"Das Bourne Vermächtnis" : Der perfekte Agent

Es geht auch ohne Matt Damon, aber längst nicht so gut. In Teil 4 der „Bourne“-Serie ist Jeremy Renner der Held auf der Flucht.

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Jäger und Gejagter. Jeremy Renner ist Agent Aaron Cross. „Das Bourne Vermächtnis“ kommt am Donnerstag in 19 Berliner Kinos. OV im Cinestar Sony-Center.
Jäger und Gejagter. Jeremy Renner ist Agent Aaron Cross. „Das Bourne Vermächtnis“ kommt am Donnerstag in 19 Berliner Kinos. OV im...Foto: Universal

Ein Bourne-Film ohne Bourne? Ohne Matt Damon, den Mann ohne Gedächtnis, der auf der Flucht vor dem Geheimdienst zum Fahnder nach der eigenen Vergangenheit wurde? Nur sein Foto rückt gelegentlich ins Bild, und einmal heißt es am Telefon, Bourne sei in Manhattan. Kleiner Gruß an die Fans: In Teil 3, dem „Bourne Ultimatum“ (2007), hatte die Hetzjagd quer über den Globus bis nach Manhattan geführt.

Teil 4 der Serie (die seit der „Bourne Identität“ 2002 rund 950 Millionen Dollar einspielte) führt einen neuen Helden ein: Aaron Cross, gespielt von Jeremy Renner. Grund für den Wechsel ist ein böses, von Gerüchten umranktes Zerwürfnis. Drehbuchautor Tony Gilroy soll Paul Greengrass’ Regie von Teil 2 und 3 ein „Verbrechen gegen den Gott des Geschichtenerzählens“ genannt haben, Matt Damon wiederum beschimpfte Gilroys neues Script angeblich als „Karrierekiller“. Nun führt Gilroy selbst Regie – und hat eine Parallelstory erfunden, zeitgleich zum „Bourne Ultimatum“ (2007), aber unabhängig von Robert Ludlums Romanvorlagen. Ein Sidekick also, aber ein ziemlich epigonaler. Es wird kopiert und imitiert, dass es kracht.

Nomen est omen. Bourne wurde als Mann ohne Identität wie ein Neugeborener aus dem Meer gefischt, bei Aaron Cross sind Chromosomen ausgetauscht oder manipuliert. Schon das hat er mit Bourne gemeinsam: Mittels Genmanipulation und Biochemie wurde er zur Kampf- und Killermaschine hochgezüchtet. Anders als Bourne hat Cross jedoch keine Probleme mit seinem umprogrammierten Ich, sehnt sich nicht nach wahrer Identität. Kein Melancholiker, ein Einverstandener: Cross hadert nicht, er handelt. Jeremy Renner („The Hurt Locker“, „The Avengers“) macht das bei aller in der Figur angelegten Eindimensionalität nicht schlecht und stattet seine kompakte physische Präsenz mit der Aura des bedachten Einzelgängers aus. Ein falscher Schritt – und du bist tot.

Gleich zu Beginn erlebt der Zuschauer ihn beim Überlebenskampftraining im ewigen Eis. Allein gegen die Wölfe Alaskas: Da ist es egal, wer du wirklich bist, Hauptsache, sie zerfleischen dich nicht. „Outcome“ heißt das zwecks Antiterrorkrieg vom Geheimdienst installierte Programm (Autor Gilroy fand heraus, dass Rüstungsindustrie und Biotechnologie in den USA nach 9/11 tatsächlich eng kooperierten). Es sieht der bisherigen Bourne-Operation „Treadstone“ zum Verwechseln ähnlich, einer der Probanden ist Cross. Als „Outcome“-Chef Byer (Edward Norton, der zweite Neuling) nach der Enthüllung der Bourne-Affäre aus Sicherheitsgründen alle Beteiligten liquidieren lässt, Agenten wie Wissenschaftler, kann Cross knapp entkommen – und ist fortan auf der Flucht.

Der Rest ist, wie gesagt, Imitat. Die Jagd über die Dächer (von Manila) fehlt genauso wenig wie der Sprung hinunter in die Gassenschlucht und der dröhnend unterlegte Verfolgungsmarathon mit Autos und fliegenden Motorrädern, 15 Minuten lang. Auch das Duell zwischen der CIA mit totalem Überwachungskamera-Netz à la Google Earth und dem wendigen Spion, der sich trotz implantierten Peilsenders nicht orten lässt, kommt einem bekannt vor. Der Schauplätze-Jetset jagt wieder rund um den Globus, Alaska, Amerika, die Philippinen. Ortswechsel im Minutentakt, auch das gab es bereits in Teil 3, von Bourne-Veteranen wie Stacy Keach, Joan Allen, Albert Finney und David Strathairn zu schweigen.

Und dann ist da noch Rachel Weisz als betreuende Ärztin mit schlechtem Gewissen und Fluchtbegleiterin ihres Versuchskaninchens. Eine verängstigte, trotzdem tapfere Frau. Den Appeal einer Franka Potente wie im ersten Bourne-Film entwickelt sie nicht. Liebe? Lässt Gilroy nicht zu. Auch nutzt er das Tempo nicht für gedankliche Überflieger. Paul Greengrass hatte das uralte Muster „Mann auf der Flucht“ noch in eine Feier der permanenten Bewegung verwandelt, ein Spiegelspiel der bewegten Bilder mit sich selbst. Doch während Bourne zum Jäger seines eigenen Ichs wurde, jagt Cross bloß den Pillen hinterher, die er für seine Superkräfte braucht.

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