dann können Sie jetzt die Augen schließen“, zeigte sich später berührt: Als er nämlich verwundert feststellte, dass selbst das „katholische Irland“ und danach das „katholische Italien“ für Wurst stimmten. Der übrigens aus dem katholischen Österreich stammt, wo sich „Bundespräsident Dr. Heinz Fischer“ auf seiner Facebook-Seite mit offiziellem Lächeln neben Wurst präsentierte.

Eurovision Song Contest 2014: Sieger Conchita Wurst und alle Platzierungen
Platz 2: The Common Linnets aus den Niederlanden mit "Calm After The Storm" (238 Punkte).Weitere Bilder anzeigen
1 von 26Foto: dpa
11.05.2014 08:32Platz 2: The Common Linnets aus den Niederlanden mit "Calm After The Storm" (238 Punkte).

Neben der russischen Regierung hatte auch die deutsche ESC-Jury nicht ganz verstanden, was der österreichische Beitrag eigentlich bezweckte. Anders als die deutschen Zuschauer setzte sie Wurst nur auf Platz 11. Etwas unfair war es allerdings, dass das russische Duo ausgebuht wurde – ging es doch nicht um die zwei skandinavisch aussehenden Zwillinge, die antraten, sondern um Wladimir Putin. Was all den Sportfunktionären in Sotschi nicht gelungen war, brachten die europäischen Fernsehzuschauer per SMS-Voting zum Ausdruck: Dass nämlich Europa ein krisenhafter Kontinent sein kann, mit all seinen politischen Schwächen und Fehlbuchungen. Dass er sich aber die Würde nicht nehmen lässt. Und dass Europa auch keineswegs der willfährige Büttel der Amerikaner ist, als welcher der Kontinent oft dargestellt wird.

"Gayropa" oder plurales Miteinander

Die Krallen des Washingtoner Imperiums reichten an diesem Abend jedenfalls nicht bis nach Kopenhagen: Denn der Song Contest ist so ziemlich das unamerikanischste, was man sich vorstellen kann – aller englischen Liedtexte und Las-Vegas-artigen Bühnenshows zum Trotz. Putin muss den ESC schon allein deshalb hassen, weil er die These vom kulturimperialistischen Westen auf so feine Weise widerlegt. Das von russischen Offiziellen gerne gezeichnete Bild von „Gayropa“, jenem dekandenten, lasterhaften, verkommenen Teil Europas, von dem sich Russland abgrenzen möchte, reduziert sich ja nicht nur auf dessen angeblichen Schwulenkult. Sondern auf die Vorstellung eines pluralen Miteinanders überhaupt.

Der überwiegende Rest Europas verwahrte sich an diesem Abend gegen einen Rückfall in Zeiten, in denen allein das Recht des Stärkeren galt. Auch in Russland übrigens, wo die Zuschauer Wurst auf Platz 3 wählten. Die österreichische FPÖ wiederum weiß nur zu gut, warum sie dem ersten österreichischen ESC-Sieger seit 1966 nicht gratuliert. Nicht Österreich hatte gewonnen, sondern eine Idee, die eben doch zu Europa passt.

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