Dan Diner über Deutschland und Israel : Schwarzweiß und in Farbe

Die Buchmesse Leipzig widmet ihren Schwerpunkt dem Verhältnis von Deutschland und Israel. Unser Autor hat den israelischen Historiker Dan Diner in Halle 4 getroffen und spricht mit ihm über diese schwierige, besondere Beziehung.

von
Dan Diner
Dan DinerFoto: dpa/Jan Woitas

Es ist eine Art Heimspiel, das Dan Diner auf der Leipziger Buchmesse hat. 15 Jahre war er Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur der Universität Leipzig, das er 1999 gegründet hat, und er erklärt an diesem Freitagmorgen am Israel-Stand in Halle 4, dass für ihn diese Gründung auch bedeutet hätte, das Institut im städtischen Leben, im urbanen Raum zu integrieren: „Als ich gestern nach Leipzig kam, hatte ich das Gefühl, nie weg gewesen zu sein.“

Der Grund für Diners Rückkehr an seine Wirkungsstätte ist natürlich der Schwerpunkt der Messe, die israelische Literatur, das 50-jährige Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland 1965. Diner, der inzwischen Moderne Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem lehrt, hat jüngst ein Buch geschrieben, in dem er noch einmal weitere 13 Jahre zurückgeht, „Rituelle Distanz. Israels deutsche Frage.“

1952 begannen Israel und die Bundesrepublik nach ihren Staatsgründungen 1948 und 1949 Restitutions- und Entschädigungsverhandlungen zu führen, und brachten diese nach sechs Monaten in Luxemburg zu Abschluss. Diner gibt zu, dass „über diese sogenannte Wiedergutmachung“ genug Bücher geschrieben worden seien, das Thema regelrecht überforscht sei. Er habe aber vor einigen Jahren fast zufällig Berichte über den Vertragsabschluss am 10. September 1952 in einem kleinen Palais der Stadt Luxemburg gelesen und darin immer wieder den Ausdruck „frostige Stimmung“ gefunden: „Eigentlich musste das doch ein Vorgang gewesen sein, den beide Seiten zumindest mit einer gewissen Zufriedenheit zum Abschluss brachten. Und dann habe ich mir dieses Ereignis angeschaut, das sind 13 Minuten, so lange dauerte die Unterfertigungszeremonie. Wenn Sie so wollen, ist das ein Buch über 13 Minuten, das war damals wie auf einer Bühne, eine Choreografie, im Zeremoniensaal des Palais, an einem Zeremonientisch, und dann habe ich diese kurze Zeitspanne gewissermaßen unter ein Mikroskop gelegt und mir angeschaut, die Personen, die Protokolle.“

Diner bezeichnet diesen Moment als „moralischen Gründungsakt“ der Bundesrepublik und erzählt, wie sich damals zwei Parteien unter dem Eindruck des Holocausts gegenübersaßen, Täter und Opfer, deutsche Juden und Deutsche, die auf Englisch kommunzierten, von israelischer Seite wollte man das so, die sich aber annähern mussten: die Israelis, weil sie auf Restitutionszahlungen angewiesen waren, die ökonomische Existenz des jungen Staates auf dem Spiel stand, nach einem Bevölkerungszuwachs von 600 000 Menschen auf 1,5 Millionen. Und die Deutschen, weil sie sich eben auch an moralischer Wiedergutmachung versuchen wollten. Und trotzdem, so schreibt Diner in seinem Buch: „Nach außen hin sollte, trotz der zuvor diplomatisch erzielten Übereinkunft in der Sache, bleibender Dissens demonstriert werden. Einen das Vertragswerk besiegelnden Händedruck galt es zu vermeiden; Stille sollte obwalten. (…) Es schien, als laste über der Begegnung die Aura eines Banns.“

Diner führt weiter aus, wie dramatisch die Debatte im Knesset vor der Aufnahme der Verhandlungen war, drei Tage lang, „die Selbstverständigungsdebatte Israels überhaupt“. Sollte man Zahlungen aus dem Land der Mörder entgegennehmen? Und er schlägt einen Bogen in die Gegenwart: „Deutschland ist für Israel doppelt. Es gibt die Schwarzweißbilder der Vergangenheit – und den Farbfilm, die Gegenwart, Bundesliga, Autoproduktion, Berlin, Tourismus, beide laufen nebeneinanderher“. Dass aber der Schwarzweißfilm, der Holocaust, eines Tages nicht mehr zu sehen sein wird, glaubt Diner nicht, trotz einer inzwischen großen Offenheit der Israelis gegenüber den Deutschen. „Die Vergangenheit ist in die DNA Israels eingegangen, sie ist letzten Endes zeitresistent. Und die Nähe beider Länder ist allein historisch begründet“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar