Kultur : Das Böse trägt Anzug und Krawatte

Barbara Kirchners Roman „Die verbesserte Frau“.

Moritz Scheper

Spurlos verschwinden junge Frauen, werden gewaltvolle Morde begangen, ranken sich Gerüchte um das neue medizinische Forschungszentrum „auf dem Guten Weißen Berg“. Nur sind das zunächst alles Hintergrundgeräusche im Leben von Bettina Ritter, die ihre Zeit mit Nebenjobs und der Suche nach einer Partnerin verbringt. Bis einer ihrer Flirts brutal verstümmelt aufgefunden wird.

Dass Barbara Kirchner über Borbruck, den Schauplatz ihres Romandebüts „Die verbesserte Frau", auch noch eine Hitzeglocke legt, ist fast schon zu viel der Kolportage. Aber nur fast. Denn Kirchner weiß das Populäre vom Trivialen zu trennen. Aus einem Füllhorn bekannter Motive und Handlungsschemata knüpft sie die Geschichte um die Studentin, die in eine Riesensauerei schlittert.

Früh erfährt der Leser, dass jenes mysteriöse Forschungszentrum die attraktiven Frauen entführen lässt, um sie für eine solvente US-Kundschaft zu veredeln. Will heißen: neurologisch zu optimieren, auf dass ihnen Schmerz wie Lust vorkomme. Doch warum gewährt Kirchner gleich zu Beginn Einblicke in diese klandestine Perversion? Weil sie die atemstockende „shock-and-awe“-Taktik der Bahnhofsbuchhandlungsthriller weniger interessiert als die Entwicklung Bettinas, die durch ihren gesunden Selbstermächtigungsdrang vom Spielball zur Spielerin mutiert. Spätestens nach dem zweiten Opfer in ihrem Bekanntenkreis ist ihr Jagdinstinkt geweckt, und Kirchner wirft sie in den aussichtslosen Kampf gegen ein finanzkräftiges Kartell, das längst auch staatliche Behörden für sich arbeiten lässt. Bei aller Überzeichnung bleibt deutlich, dass die Mechanismen informeller Arrangements zwischen Politik und Wirtschaft sowie das strukturelle Drittmitteldrama der Universitäten in Ansätzen der politischen Realität unseres Landes entsprechen. Im Verein mit der blutigen, schnellen und ereignisreichen Machart kann man „Die verbesserte Frau“ auch als Deutschland Noir lesen.

Vorbild von Kirchners Heldin ist die Vampirjägerin Buffy. Wie Dietmar Dath, mit dem sie kürzlich das Theoriekonvolut „Der Implex“ veröffentlicht hat, ist Kirchner eine glühende Anhängerin der US-Serie. Diese basiert darauf, dass das blonde Mädchen im Horrorfilm nicht schreiend davonrennt, sondern sich den Monstern stellt. Mit Bettina überführt Kirchner die Buffy-Figur in eine Welt, in der die Bösewichte nicht mehr an ihren langen Eckzähnen zu identifizieren sind, sondern gut getarnt in Instituten und auf Verwaltungsposten sitzen. Nun ist „Buffy“ keine neue Serie, und auch „Die verbesserte Frau“ ist bereits vor zehn Jahren in Mini-Auflage erschienen. Von seiner Brillanz und Aktualität hat dieser Roman aber nichts verloren. Moritz Scheper

Barbara Kirchner: Die verbesserte Frau. Roman. Verbrecher Verlag, Berlin 2012, 250 Seiten, 14,00 €.

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