Kultur : Das andere Bild

Im Kino: Martin Gerners Doku „Generation Kunduz“.

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Die Geschichte der fruchtbaren afghanischen Provinz Kunduz reicht bis in die Zeit Alexanders des Großen zurück. Die Stadt Kunduz und die Region sind wirtschaftlich und strategisch wichtig, 2001 war Kunduz die letzte größere Stadt, die die Taliban gegen die Nordallianz verteidigten. Auf der gefühlten Landkarte der Deutschen erschien Kunduz erst im September 2009, als ein Bundeswehroffizier den Abschuss zweier von den Taliban entführter Tanklastwagen anordnete. Bis zu 142 Menschen starben, größtenteils Zivilisten, darunter viele Kinder. Kunduz wurde zum Synonym einer militärischen Katastrophe, es kam zu Suspendierungen und Rücktritten, auch Verteidigungsminister Franz Josef Jung musste gehen.

Der Film „Generation Kunduz – Der Krieg der Anderen“ zeigt die Stadt aus einer anderen Perspektive. Nicht um den schlagzeilenträchtigen Einzelfall geht es, sondern um den chronischen Ausnahmezustand. Sechs Protagonisten kommen zu Wort: der zehnjährige Schuhputzer Mirwais, die junge Radioreporterin Nazanin, der Student Hasib, der sich als Wahlhelfer betätigt, der eitle Schauspieler Ghulam und seine ehrgeizige Produzentin Khatera, die gemeinsam einen Film drehen, und eine Polizistin. Letztere zieht sich langsam aus dem Projekt zurück, sie sorgt sich um ihre Sicherheit und darum, was die anderen von ihr denken, wenn sie mit einem ausländischen Mann verkehrt. Diese Episode lässt spüren, welche Vorbehalte Regisseur Martin Gerner überwinden musste.

Insgesamt gelingt es dem langjährigen ARD-Korrespondenten hervorragend, seinen Protagonisten viel Raum für ihre Weltwahrnehmung zu geben. Ihre Schilderungen sind oft überraschend – etwa als Nazanin erzählt, ihre Familie habe ihr von der Radiokarriere abgeraten, nicht etwa, weil sie eine Frau ist, sondern weil man fand, sie habe keine schöne Stimme. Gerners Beobachtungen setzen nicht auf Nachrichtenwert, sondern auf die Erforschung des Alltags. Umso merkwürdiger, dass dann doch ein ganz anderer Protagonist auftritt, der Vater von vier bei dem Nato-Angriff getöteten Kindern. Die Episode unterläuft den Ansatz des Films – und wird in ihrer Kürze auch dem Geschehen jener schicksalhaften Septembernacht nicht gerecht. David Assmann

Babylon Mitte, Tilsiter Lichtspiele

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