Kultur : Das deutsche Weltmuseum

Hitler und Göring gaben sich gerne als Kunstsammler. Neue Forschungen machen Schluss mit alten Mythen

Bernhard Schulz

Die Bedeutung der Kulturpolitik im Gefüge des NS-Regimes steht außer Frage, spätestens seit Joseph Wulf und Hildegard Brenner 1963 ihre grundlegenden Untersuchungen zu Theater, Film und Bildender Kunst im Dritten Reich veröffentlichten. Mit diesen Publikationen kamen allerdings auch einige Mythen in Umlauf, die sich seither hartnäckig gehalten haben. Die griffigste Legende ist die, dass Hitler an seinem erhofften „Altersruhesitz“ Linz in Oberösterreich das „größte Museum der Welt“ geplant habe, wie Joachim Fest in seiner Hitler-Biografie 1973 formulierte.

Ein weniger griffiger, aber dunklerer Mythos umwabert den „Waldhof Carinhall“, den in der Schorfheide nördlich von Berlin gelegenen Land- und Jagdsitz des Reichsluftfahrtministers, Reichsmarschalls und Reichsjägermeisters Hermann Göring. Auch Göring gerierte sich als Sammler; tatsächlich raffte er mehr zusammen als jeder andere der NS-Paladine, die sich mit Kunstwerken als Insignien der Macht umgaben.

Lange Zeit blieb es bei den Legenden. Die Forschung kam erst in den Neunzigerjahren voran, nicht zuletzt aufgrund der nunmehr energischen Bemühungen um Aufklärung und Rückgabe von „NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut“, wie der umständliche, aber umfassende deutsche Begriff lautet. Führend war dabei einmal mehr die angelsächsische Geschichtswissenschaft. Nach den Büchern von Lynn H. Nicholas und Hector Feliciano über den europaweiten NS-Kunstraub war es der amerikanische Historiker Jonathan Petropoulos, der in zwei herausragenden Büchern den „Kunstraub und Sammelwahn“ – so der eine Titel – wie auch den „Faustischen Handel“ – so der Titel des zweiten, noch nicht ins Deutsche übertragenen Buches – der NS-Größen und ihrer Helfershelfer umfassend dargestellt hat.

Im deutschsprachigen Raum erstreckten sich die wissenschaftlichen Bemühungen vor allem auf Provenienzforschung, also die Aufdröselung der Eigentumsgeschichte einzelner Kunstwerke. Nun sind im Abstand weniger Wochen zwei Publikationen erschienen, die gleichfalls auf Provenienzforschung basieren, aber darüber hinaus einen weiten Bogen schlagen und die Mythen über Hitler und Göring durch Quellenfunde ersetzen.

Ilse von zur Mühlen stellt als Ergebnis dreijähriger Recherchen Werk für Werk die Sammlung Göring vor, soweit sie nach dem Zweiten Weltkrieg und den amerikanischen Rückgaben in die Obhut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gelangten – wo sie zu großen Teilen noch heute sind. Der Nebel um „Carinhall“ lichtet sich. Göring, der „zweite Mann im Dritten Reich“, verfügte bei Kriegsende über 1375 Gemälde, 250 Skulpturen, 75 Glasfenster sowie 543 kunstgewerbliche Objekte von Möbeln bis Tapisserien. Nach den von der US-Militärregierung aus dem „Central Collecting Point“ München vorgenommenen Restitutionen gelangte der Restbestand aus auch nach heutigem Rechtsverständnis legalen Erwerbungen in eine bundesdeutsche Treuhandverwaltung. Aus dieser kamen 1961 125 Gemälde in die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die allerdings fünf Jahre später 53 Arbeiten als qualitativ ungenügend veräußerten. Die 125 ursprünglich bewahrten Werke hat Ilse von zur Mühlen mustergültig dokumentiert – und liefert damit eine wertvolle Nahsicht auf das Gemenge aus Kunsterwerb und Kunstraub, aus Ankauf, Nötigung und Plünderung, wie es nicht allein für Göring, sondern für alle NS-Sammler kennzeichnend ist.

So auch für Hitler. Die Wiener Kunsthistorikerin Birgit Schwarz hat sich des ominösen „Führermuseums“ angenommen – und stieß dabei auf einen geradezu öffentlichen, doch ungehobenen Schatz: 19 der ursprünglich 31 Fotoalben, mit denen Hitlers Helfer ihren Führer regelmäßig über das Wachstum seiner Linzer Zukunftssammlung auf dem Laufenden hielten. Die Alben lagern in der Oberfinanzdirektion Berlin – niemand hat sie bislang wissenschaftlich bearbeitet.

