Kultur : Das Böse, Wilde, Wahre

Der Sammler Harald Falckenberg mag die Unangepassten, Künstler wie Kippenberger, Meese und Gregor Schneider. Seine Kollektion präsentiert er in den Phoenix-Hallen in Hamburg-Harburg.

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Besucher willkommen. Außen Rotklinker, innen White Cube: Der Berliner Architekt Roger Bundschuh hat das fünfstöckige Gebäude in Harburg in einen minimalistischen Kunstpalast verwandelt. Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen
Besucher willkommen. Außen Rotklinker, innen White Cube: Der Berliner Architekt Roger Bundschuh hat das fünfstöckige Gebäude in...

Interviews gibt Harald Falckenberg seit einiger Zeit keine mehr. „Es ist schon so viel über mich geschrieben worden, dass ich keine Lust mehr habe, immer dasselbe zu erzählen“, sagt er am Telefon. Tatsächlich ist der Kunstsammler aus Harburg mit der eigenen Galerie vier S-Bahn-Stationen vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt längst weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus bekannt. Der smarte Endsechziger hat einen Professorentitel, ist gelernter Jurist und seit 1979 Geschäftsführer der Firma Elaflex für Tankstellenzubehör, Zapfsäulen und Schläuche. In knapp 20 Jahren hat er eine Kunstsammlung aufgebaut, die laut US-Magazin „Artnews“ zu den 200 besten der Welt zählt.

Falckenbergs Kollektion, 2009 mit dem Art-Cologne-Preis ausgezeichnet, ist in den pittoresken, teils denkmalgeschützten Phoenix-Hallen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in Hamburg-Harburg untergebracht, einer vormaligen Gummiwarenfabrik. Das fünfstöckige, altväterliche Rotklinkergebäude hinter Tor 2 befindet sich seit 2007 im Besitz von Falckenberg; der Berliner Architekt Roger Bundschuh hat es in einen weißen, minimalistischen Kunstpalast verwandelt. Besucher sind willkommen, zu festen Führungsterminen fünf Tage die Woche. Und zu Ausstellungseröffnungen mit Drinks und Snacks, bei denen sich viel junges Volk drängelt.

Harald Falckenberg sammelt seit 1994 und inzwischen in großem Stil Groteskes, Subversives und Provokatives von Kippenberger über Meese und Slominski bis Paul McCarthy, Richard Prince und Tom Wesselmann. Die Grenzen zwischen Kunst, Kitsch und Alltag sind fließend. Favorisiert wird „bad painting“, möglichst weit weg vom Schönen, Guten, Wahren in der Kunst. Falckenberg schätzt vor allem die Unangepassten. „Künstler fördern, die Kritik üben, Widerstand leisten und sich nicht vereinnahmen lassen,“ lautet sein Credo. Der Sammler sieht darin ein Stück Selbsterfahrung, „eine Form der Auseinandersetzung mit dem Leben“. Die Beschäftigung mit solchen Arbeiten, sagt er, erweitert beim Betrachter das Bewusstsein und hilft ihm, die Welt neu und anders zu erfassen.

Falckenbergs vielfältige Kollektion anarchistischer, polemischer „Counter Culture“ vereint inzwischen 2000 Werke zeitgenössischer Kunst von mehr als 150 Künstlern – Gemälde, Skulpturen und Fotografien. Dazu Installationen, die zum Teil permanent installiert sind wie Thomas Hirschhorns „Bernsteinzimmer“ von 1998/1999, John Bocks „ArtemisiaSogJod Meechwimper lummering“ oder Jonathan Meeses „Goldenes Skelett“ von 2000. Der Schwerpunkt liegt auf deutscher und amerikanischer Gegenwartskunst der letzten 30 Jahre. Wichtige Positionen sind in Werkgruppen vertreten.

Falckenbergs Schätze machen Museen weltweit begehrlich: Ständig sind etwa 200 Arbeiten aus seinem reichen Fundus auf Ausleihe rund um den Globus unterwegs. Da kommt institutionelle Hilfe gelegen. Im Januar 2011 ist der Sammler mit seiner Kollektion als Dauerleihgabe organisatorisch, konzeptionell und teils auch finanziell unter das Dach der vom Hamburger Senat geförderten Deichtorhallen geschlüpft. Die Crew unter Dirk Luckow bespielt bis 2023 die üppigen 6200 Quadratmeter in der Phönix-Halle mit oder greift wie bei der Ausstellung „Thomas Olbricht und Harald Falckenberg“ für eigene Schauen auf die Harburger Kollektion zurück.

Neben der Präsentation der Sammlung gibt es in Hamburg-Harburg weiterhin fünf bis sechs Wechselausstellungen pro Jahr. So war zu Beginn 2011 „Captain Pamphile“ zu sehen; dafür hatten 63 junge Künstler den gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas in Bilder umgesetzt. Anschließend wurde die Amerikanerin Marilyn Minter mit einer erotischen Synthese von Malerei und Fotografie vorgestellt.

Einen interessanten Kontrast dazu bot der gleichzeitig eingeweihte permanente Raum für die 2009 verstorbene Hamburger Konzeptkünstlerin Hanne Darboven. Viel Zuspruch fand auch die Sommerausstellung 2011 zum Schweizer Multitalent Dieter Meier, der mit seiner Elektropopband Yello berühmt geworden ist.

Es folgte die interdisziplinäre Schau „Atlas – How to Carry the World on One’s Back“, die ausgehend von Aby Warburg Arbeitsweisen von Künstlern thematisierte. Gezeigt wurden unter anderem das Herbarium von Paul Klee, Josef Albers’ Fotoalbum zur präkolumbischen Kunst und Montagen für Gerhard Richters „Atlas“.

Aktuell präsentiert Falckenberg bis August unter dem Titel „Places, Strange and Quiet“ 60 melancholische Riesenfarbfotos von Wim Wenders. Sie zeigen verlorene Orte im Westen der USA, im Osten Deutschlands, in Südamerika, Südostasien oder sonstwo auf der Welt und wollen sie auf diese Weise vor dem Vergessen bewahren. Parallel dazu sind Arbeiten des Wahl-Hamburgers und Edwin-ScharffPreisträgers 2011 Peter Piller zu sehen, der gefundene Trivialfotos zu seltsamen Bildikonografien verarbeitet. Bis September kommt eine Videoinstallation des Hamburger Filmemachers Benjamin Geissler hinzu, eine filmische Dokumentation der zerstörten Wandmalereien des 1942 von den Nazis ermordeten polnischen Schriftstellers und Malers Bruno Schulz. Die unter den deutschen Besatzern entstandene, verschollen geglaubte Bilderkammer wurde 2001 von Geissler bei Dreharbeiten entdeckt und maßstabsgetreu virtuell rekonstruiert.

„Die Sammlung entwickelt sich gut“, sagt Miriam Schoofs, Falckenbergs Kuratorin und Verbindungsfrau zu den Deichtorhallen. Über Geld spricht sie nicht, auch Falckenberg macht „grundsätzlich keine Angaben zu Neuzugängen, Kaufpreisen oder Werten und Versicherungssummen“. Früher war der Sammler weniger zurückhaltend. 2007 erzählte er der „Süddeutschen“, dass er für 50 000 Euro gerade eine Fotoserie des britischen Konzeptkünstlers Victor Burgin und kurz zuvor eine Guantanamo-Zelle von Gregor Schneider für 100 000 Euro erworben hatte.

Immerhin lässt Harald Falckenberg wissen, dass er Kunst nie bei den Künstlern selbst erwirbt, sondern bevorzugt bei ihm bekannten Galeristen, wenn sie ihm zu Objekten als Erweiterung seiner Sammlung raten. Auch Messen wie die Art Basel besucht er, angeblich gern an den letzten Tagen, um „Liegengebliebenes zu begutachten, Gespräche mit Galeristen zu führen und Arbeiten aus dem Depot zu sehen“.

Harald Falckenberg gehört nicht zu jenen Sammlern, die am liebsten diskret im Hintergrund bleiben. Unermüdlich kuratiert er Ausstellungen, hält Vorträge, diskutiert auf Podien und Parties, veröffentlicht Aufsätze in Tageszeitungen und Kunstzeitschriften. Berühmt sind seine beiden Essaybände von 2002 und 2007 über das Sammeln, die Künstler und den Kunstbetrieb. Dort gesteht er: „Sammeln ist für mich geistige und emotionale Auseinandersetzung, Traum und Trauma, letztlich ein Stück Selbstverwirklichung im wahrsten Sinne des Wortes.“

Sammlung Falckenberg/Deichtorhallen Hamburg: Wilstorfer Str. 71, Tor 2, 21073 Hamburg-Harburg. Besuch nach Anmeldung. Infos dazu: www.sammlung-falckenberg.de und www.deichtorhallen.de

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