Das biographische Osterrätsel : Wer war’s?

Zehn Persönlichkeiten gilt es, anhand ihrer Lebensläufe zu erraten. Sie alle sind in Berlin präsent - und geben Straßen ihren Namen.

Wer war's?
Wer war's?Illustration: Michael Hahn für den Tagesspiegel

Vielleicht gehen Sie täglich an ihnen vorbei, vielleicht sind Sie als Berliner dort auch noch nie gewesen. Sie verstecken sich nicht, sie leben unter uns. Aber kennen wir sie noch? Wir suchen dieses Jahr Persönlichkeiten, die für würdig befunden wurden, durch ein Schild geehrt zu werden. Alle unsere Gesuchten haben einer Straße ihren Namen gegeben, Grund genug, sich ihrer zu erinnern – und ihre Geschichte zu erzählen. Klarheit bringt natürlich erst die Lösung, aber vielleicht kommen Sie den Gesuchten schon vorher auf die Spur.

Bitte schicken Sie Ihre Lösungen auf einer Postkarte an: Der Tagesspiegel, Redaktion Sonderthemen, Kennwort: Osterrätsel, 10491 Berlin. Die Namen derer, die richtig geraten haben, werden veröffentlicht (ohne Gewähr) – vorausgesetzt, die Einsendungen enthalten einen deutlich lesbaren Absender mit Adresse. Unter den richtigen Lösungen verlosen wir 30 Bücher. Im Internet steht das Rätsel unter www.tagesspiegel.de/osterraetsel2013. Einsendeschluss ist der 16. April (Poststempel). Sie können Ihre Lösung auch per E-Mail schicken: osterraetsel@tagesspiegel.de.

Los geht's:

1 Ein Mann mit eisernen Prinzipien

Er war schon ein Berliner, nun ja: geboren in Cölln, gegen Ende des Mittelalters. Aufgewachsen ist er aber im Fränkischen, die Familie hatte dort ihre Beziehungen. Nach dem Tod seines Vaters führte er, noch als Jugendlicher, die Geschäfte zunächst mit seinem Bruder, bald aber allein weiter, denn der Bruder schlug eine andere Karriere ein. Unumstritten ist sein Bild in der Geschichte nicht, denn er galt als hart, ja grausam, der Kopf eines seiner Gegner wurde nach der Vierteilung auf das Köpenicker Tor gesteckt. Andererseits galt er als gebildet, konnte wohl auf Latein parlieren, auch im Kreis der Kollegen, eine relativ exklusive und einflussreiche Runde. Er kümmerte sich um die Fortentwicklung von Gesetz und Recht und gründete dazu eine Einrichtung, die heute (wieder) besteht. Sein Beiname – und so heißt im Übrigen auch die nach ihm benannte Straße – deutet auf eine gewisse Anerkennung hin. Einmal floh er vor einem Gewitter aus der Stadt, weil er meinte, nun komme die neue Sintflut – später hat ein Schriftsteller diese Begebenheit in einem Roman verarbeitet. In der wichtigsten Frage seiner Zeit war er ausgesprochen konservativ. Seine Haltung zerstörte seine Ehe, seine Frau flüchtete ins benachbarte „Ausland“, was ihr vielleicht das Leben rettete. Hätten die späteren Nachfolger seine Position in dieser Frage weiterverfolgt, wäre die deutsche Geschichte möglicherweise ein wenig anders verlaufen.

2 Eine Frau mit scharfem Verstand

Ihr Markenzeichen war eine schwarze runde Hornbrille, und mit dieser auf der Nase spazierte sie genau dort herum, wo zuvor die Männer unter sich geblieben waren. Diesen „Ort der Männer“ beobachtete sie und beschrieb, was dort geschah: Denn es ging um Recht und Unrecht, um Schicksale, Armut, Gewalt und Verrat. Ihr Blick durch die Hornbrille hindurch war scharf, und ihre Sprache war es nicht minder; pointiert, lebendig, oft auch satirisch war ihr Stil, und was sie schrieb, wurde gelesen und geschätzt. Sie wagt sich an einen ersten Roman: sofort Erfolg! Was in ruhigeren Zeiten sicher geglückt wäre, eine Karriere als Schriftstellerin, war ihr jedoch nicht vergönnt. Ihre Feinde wollten sie vernichten, standen schon mit Waffen und Gebrüll vor ihrer Tür, nur knapp konnte sie entkommen. Das Ausland bot ihr Sicherheit, aber keine Entfaltung für ihr Talent. Als Autorin konnte sie sich dort nicht etablieren. Und die Heimat, die irgendwann wieder zur Vernunft kam? Hatte andere Sorgen und interessierte sich nicht für Schreiberlinge, über denen die Wogen der Geschichte zusammengeschlagen waren. Sie fand keine Verleger und begnügte sich mit einer Rolle als Kulturvermittlerin. Erst nach Jahrzehnten wurden ihre Texte wieder entdeckt, ihre Romane wurden neu aufgelegt und ihre Autobiografie erschien, was sie allerdings nicht mehr miterlebte. Wer heute nach Büchern von ihr sucht, wird nur im Antiquariat fündig.

