Kultur : Da bin ich deutsch

Disziplin ist sexy: Wie der englische Lyriker Alistair Noon Gleichgesinnte um sich schart

Jan Oberländer

Ob er ein Bohemien sei? „Schön wär’s“, antwortet Alistair Noon und schaut vergnügt. Dass ein Berliner Expat, also ein Angelsachse, der im Ausland lebt, nicht Hemingway-mäßig in schummrigen Bars versumpft und in sein Moleskine-Notizbuch kritzelt, mag enttäuschen. Aber Berlin 2006 ist eben nicht Paris 1920. „Ich sitze nicht in Cafés rum“, sagt Noon. Schließlich muss er von irgendwas leben. Sein Brotjob ist die Sprachkorrektur von Forschungsarbeiten im Neuroimmunologischen Institut der Charité, eine Halbtagsstelle, aber es reicht. Noons wirkliche Berufung allerdings gilt der Poesie. Und die frisst Zeit, vor allem weil der 36-Jährige nicht nur schreibt, sondern auch als Veranstalter, Übersetzer und Redakteur eine Schlüsselfigur der englischsprachigen Lyrikszene Berlins ist.

Da ist etwa das Festival „Poetry Hearings“, das Noon zum zweiten Mal veranstaltet. Nachdem 2005 mit zehn Berliner Poeten ein Best-of der lokalen Expat- Szene antrat, erweitert Noon in diesem Jahr den Fokus. Unter den zwölf anglophonen Dichtern, die drei Abende lang im Salon Rosa auftreten, lebt nur der Brite John Hartley Williams – auf der Insel eine bekannte Größe – dauerhaft in Berlin. Expat-Autoren in der Hauptstadt befinden sich in einem Niemandsland, erklärt Noon, der seit 1993 an der Spree lebt. Kontakte zum Literaturbetrieb in ihren Herkunftsländern bestünden kaum. Und auch in der neuen Heimat ist die Vermittlung schwierig. Auf Literaturförderung können die Emigranten nicht hoffen: Englische oder amerikanische Stipendien und Preise werden nur an ortsansässige Autoren vergeben.

„Darum schaffen wir uns die Infrastruktur eben selbst“, sagt Noon. Das beginnt bei der Arbeit am Text. Im Zosch in der Tucholskystraße trifft er sich regelmäßig mit einer Handvoll anderer Expat-Poeten, um neue Arbeiten zu diskutieren. „Konstruktiven Konflikt“ nennt Noon das. Die Stilrichtungen, die in der Gruppe vertreten sind, ergeben ein gutes Bild für die Disparatheit der gesamten Szene: Mit den Worten „experimental, performance, mainstream, or none of these“, brachte Noon es in einem Programmheftbeitrag auf den Punkt.

Um Personen wie Noon und um Kneipen wie das Zosch (oder den Salon Rosa mit seinem monatlichen Open-Mike-Veranstaltungen) kristallisiert sich die Berliner Szene. Englische Buchläden wie East of Eden in der Friedrichshainer Schreinerstraße oder Books in Berlin in Charlottenburg versorgen die Exilliteraten mit Stallwärme und Lesestoff. Zudem finden dort regelmäßig Lesungen statt.

Früher ist Noon selbst oft auf die Bühne gegangen, er hat jahrelang Lautpoesie gemacht, die lebte vom Live-Vortrag. Mittlerweile aber konzentriert er sich lieber auf die Arbeit am Schreibtisch. „Cut the corner“, das ist ihm wichtig, „die Kurve schneiden“. Das heißt: Kein unnötiger Aufwand für Äußerlichkeiten. Noon gibt kleine DIN-A5-Broschüren heraus, „flash pamphlets“, die aus schlichten Schreibmaschinenseiten zusammengeheftet sind. „Deee-signnn“, flötet er und lacht.

Wenn die Rede auf seine lyrische Produktion kommt, lässt Noon, mit schiefen Grinsen und Working-Class-Raspelschnitt ausgestattet, eine anspruchsvolle Arbeitsethik erkennen. „Das klingt vielleicht arrogant“, sagt er, und weil ihm das unangenehm ist, stößt er ein bisschen mit der Zunge an, „aber viele Autoren sind einfach nicht bereit, hart zu arbeiten. Das heißt: zu lesen.“ Und: zu übersetzen, zu diskutieren, dazuzulernen. Eine Prinzipienfrage: „Wenn schon, denn schon“, sagt Noon, „da bin ich deutsch.“ Die Sprache beherrscht er perfekt, nur manchmal verrät der Sound den Briten. Trotzdem: „Ich würde nie ein Gedicht auf Deutsch schreiben“, sagt er und legt die Hände auf den Tisch. In seine Muttersprache übertragen, das ja. Das tut er auch mit russischen und chinesischen Gedichten. Für die neue Zeitschrift „no man’s land“ hat er Texte der Lyrikerin Monika Rinck übersetzt. Die Publikation ist ein Nebenprojekt der Berliner Literaturgruppe „lauter niemand“, die im zehnten Jahr ihres Bestehens ihre Zeitschrift zum ersten Mal in englischer Sprache herausgeben will.

„It’s a pretty noisy neighborhood these days“, schreibt Noon im vierten seiner „flash pamphlets“. Mit der rumorigen Nachbarschaft ist die englischsprachige Literaturszene gemeint. Sie bekommt dieser Tage sogar ein eigenes Magazin. Unter dem Titel „Bordercrossing Berlin“ will Noon ihr ein Forum geben - Noon ist Poesie-Redakteur. Fragt man ihn, ob das Treiben der englischsprachigen Berlin-Literaten auch für ein deutsches Publikum interessant sei, sagt er: „Klar.“ Und grinst: „Auch linguistische Macht ist sexy.“

„Poetry Hearings“, ab heute, 21 Uhr, Salon Rosa, Sophienstr. 18, Mitte (über den Sophiensälen); „no man’s land“ wird am 7. Dezember im Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Prenzlauer Berg, vorgestellt; „Bordercrossing Berlin“ wird am 2. Dezember in der Z-Bar, Bergmannstr. 2, Kreuzberg gefeiert.

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