Kultur : Das alte Lied von der Arbeit

30 Jahre Basis-Verleih: Eine Schau im Berliner Filmmuseum präsentiert ein Großkapitel westdeutscher Filmgeschichte

Christina Tilmann

1971, im Jahr der eigentlichen Gründung von Basis-Film, kommt vieles zusammen. In Frankfurt/Main gründet sich, unter Mitwirkung von Wim Wenders und Rainer Werner Fassbinder, der Filmverlag der Autoren, später auch das erste Programmkino in Westdeutschland. Das erste „Internationale Forum des Jungen Films“ findet parallel zur Berlinale statt. Willy Brandt erhält den Friedensnobelpreis. Und 18 Studenten der Berliner Filmhochschule dffb werden von der Akademie relegiert, weil sie 1968 an Protesten gegen die Notstandsgesetze teilgenommen haben. Einige von ihnen, darunter Harun Farocki und Christian Ziewer, gründen eine Filmgruppe, die im damaligen Berliner Neubaugebiet „Märkisches Viertel“ Basisfilme drehen will. Der erste, Ziewers „Liebe Mutter, mir geht es gut“, wird so etwas wie die Basis der Basis-Filmproduktion bilden.

Drei Jahre später, 1974, als neben der Filmproduktion auch der Basis-Filmverleih seine Arbeit aufnimmt, hat sich die Situation dramatisch verändert. Willy Brandt ist im Zuge der Guillaume-Affäre zurückgetreten, Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof sind verhaftet, Holger Meins ist an den Folgen eines Hungerstreiks gestorben. Und Deutschland ist mit dem 2:1 Sieg gegen die Niederlande Weltmeister geworden.

Der politische Impetus der Entstehungszeit ist dem Basis-Filmverleih, der mit einer Ausstellung im Berliner Filmmuseum sein 30-jähriges Bestehen feiert, erhalten geblieben. Und die persönliche Kontinuität auch: Seit der Gründung der Verleihs steht Clara Burckner an der Spitze des Unternehmens, das sich eine kulturelle, nichtgewerbliche Filmarbeit auf die Fahnen geschrieben hat. Das Ziel: „Zuschauer zu qualifizieren, qualifizierte Filme zu sehen“, wie es in einem Prospekt von 1990 heißt. Doch viel, so die zierliche, charismatische Gründerin, hat sich seit damals nicht verändert: „Der aufrechte Gang ist geblieben.“

Auch etwas anderes gilt bis heute: die Konzentration auf den deutschen Autorenfilm, seit den Neunzigerjahren verstärkt durch Dokumentar- und Kinderfilme. „Basis-Filme haben immer etwas quer zum Mainstream gelegen“, fasst es Filmmuseums-Chef Hans Helmut Prinzler zusammen. Namen wie Harun Farocki, Christian Ziewer, Ula Stöckl, Helga Reidemeister, Jeanine Meerapfel oder Helke Sander waren von Anfang an im Programm und werden bis heute gepflegt. Hinzugekommen sind ein Großteil des Werks von Rainer Werner Fassbinder und Wim Wenders. Und, bis heute, die Förderung des künstlerischen Nachwuchses: Andreas Kleinert oder Andreas Voigt waren Entdeckungen der Neunzigerjahre, Ulrich Köhlers „Bungalow“ und Torsten Löhns „Paule und Julia“ ragten zuletzt heraus.

Arbeiterfilme, Berlin-Filme, Frauenfilme, deutsche Geschichte, vor allem Nationalsozialismus, Krieg und Ökologie: das Basis-Programm, inzwischen auf fast 400 Filme angewachsen, spiegelt die gesellschaftlichen Debatten der vergangenen drei Jahrzehnte. Nicht nur die Geschichte eines Verleihs, ein Kapitel deutsche Filmgeschichte ist hier präsent, mit einem schrägen, sehr charmanten Blick.

Dass nach 1989 alles noch einmal anders wurde, war klar. Das Thema Arbeiterfilme hatte schon vor der Wende zu Kontakten geführt – die Ausstellung dokumentiert den Briefwechsel mit Christa Wolf. 1990 schließlich präsentiert sich Basis-Film auf dem ersten Dresdner Filmfest und wird gefeiert – so sehr, dass Ula Stöckl spontan beschließt, den nächsten Film in Dresden zu drehen. „Das alte Lied“ wird der erste Nachwende-Film.

Vor elf Jahren zog Basis-Film, auch aus Kostengründen, in die Provinz: Eine ehemalige Kachelofenfabrik in Neustrelitz wird zur Kulturfabrik umgebaut, ein Programmkino entsteht, das Basislager zieht um. Doch auch dort sind bald die Keller voll, mit Plakaten, Pressematerial, Korrespondenz. 4000 Leitz-Ordner zählt der Bestand, jeder Vorgang, jede Korrespondenz mit Regisseuren oder Kinobetreibern ist archiviert. Nun ist das Archiv an die Stiftung Deutsche Kinemathek gegangen – ein Geschenk, das den Anlass zur Ausstellung bildet. Wer immer künftig etwas über den deutschen Autorenfilm erfahren will, wird sich an die Kinemathek halten können. Und dort etwa erfahren, dass der Tisch, mit dem sich Basis-Film 1982 auf der Berlinale präsentierte und der in der Ausstellung noch einmal aufgebaut ist, immer noch überquillt. „Hier wird der deutsche Film instandbesetzt“, verkündet das Spruchband dazu.

Filmmuseum Berlin, bis 16. Januar, Di bis So 10 bis 18, Do 10 bis 20 Uhr. Zur Ausstellung zeigt das Arsenal-Kino eine Film-Reihe, parallel erscheint eine erste Basis-DVD-Edition.

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