3 Eine Frau, die Prominenz empfing

Ob ihr die Gegend, in der eine Straße ihren Namen trägt, gefallen würde? Gewohnt hatte sie jedenfalls in einem anderen Stadtteil, der auch heute noch zu ihr passen könnte. Ihr Wohnhaus existiert allerdings schon lange nicht mehr. Als Jüngste von fünf Geschwistern wurde die Gesuchte in einer Stadt an der Weichsel geboren. Was sie werden wollte, wusste sie früh und verfolgte zielstrebig ihren Weg. Mit Mitte zwanzig war sie Studentin in Berlin und bald bekannt in der Berliner Gesellschaft. Namhafte Schauspieler, Architekten oder Ärzte hielten sich bei ihr auf. Ihnen schaute sie lange ins Gesicht – und tief in die Seele hinein. Am liebsten aber hatte sie Besuch von Frauen, die engagiert und mutig für ihre Rechte stritten. So wie sie selbst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wagte sie, mit vielen anderen, an einer Männerdomäne zu rütteln – ohne Erfolg. Es fand sich eine Alternative, die schnell Zeichen setzen sollte. Sie liebte Berlin und verließ die quirlige Großstadt doch immer wieder. Jeweils für mehrere Monate fuhr sie in die Heide oder ans Meer, aber auch in die Schweiz, nach Holland oder Italien. Ach, wäre sie doch irgendwann auch, so wie eine Kollegin, nach England gereist. Aber sie blieb in Berlin, war wohl zu tief verwurzelt in dieser Stadt, in der sie so viele Freunde und Bekannte hatte. Doch als sie deren Hilfe nötig gehabt hätte, versagten diese. Am Zielort ihrer letzten Reise, zu der man sie gezwungen hatte, starb sie. Nicht einmal ein Grab gibt es dort für sie.

4 Ein Mann der Bildung und des Theaters

Eigentlich ist es nur ein Trampelpfad, ein Durchschlupf für Fußgänger und Radfahrer zwischen einer der großen Berliner Ausfall-Alleen und einer Wohnstraße. Zudem führt der Name des gesuchten Weges spontan in die Irre: Weil jeder halbwegs Kulturinteressierte dabei automatisch an den weltberühmten Sohn denkt. Gemeint ist aber der Vater, ein honoriger Bürger, der sich schon als junger Mann den alten Sprachen verschrieb, dann das deutsche Bildungssystem voranbringen wollte, dazu eine höhere Lehranstalt gründete, der er lange vorstand, und außerdem das „Theater der Schulen“ ins Leben rief. Allein für Letzteres dürfen Generationen von Berlinern dem Gesuchten dankbar sein. Denn jahrzehntelang schickte diese wohltätige Organisation Pennäler zu stark ermäßigten Preisen in die Musentempel; heute ist sie Teil des Jugendkulturservice. Lange bevor feststand, dass der eigene Filius einmal im klassischen Fach brillieren würde, koppelte der Vater 1934 seinen Namen mit dem eines musisch interessierten Verwandten mütterlicherseits, dem Widmungsträger einer populären Kantate eines vielgeliebten Barockkomponisten aus Mitteldeutschland. Die erste Benennung des Weges nach dem Altphilologen erfolgte am 28. August 1959, am 2. Dezember 1964 wurde die Straße entwidmet, erhielt jedoch später ihren Namen zurück.

