Cormac McCarthy: Der Feldhüter : All die bösen Menschen

Erstmals auf Deutsch: Cormac McCarthys meisterhafter, finster-schöner Debütroman "Der Feldhüter".

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Der 1933 geborene US-Autor und Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy, 2007
Der 1933 geborene US-Autor und Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy, 2007Foto: The Pulitzer Prizes/dpa

Als Cormac McCarthy in den frühen neunziger Jahren von der „New York Times“ zu seinen Anfängen als Schriftsteller befragt wurde, antwortete er: „Ich hatte nie irgendwelche Zweifel an meinen Fähigkeiten. Ich wusste, dass ich schreiben konnte.“ Nach der Lektüre seines 1965 erschienenen Romandebüts „The Orchard Keeper“, das es jetzt erstmals in einer deutschen Übersetzung gibt, lässt sich dem nur zustimmen: „Der Feldhüter“ liest sich kaum wie ein Debüt, so selbstbewusst wie McCarthy hier seine Themen und sein Können ausstellt.

Der Roman verweist auf das, was alles kommt in diesem Werk, in Büchern wie „All die schönen Pferde“, „No Country For Old Men“ oder „Die Straße“, die wegen der jeweiligen Verfilmungen zu McCarthys berühmtesten zählen, aber auch in frühen Klassikern wie „Verlorene“ oder „Ein Kind Gottes“. Immer wieder stellt McCarthy die Frage nach der Urform des Bösen, erzählt er von der existenziellen Einsamkeit des Menschen, von Gottlosigkeit, davon, wie sich Zivilisation und Natur feindlich gegenüberstehen.

Der Roman ist in den unwegsamen, bergigen Regionen Tennessees angesiedelt

So etwas wie der Anspruch auf ein gutes Leben, auf Glück gar, sieht Cormac McCarthy für den Menschen nicht vor, auch nicht die Möglichkeit einer Erlösung, und „Der Feldhüter“ stellt gewissermaßen den Prolog für dieses beeindruckend-unerbittliche Werk dar. Der Roman ist in den unwegsamen, bergigen Regionen Tennessees angesiedelt, einige Kilometer entfernt von Städten wie Knoxville (wo der 1933 in Providence, Rhode Island geborene McCarthy einen Großteil seiner Jugend verbracht hat) oder Sevierville. Hier kreuzen sich in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Wege von Kenneth Rattner, einem umherstreunenden Tagelöhner und Säufer, und Marion Sylder, einem Whiskeyschmuggler, von Rattners Sohn John Wesley und dessen uralten Onkel Arthur Ownby, dem titelgebenden Feldhüter, der am Rand eines aufgelassenen Obsthains in einer kleinen Bretterhütte haust. Rattner sitzt eines Tages bei Sylder im Auto, und dieser hatte „eine tiefe und unerschütterliche Gewissheit, dass er sich in Gegenwart des Bösen befand“, mit der Folge, dass er Rattner umbringt, mehr oder weniger in Notwehr. Sylder verscharrt den Toten in einer Grube auf Ownbys Grundstück, was dieser beobachtet. In der Folge freunden sich Sylder und der Rattner-Sohn an – ohne zu wissen, dass sie es mit dem Mörder des eigenen Vaters und dem Sohn des Opfers zu tun haben.

Das klingt nach einer moralisch verzwickten, aber stringenten Geschichte, ist jedoch schon das Handlungskonzentrat dieses Romans, der alles andere als stringent erzählt ist. McCarthy bewegt sich auf der Zeitleiste vor und zurück, wechselt häufig die Perspektiven, beschreibt, was seine Figuren tun, aber nur selten, wie es in ihrem Innenleben aussieht, geschweige denn, dass hier viel geredet wird, auch nicht von den Polizisten, Tankwärtern oder Kneipenwirten, die den Roman zudem bevölkern. Dazu kommen Erinnerungen, Träume und Halluzinationen, die im Text zwar kursiv abgesetzt sind, sich aber nicht immer präzise einer Figur zuordnen lassen.


„Der Feldhüter“ lebt von seiner dichten, düsteren Atmosphäre, von Anfang an, diese und McCarthys Sprachreichtum helfen über seine dramaturgische Widerständigkeit hinweg. Die Verlorenheit der Figuren, die oft nur „der Alte“, „der Junge“ oder „der Mann“ heißen, sowie die Schönheit und die Härte der Natur durchdringen hier jede Zeile. Gerade bei den Naturbeschreibungen läuft McCarthy zu früher Höchstform auf, von Nikolas Stingl im Übrigen toll ins Deutsche übertragen.

Am Ende bekommt das Ganze etwas von einer Vertreibung aus dem Paradies, das nie eins war, insbesondere bezüglich des Alten, des Feldhüters, der sich nach einer Jagd auf die eigenen Dämonen unversehens im Gefängnis und in der Psychiatrie wiederfindet. Doch so ist das mit den Menschen, selbst den naturverbundensten, ihre Spuren verwischen sich, sie verschwinden und werden vergessen. Aber: „Immer noch bewegen sich über dem Land Sonne und Wind, um die Bäume, die Gräser zu verbrennen, zu wiegen.“
Cormac McCarthy: Der Feldhüter. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Nikolas Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016, 287 Seiten, 14,99 €.

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