Dario Fo und Felix Nussbaum : Der Komödiant und das Bild vom Tod

Einmal Gedenken, einmal Entdecken: Über die Kunstbände des kürzlich verstorbenen Literaturnobelpreisträger Dario Fo und die Autobiographie des Malers Felix Nussbaum.

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Dario Fo, der Theaterzampano und Literaturnobelpreisträger, wurde am 14.Oktober in Mailand beigesetzt.
Dario Fo, der Theaterzampano und Literaturnobelpreisträger, wurde am 14.Oktober in Mailand beigesetzt.Foto: dpa

Wer den Theaterzampano Dario Fo, der ja vor knapp zwanzig Jahren noch weitaus überraschender als jetzt Bob Dylan auch den Literaturnobelpreis erhielt, nur einmal leibhaftig erlebt oder seine verrückt anarchischen Komödien gesehen hat, der musste ihn lieben. Nun ist er mit 90 Jahren hinaufgeflogen in den ewigen Bühnenhimmel. Doch was in Deutschland nur zu wenige wissen: Dario Fo hatte ursprünglich nicht nur an der Mailänder Kunstakademie studiert und war – hierzulande vor drei Jahren in Frankfurt/Main – immer mal wieder in Ausstellungen mit seinen zwischen Im- und Expressionismus changierenden Bilder präsent.

Zudem aber hat der vielgesichtige Dramatiker, Schauspieler, Maler auch eine Reihe Bücher zur bildenden Kunst verfasst. Fo schrieb, vor allem in seinen späten Lebensjahren, ebenso anschauliche wie unterhaltsam populäre, gleichwohl höchst intelligente Studien über Giotto, Raffael, Mantegna, Michelangelo, Correggio, über Kunst und Geschichte der Stadt Ravenna, den Dom von Modena oder auch den „Nackten Picasso“.

Die schön bebilderten Bände sind allesamt im Verlag Franco Cosimo Panini im norditalienischen Modena erschienen. Ein Verlag, der weltweit weniger durch Fo als durch seine Comics, durch die „Panini-Bildchen“ und Sticker etwa von den Protagonisten der jüngsten Fußball-EM bekannt ist. Merkwürdig, dass freilich noch kein einziges jener Kunst-Bücher des großen Dario Fo ins Deutsche übersetzt worden ist. Es wären wahrlich Trouvaillen – und dabei leicht zu finden.

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Tausende nehmen in Mailand Abschied von Dario Fo
Tausende nehmen in Mailand Abschied von Dario Fo

Nicht völlig verloren ist das Werk von Felix Nussbaum. Der in Osnabrück als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie aufgewachsene, bis 1932 in Berlin ausgebildete Maler hatte die Machtergreifung der Nazis 1933 als Stipendiat der Villa Massimo in Rom erlebt, blieb dann im Exil, wo er 1940 in Brüssel verhaftet und von den deutschen Besatzern in ein französisches Internierungslager gebracht wurde. Im Spätsommer 1940 glückte ihm die Flucht zurück nach Brüssel, dort hat er im Geheimen weitergemalt. Sein an Otto Dix’ expressionistische Kriegs-Gespensterreigen wie an scheinbar nur surreale Schreckensbilder gemahnender „Triumph des Todes (Die Gerippe spielen zum Tanz)“ gilt als Nussbaums letztes Gemälde. Der Maler hat hier und in anderen Werken bereits aufgrund seiner ersten Verfolgungs- und Lagererfahrung den ganzen Horror des Holocausts erahnt – bis er und seine Frau, die noch wenig bekannte Malerin Felka Platek, im Sommer 1944 wieder verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurden. Der genaue Tag ihres Todes ist nicht bekannt.

Dem nur 40 Jahre alt gewordenen Nussbaum hat der in Brüssel lebende belgische Journalist und Buchautor Mark Schaevers nun eine überaus profunde, material- und bildreiche Biografie gewidmet: „Orgelmann . Felix Nussbaum – Ein Malerleben“. Der von der Berliner Übersetzerin Marlene Müller-Haas gut übertragene Band gehört bei der gestern zu Ende gegangenen Frankfurter Buchmesse zu den stillen Highlights der literarischen Gastlandregion Niederlande/Flandern. Zugleich macht er neugierig, auch Schaevers’ im vergangenen Jahr auf Niederländisch erschienenes Buch über den „Sommer 1936 in Oostende“ und die dort an der belgischen Küste versammelten Exilautoren Joseph Roth, Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch möglichst bald auch auf Deutsch lesen zu können.

Der Titel „Orgelmann“ meint Nussbaums gleichnamiges Gemälde von 1942/43, auf dem ein zehn Jahre zuvor noch an Paul Gauguin gemahnender Leierkastenspieler mittlerweile im Stil neuer Schreckens-Sachlichkeit zum Knochenflötenspieler geworden ist: mit rasiertem Schädel, Häftlingskluft und den Künstler selbst porträtierenden Gesichtszügen. Im Geburtsort Osnabrück hat er postum ein eigenes, von Daniel Libeskind entworfenes Museum, die Berlinische Galerie besitzt sein fabelhaftes Gemälde „Der tolle Platz“ (1931, der Sturm auf die Akademie der Künste auf dem Pariser Platz); nun ist Mark Schaevers’ Buch die Einladung, Felix Nussbaums Spuren mit vielen Entdeckungen auch literarisch zu folgen.

Mark Schaever: Orgelmann . Felix Nussbaum – Ein Malerleben. Galiani Verlag, Berlin, 469 Seiten, 38 Euro

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