Der Chorgesang in den Kirchen hat ihn musikalisch sozialisiert.

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Damon Albarn und sein Album "Everyday Robots" : Komm in meine Herzenskirche
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Foto: Warner
Britboy. Damon Albarn beschwört in „Everyday Robots“ auch die Erinnerung an Leytonstone, das Viertel, in dem er aufwuchs.

Eine wichtige Größe in seiner musikalischen Sozialisation waren Kirchen, obwohl die Familie nicht sonderlich religiös war. So spielte Damon Albarn als Jugendlicher gern Samstagvormittags – ganz allein – die Orgel einer kleinen Kirche im ländlichen Aldham bei Colchester, wohin er mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester 1977 gezogen war. In seiner alten, später sehr vermissten Londoner Nachbarschaft hatte ihn der Chorgesang fasziniert, der sonntags aus der Pentecostal City Mission Church drang. In einer kürzlich entstandenen BBC-Dokumentation erinnert er sich lebhaft daran, wie er immer mit dem Fahrrad auf der Straße stand und zuhörte: „Ich nehme an, etwas hat mich in meiner Seele berührt“.

Der heutige Chor dieser Pfingstgemeinde ist nun auf seinem neuen Album zu hören. Er begleitet die fröhliche Gospel-Pop-Nummer „Mr. Tembo“, die Albarn für einen verwaisten Baby-Elefanten aus Tansania geschrieben hat. Er lebt in einem Wildpark, der von Freunden Albarns betrieben wird. Seine Betreuer schauen gerne Gospel-TV, weshalb Albarn dachte, Mister Tembo könnte dieser von Ukulele und Rasseln begleitete Song gefallen.

Damon Albarn schreibt seinen Soundkosmos fort und wirft einen Blick zurück auf sein Leben

Zwischen den durchweg ernst-melancholischen Stücken von „Everyday Robots“ wirkt „Mr. Tembo“ wie ein kleiner Stimmungsaufheller – wobei die Platte keineswegs ein Runterzieher ist. Albarn schreibt seinen in der letzten Dekade entwickelten Soundkosmos konzentriert fort und wirft dabei einen Blick zurück auf sein Leben. Er habe eine „regelrechte Epiphanie im Vorfeld dieser Platte“ gehabt, sagte er der „Spex“. Er habe erkannt, dass „die Gründe für das, was ich heute tue, in meiner Vergangenheit liegen.“ Die Auseinandersetzung mit dieser Zeit habe ihn mit vielen Dingen versöhnt. Dabei ergab sich ein weiterer thematischer Fokus des Albums: die Auswirkungen moderner Technik auf den Alltag. Technik, die es in Albarns analoger Jugend noch nicht gab. So geht es etwa im Titelsong darum, wie Smartphones die Menschen zu Robotern machen. Albarn selber benutzt zwar kein Smartphone, dafür ist ein Tablet sein ständiger Begleiter. Er hat sogar schon ein ganzes Album damit aufgenommen.

Auch als er für „Everyday Robots“ an die Orte seiner Kindheit zurückkehrte, filmte er alles mit der iPad-Kamera, einige Soundsampels sind auf der Platte zu hören. Etwa in „Hollow Ponds“, das nach einem Teich benannt ist. Im heißen Sommer 1976 gingen die Londoner hier baden, wie Albarn singt. Ab 1979 hörte er eine andere Schulklingel und „Modern Life was sprayed on a wall in 1993“, eine Anspielung auf das im gleichen Jahr veröffentlichte zweite Blur-Album. Im letzten Viertel überführt eine klagende Trompete das Stück in ein finster dräuendes Finale, bei dem eine aus Leytonstone abfahrende U-Bahn zu hören ist. Ganz so, als beschwöre Albarn hier noch einmal seine kindliche Trauer über den Abschied aus dem geliebten Multikulti-Viertel und seinen Schock, in eine konservative, sehr englische Gegend verpflanzt zu werden.

Ähnlich düster geht es im Siebenminüter „You & Me“ zu, in dem Albarn begleitet von einem sparsamen Beat, fiepsendem Synthie und einer gezupften Akustikgitarre über seine Drogenzeit singt: „Tinfoil and a lighter/The ship across/Five days on and two days off“. Ausgetrieben wird der Heroin-Teufel durch ein Steeldrum-Solo, das Stück startet nach etwas über vier Minuten mit der betörend schön gesungenen Zeile „You can blame me blame me blame“ noch einmal neu. Es ist einer dieser sanften Zaubermomente, die ihm seit dem letzten Blur-Album „Think Tank“ immer wieder gelingen und wegen denen man ihn einfach lieben muss.

Inzwischen ist Albarn lange clean, sein „five days on“ bezieht sich heute höchstens noch auf seine striktes Arbeitsethos: Wochentags von 10 bis 18 Uhr arbeitet er, am Wochenende ist frei. Selbst mit seinem alten Intimfeind Noel Gallagher von der damaligen Britpop-Konkurrenz Oasis pflegt er mittlerweile einen freundschaftlichen Kontakt. Die Hoffnungen auf ein neues Album von Blur, mit denen er letztes Jahr einen triumphalen Auftritt beim Berlin Festival hinlegte, hat er allerdings wieder gedämpft. Keine Zeit.

Schmerzlindernd kann „Everyday Robots“ angewendet werden – vor allem der letzte Song „Heavy Seas Of Love“. Er klingt wie ein modernes Kirchenlied, bei dem Brian Eno die langsamen Strophen singt, auf die Albarn mit dem Chor mit einer grandios-explosiven Popmelodie antworten. Dazu Klavier und Claps, sofort mitsingbar. Das ist so mitreißend, dass die Anhänger der Albarn-Kirche sicher in der Seele berührt werden . Und vielleicht kommen noch ein paar neue Gemeindemitglieder dazu.

„Everyday Robots“ erscheint am Freitag, 25. April bei Parlophone/Warner. An diesem Tag wird es auch im Soundcheck auf Radio Eins (21 bis 23 Uhr) besprochen. Konzert von Damon Albarn im Astra Kulturhaus am 30. Juni

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