• Danny Boyles Kunstraub-Thriller "Trance": "Trance" - ein kriminalistisches und erotisches Verwirrspiel

Danny Boyles Kunstraub-Thriller "Trance" : "Trance" - ein kriminalistisches und erotisches Verwirrspiel

Sex, Gewalt, Hypnose, Amnesie: Danny Boyle lässt in seinem wilden Thriller „Trance“ kaum etwas aus. Selber schuld, wer den Plot entwirren will. Viel schöner ist es, sich der Energie des Films zu überlassen.

Karl Hafner
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Rosario Dawson als Hypnotiseurin Elizabeth in "Trance".
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Rosario Dawson als Hypnotiseurin Elizabeth in "Trance".Foto: 20th Century Fox

Kein Kunstwerk ist so viel wert wie ein Menschenleben – das ist der Merksatz, der den Angestellten eines Londoner Auktionshauses eingebläut wird. Das ist auch der Satz, auf dessen Grundlage Auktionator Simon (James McAvoy) den Plan für einen Kunstraub entwickelt. Denn er weiß, wie sich die Kollegen verhalten werden, wie weit sie gehen würden. Man muss nur hart genug auftreten. Der Rest ergibt sich dann schon.

Danny Boyles „Trance“ beginnt wie ein typisches Heist-Movie: Er zeigt einen spektakulären Raub, einen groß angelegten Überfall, von der minutiösen Planung über die möglich sekundenpräzise Ausführung der Tat bis zu den womöglich fatal letalen Kollateralschäden. Dem britischen Regie-Meister gelingt die Inszenierung dieses dramatischen Kernstücks in sagenhafter Perfektion, stilsicher inszeniert und mitreißend rhythmisiert.

Zum Ersten, zum Zweiten ... Goyas „Hexentanz“, geschätzter Wert 40 Millionen, wird versteigert. Doch zum Dritten ... geht die Tür auf, Frank (Vincent Cassel) und seine schwer bewaffnete Bande betreten flink den Saal, und Hokuspokus, schon hat Simon das Bild!

Boyle hat „Trance“ während der Vorbereitungsarbeit zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London gedreht – und man kann sich vorstellen, wie viel Spaß er in den Pausen dieses staatstragenden theatralen Riesenprojekts gehabt haben muss, zurückzukehren zum Medium Film mit seinen Möglichkeiten der Suggestion und der Publikumsverwirrung. Nach dem Oscar-Hit „Slumdog Millionär“ und dem beklemmenden Bergsteigerdrama „127 Hours“ ist „Trance“ thematisch leichtere Kost: lässige Variation eines Genres, das Boyle gern mit eigenen Wendungen und Tricks bearbeitet.

Das Ding allerdings läuft nicht so glatt, wie es der Anfang erhoffen lässt. Denn es gibt einen Plan im Plan. Während des Überfalls schlägt der fiese Bandenchef Frank den Komplizen Simon k. o. – und plötzlich ist das Bild verschwunden. Simon wusste als Letzter, wo es ist, doch erinnert sich nicht daran, unter Folter übrigens erst recht nicht. Worauf der Film sich zu verästeln, zu verkleiden, zu verrennen beginnt, was ihn nur noch fesselnder macht. Schließlich setzen Frank und seine Spießgesellen auf Hypnose und auf die entsprechend spezialisierte Therapeutin Elizabeth (Rosario Dawson).

Elizabeth, eher Subjekt als Objekt der Begierde, macht das Spiel noch undurchsichtiger. Sie arbeitet mit allen Tricks nach dem Teile-und-herrsche-Prinzip: hier ein Küsschen für Frank, da ein Kuss für Simon. Bald wird sie zur Puppenspielerin und Voodoo-Priesterin eines psychosexuellen Thrillers, und die Männer sind ihren Aufklärungs- und Verführungskünsten vollends ausgeliefert. Was Traum ist und was Wirklichkeit, was Wunsch, Erlebtes oder Vergangenheit, ist bald nicht mehr zu unterscheiden – als sei’s ein neues Vexierspiel des Filmemachers Christopher Nolan. Da braucht es schon eine filmische Projektionsfigur mit den leicht entrückten Zügen des Schauspielers James McAvoy, um Simons ständig wechselnde Charakterzüge glaubhaft zu machen.

Es sind die Energie und die visuelle Wucht, die diesen Film so unterhaltsam machen. Wie und warum der Plot genau so funktioniert und nicht anders? Nicht so wichtig. Vielleicht braucht es gar einen guten Hypnosetherapeuten, wenn man es nachher ganz genau wissen will.

In zehn Kinos; Originalfassung im Cinestar SonyCenter, OmU im FaF und im Rollberg

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