5 Eine Frau, die Pionierin ihres Faches war

Unser täglich Brot hatte es ihr angetan – oder vielmehr der Stoff, aus dem es gebacken wird. Über die wichtigsten Brotgetreide hat sie ein grundlegendes Buch verfasst. Wie sie überhaupt eine Pionierin war. Sie gehörte zu den ersten Frauen, die in ihrem Land Naturwissenschaften studieren durften. Und hatte dann gehörigen Anteil an der Entwicklung der Methoden ihres Fachs. Dass sich Experimente auch in ihrem Arbeitsfeld als wesentliche Wege zur wissenschaftlichen Erkenntnis etabliert haben, ist nicht zuletzt ihr Verdienst. Genutzt hat ihr das zunächst nichts – jedenfalls für eine Karriere. Wie praktisch alle Frauen ihrer Zeit gehörte sie zum akademischen Prekariat, Privatdozentin ohne feste Stelle. Dass sie zudem eine ungewöhnlich offene Gegnerin der Machthaber im Land war, führte schließlich dazu, dass sie gar nicht mehr an der Universität arbeiten durfte. Sie hatte verfolgte Kollegen auf internationalen Fachkongressen verteidigt, Untergetauchte unterstützt und offen geredet. Mit einer viel berühmteren Kollegin, die fliehen musste, war sie viele Jahre lang eng befreundet. Doch ausgerechnet ihre Meinungsverschiedenheiten über Ursachen und Folgen der Diktatur entfremdete sie der Freundin, die übrigens auch Naturwissenschaftlerin war, allerdings eines anderen Fachs. Mit 65 wurde sie doch noch Professorin. Begraben ist sie nahe ihrer Universität, die nach ihr benannte Straße liegt am anderen Ende der Stadt.

6 Ein Tüftler in Theorie und Praxis

Der Gesuchte wurde unter einem einfachen Namen dort geboren, woher vor allem in den beiden vergangenen Jahrhunderten viele „ordentliche Berliner“ stammten. Nach dem Krieg 70/71 zog es also auch den Kaufmannssohn in die Hauptstadt. Er kam zum Studium und reüssierte bereits kurze Zeit später in der Wissenschaftswelt, in die er eingetaucht war. Vor allem Zahlen waren seine Sache, zudem befasste er sich ausführlich mit exzentrischen Dingen. Dabei behielt er sein Wissen keineswegs für sich, sondern war sehr freigiebig und ließ andere teilhaben. Trotz aller Theorie blieb er auch ein Mann fürs Praktische und hinterließ der Nachwelt so einiges. Viele nutzen es bis heute, kommen dabei oft ins Staunen und Schwitzen. Im Übrigen galt der Mann, der einen Sohn gleichen Namens hatte, als diszipliniert. Er liebte vor allem feste Strukturen in seinem Leben. Sein Grab in Berlin wurde vor kurzem aufgelassen, dort ruht nun jemand anderes. Seinen Namen jedoch kennen noch viele, auch junge Menschen, vor allem in Charlottenburg.

7 Eine Frau mit einem klaren Plan

Eine echte Berlinerin war sie, hier geboren und mit 54 Jahren auch hier gestorben, aus einer hugenottischen Familie stammend, die die Protestantenverfolgung in Frankreich zuerst nach Skandinavien und dann in die Mark Brandenburg getrieben hatte. Sie selbst, zweimal verwitwet, war eine stille Person, vielleicht sogar ein wenig langweilig. Nie sei auf ihrem Gesicht irgendeine Regung zu erkennen gewesen, schreibt eine Zeitgenossin. Doch dass ihre beiden jüngsten Kinder die intellektuelle Geschichte Deutschlands später so deutlich und bis heute prägen konnten, das war zunächst ihr Verdienst – in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur organisierte sie für den Privatunterricht der beiden eine lange Reihe großer Gelehrter und Künstler. Das nicht unbeträchtliche Vermögen, das sie hinterließ, erlaubte ihrem jüngsten Sohn erst jene ausgedehnten Reisen, die seinen Ruhm begründeten. Die Grabstätte der Gesuchten, wohin auch ihre beiden Ehemänner umgebettet wurden, liegt ganz in der Nähe der Straße, die nun seit ein paar Jahren ihren Namen trägt.

