Kultur : Das allerletzte Gefecht

Wolfgang Pohrt beerdigt auf einen Schlag Sozialismus, Kommunismus und Marxismus.

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Seit der großen Finanzkrise 2008 ist es wieder schick geworden, links zu sein. Der Ruf „Occupy Wallstreet!“ genügte, um eine Bewegung populär zu machen, die den Finanzkapitalismus abschaffen wollte, aber binnen eines Jahres selbst im Orkus der Geschichte verschwand. Gleichwohl hat sich im Lauf der Euro-Schuldenkrise der Talkshow- Antikapitalismus weiter ausgebreitet. Das deutsche Feuilleton steht in geschlossener Formation gegen Banken und Großkapital – von „Frankfurter Allgemeine“- Herausgeber Frank Schirrmacher („Ego“) über den Salonlinken Jakob Augstein bis Sarah Wagenknecht. Dass sie noch vor kurzem Stalin lobte, ist vergessen: „Und was immer man – berechtigt oder unberechtigt – gegen die Stalin-Zeit vorbringen mag, ihre Ergebnisse waren jedenfalls nicht Niedergang und Verwesung, sondern die Entwicklung eines um Jahrhunderte zurückgebliebenen Landes in eine moderne Großmacht während eines weltgeschichtlich einzigartigen Zeitraums.“

Umso erstaunlicher, dass gerade jetzt eine Polemik des Soziologen, „Konkret“- Autors und überzeugten Marxisten Wolfgang Pohrt erscheint, die gnadenlos mit den Glaubensbekenntnissen der radikalen Linken bricht: „Über den universellen Kapitalismus, den Kommunismus als Episode und die Menschheit als Amöbe“. Wolfgang Pohrt, Jahrgang 1945, klassischer 68er und ebenso geistreicher wie sprachmächtiger Gesellschaftskritiker, nimmt es ganz persönlich: „Ist es schlimm, nach lebenslanger Beschäftigung mit Marx einsehen zu müssen, dass der Kommunismus wohl doch nicht funktionieren kann?“

In einem furiosen historischen Abriss von Adam & Eva bis heute resümiert er die Irrtumsgeschichte der Linken, in der der Sozialismus stets als Ersatz-Paradies fungiert hatte. Was heute davon übrig ist, sei kaum mehr als „Kulturmüll“. Schon bei Marx gab es den Traum vom glücklichen Endzustand nach allen Klassenkämpfen, jene „Assoziation“, worin „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Ein „fürchterlicher Kitsch“, meint Pohrt, dem die „Befähigung“ schon anzumerken sei, „dereinst als Legitimationsideologie einer herrschenden Kaste zu dienen“, ganz im Sinne der fatalen Dialektik von Menschheitsbeglückung und Menschenfeindschaft. Allein, „vor 40 Jahren hat unsereins noch an die heile Welt geglaubt“.

Und mit ihm die gesamte Linke, die das „himmelsstürmerische Triumphgeheul jener wilden Jahre für bare Münze“ nahm. Dabei habe das „Revolutionstheater“ im „Zeitalter erwarteter Endsiege“ lediglich die gesellschaftliche Stagnation camoufliert: „Ahnungslosigkeit inspirierte unsere Träume“, klagt Pohrt und fragt: „War der Sozialismus, den wir im Mund führten, tatsächlich eine Idee, oder war er nicht eher eine gedankenlose Schwärmerei?“

Unvorstellbar in diesem Wünsch-dir- was-Kosmos, dass zwei Jahrzehnte nach 68 der „Kommunismus einfach so“ ablaufen würde „wie Badewasser, wenn man den Stöpsel zieht“. Offenkundig waren hier Kräfte im Spiel, „die wir gar nicht auf der Rechnung hatten“. „Die Wirklichkeit“ nannten das damals bürgerliche Spielverderber. Egal. „Um es kurz zu machen: Der Sozialismus ist erledigt, und endlose Zankereien, welches der echte, wahre, falsche, hübsche, hässliche oder richtige sei, bringen ihn auch nicht wieder auf die Beine.“

Sarkastisch stellt Pohrt fest: „Das größte Berufsrisiko für den Marxisten nämlich ist, dass der Kapitalismus tatsächlich abgeschafft wird. Danach stünde er vor dem Nichts.“ Aber keine Angst, denn wie soll sie bloß aussehen, die antikapitalistische Gesellschaft? Ratlos stehen die alten und neuen Systemkritiker vor der großen Alternative, die sich leider nicht mit flammenden Feuilleton- Essays bauen lässt.

So ist selbst noch die akute Krise des Kapitalismus konterrevolutionär. „Statt dem Sozialismus Auftrieb zu geben, haben die Finanzkrisen also seinen Untergang besiegelt“, diagnostiziert der Ex-Revolutionär. Der globale Kapitalismus ist faktisch alternativlos geworden – von China bis Amerika, von Russland bis Australien. Eine schmerzhafte Wahrheit auch für den eingefleischten Marxisten, der seinem Übervater schließlich den Gnadenstoß versetzt. Dessen Theorie von den ewigen Klassenkämpfen bis zum Endsieg des Proletariats, der das Paradies wiederherstellen solle, ist für ihn reine „Eschatologie“, pure Glaubens- und Heilslehre: „Marxens historischer Materialismus beweist also nichts anderes als die logische Unmöglichkeit jener finalen Revolution, die wissenschaftlich zu begründen sein Ziel ist.“

Ein Manko hat das verdienstvolle Buch: Es kommt ein bisschen spät. Wer wollte, konnte all dies schon vor Jahrzehnten wissen. Doch gerne bekennt der Rezensent, dass er ebenfalls zu jener merkwürdigen Spezies gehört, über die es heißt: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“

Pohrt sollte sich auf wütende Reaktionen gefasst machen. Wahrhaft Gläubige reagieren sehr ungnädig, wenn ihre Religion verunglimpft wird. Reinhard Mohr

Der Autor lebt in Berlin. Im April erscheint sein neues Buch „Bin ich jetzt reaktionär? Bekenntnisse eines Altlinken“.

– Wolfgang Pohrt:

Das allerletzte Gefecht. Über den universellen Kapitalismus,

den Kommunismus

als Episode und

die Menschheit als Amöbe. Edition Tiamat, Berlin 2013. 160 Seiten, 13 Euro.

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