8 Eine Frau, die für Gerechtigkeit kämpfte

Ihr Leben endete unter dem Fallbeil. In der Hinrichtungsstätte Plötzensee. Vor fast 70 Jahren. Die Gesuchte – Tochter eines katholischen Beamten (SPD-Mitglied) und einer zum Katholizismus konvertierten Jüdin – stammte aus dem Rheinland, wuchs aber unter anderem in Posen und Stettin auf. Ihre Leidenschaft war die Musik, doch studierte sie, aus einem starken Gerechtigkeitssinn heraus, Rechtswissenschaft. Examen und Promotion waren ihr als „jüdischem Mischling ersten Grades“ aber verwehrt. Ihren Lebensgefährten, einen Zahnarzt, durfte sie nicht heiraten. In Berlin, wohin sie mit ihm gezogen war und wo auch ihre Familie mittlerweile lebte, arbeitete sie als Sekretärin. Nach Kriegsbeginn half sie versteckten Juden, gehörte bald zu einer Widerstandsgruppe um einen Beamten im Reichswirtschaftsministerium und einen Offizier. Sie tippte Flugblätter und Reden des Münsteraner Bischofs Galen gegen Euthanasie auf ihrer Schreibmaschine, verteilte sie per Post oder bei Klebeaktionen. Die Verbreitung war nicht groß, doch das Reichssicherheitshauptamt wurde nervös. 1942 flog die Gruppe auf, die meisten Mitglieder kamen in Haft, wurden verurteilt und ermordet. Eine mitinhaftierte Polin schrieb angesichts der Verurteilung ihrer Zellennachbarin, sie frage sich, was aus einem Volk werde, das seine wertvollsten Menschen um die Ecke bringt.

9 Ein Mann unter fremder Flagge

Nicht jeder Name scheint für eine internationale Karriere geeignet zu sein. Der in die britische Marine drängende Józef Teodor Natecz Konrad Korzeniowski jedenfalls wollte den neuen Kollegen diesen Zungenbrecher nicht zumuten und nannte sich kurz Joseph Conrad. Unser Fall hier liegt ähnlich. Nur genügte dem jungen Seemann – dessen Geburtsort wie der Conrads fern aller Meere lag und der später in sich ebenfalls schriftstellerische Neigungen entdeckte – der Austausch eines einzigen Buchstabens, um ihn an sein neues berufliches Umfeld und die dortige englische Sprache anzupassen. Ein aufs ganze Leben gerechnet voreiliger Entschluss, denn richtig Karriere sollte er unter anderen Flaggen und in anderen Sprachräumen machen. Erst im Südosten des Kontinents, dem er entstammte, dann in seinem Heimatland – das zur Zeit seiner Geburt von einem Einheitsstaat noch weit über ein halbes Jahrhundert entfernt war. Aber bevor es dazu kam, hatte man es zumindest einmal ernsthaft versucht. Ihm war dabei in seinem Berufsfeld eine zentrale, ja die höchste Rolle zugekommen. Dass gerade Krieg herrschte, half ihm bei seiner Aufbauarbeit. Denn als dieser Krieg zu Ende war, wurde auch sein Werk schnell wieder abgewickelt.

10 Ein Mann, der Massen Kunst nahebrachte

Zwar hat der Mann in „seiner“ Straße nie gewohnt, gekannt haben dürfte er sie aber gut, denn einer seiner engsten Weggefährten war eine Zeitlang hier zu Hause. Er selbst lebte gewissermaßen um die Ecke. Dass die Straße nach ihm benannt wurde, ist nur gerecht. Denn nicht zuletzt der Gesuchte – eine vollbärtige, stattliche Erscheinung – machte diese Gegend zu einer namhaften Adresse. Viele folgten ihm und seinem Gefährten, die Wohnungen beider wurden zu beliebten Treffpunkten in Künstlerkreisen. Und das, obwohl man hier aus Mitte-Perspektive quasi jottwedee ist. Mitte-Perspektive hatte der Mann. Dort sieht man heute noch das steingewordene Ergebnis seines Wirkens: ein Haus, das die Kunst, an der ihm etwas lag, für alle zugänglich machen sollte. Leben wollte er im Zentrum indes nicht, den geborenen Magdeburger zog es „in die Kiefernheide“. Gar nicht weit von dieser wohnte ein anderer Großer, der ihm aus seinem Werk in eben jenen Wäldern vorlas. Unser Mann war begeistert und befand, jeder sollte die Stücke dieses Großen kennen. Überhaupt lag ihm sehr viel an der Bildung der Massen. Gestorben ist der Gesuchte dann zwar ganz woanders, doch seine letzte Ruhestätte fand er wieder unter Kiefern in einem ruhigen Berliner Ortsteil.

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