Birgit Schwarz’ dickleibiges Buch ist eine Sensation. Mit ihm endet das Geraune von Hitlers vermeintlichen Weltmuseumsträumen. Da der Bestandskatalogs des „Sonderauftrags Linz“ – wie das Vorhaben offiziell hieß – 1945 von der Roten Armee beschlagnahmt worden ist und in Moskau unter Verschluss gehalten wird, konnte sich die Fantasie bislang frei entfalten. Selbst der Begriff „Führermuseum“ ist eine Nachkriegserfindung. Zur NS-Zeit war lediglich vom „Neuen Kunstmuseum Linz“ oder, hinsichtlich dessen Gemäldeabteilung, von der „Neuen Galerie Linz“ die Rede.

Birgit Schwarz’ Buch bildet die Fotoalben vollständig auf 287 Seiten ab – und welche Enttäuschung mag sich bei sensationslüsternen Betrachtern da einstellen! Gediegen ist es, was Hans Posse, als Direktor der Dresdner Gemäldegalerie seit Juni 1939 zugleich Leiter des „Sonderauftrags Linz“, bis zu seinem Krebstod Ende 1942 erwarb. „Die Fotoalben“ – so Schwarz – „zeigen das ,Führermuseum’ bzw. sein Kernstück, die Gemäldegalerie, als eine nach den Maßstäben der Kunsthistorie und Museologie des mittleren 20. Jahrhunderts qualifizierte Sammlung in statu nascendi.“ Die Überraschung und Ernüchterung besteht darin, „dass Hitlers Vorhaben auf eine Gemäldegalerie durchaus konventionellen Zuschnitts hinauslief – eine europäische Altmeistersammlung bis 1800, kombiniert mit einer Abteilung deutscher und österreichischer Malerei des 19. Jahrhunderts“. Legenden wie die, dass etwa die Tafeln des Genter Altars der Brüder van Eyck für Linz vorgesehen gewesen seien, beseitigt die Autorin gleich mit: Sie sollten in die Berliner Gemäldegalerie zurückkehren, die sie einst rechtmäßig erworben, nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags aber als Reparationsleistung an Belgien hatte abtreten müssen.

Gediegen heißt indessen nicht bieder; denn Posse, der eine geradezu prototypische Karriere vom Moderne-Verfechter zum Opportunitäts-Nazi durchlief, achtete auf Qualität. So ließ er von Hitlers vor 1939 eigenständig erworbener Sammlung gerade einmal ein Achtel für Linz gelten. Stattdessen finden sich in den Fotoalben Preziosen wie die beiden Vermeers: der „Geograf“, der 1940 aus dem Besitz Edouard de Rothschilds konfisziert war und 1982 vom französischen Staat als Steuerausgleichszahlung dem Louvre überwiesen wurde, sowie der „Maler in seiner Werkstatt“. An diesem Spitzenwerk lässt sich die Problematik der NS-Sammlungen geradezu idealtypisch demonstrieren. Es wurde Ende 1940 von den Erben des Grafen Czernin in Wien für die damals enorme Summe von 1,65 Millionen Reichsmark erworben, die es nach Kriegsende als Zwangsverkauf reklamierten – vergeblich, denn die Vorgeschichte des Verkaufs spricht eine gänzlich andere Sprache. Nutznießer wurde das Kunsthistorische Museum Wien, dem die Republik Österreich das ihr – fälschlich – übereignete Bild weitergab.

Wien ist ein entscheidendes Stichwort. Denn nach dem „Anschluss“ im März 1938 fielen die hochprofessionell agierenden NS-Dienststellen in Windeseile über die jüdischen Sammlungen der Stadt her, insbesondere die Sammlung Schloss, die Posse als „von Weltruf“ charakterisierte. Mit dem „Führervorbehalt“ vom Juni 1938 hatte sich Hitler das Zugriffsrecht auf alle geraubten Werke gesichert.

Man hätte also wissen können, was sich in Schwarz’ Forschung als überraschend darstellt. So auch, dass das „Führermuseum“ andere Sammlungen quantitativ nicht überragt hätte. Die von Schwarz konstatierte „Tendenz zu überhöhten Bestandszahlen“ pendelte sich bei 5000 bis 8000 Werken ein – tatsächlich war in einer der (seltenen) NS-Veröffentlichungen von 1200 Gemälden die Rede. Auch dass der „Sonderauftrag Linz“ geheim gewesen sei, ist ein Mythos. Im Gegenteil wurde das Vorhaben ab 1943 in der Propagandazeitschrift „Kunst dem Volk“ als Musterbeispiel für Hitlers Wirken „als Beschützer und Erneuerer der deutschen Kunst“ herausgestellt.

Mit solchen Epitheta konnte Görings Kunst-Anhäufung nicht bedacht werden. Sie diente der Selbstdarstellung eines maßlosen Parvenüs, der beim Nürnberger Prozess vage davon sprach, dass seine Schätze „spätestens bei meinem Tode ja doch Eigentum des Volkes geworden“ wären. Dazu kam es nicht. In fünf Sonderzügen ließ er seinen stolzen und in „Carinhall“ opulent dargebotenen Besitz mit dem Heranrücken der Roten Armee nach Süddeutschland verbringen, wo ihn die US-Armee aufgriff – und von München aus an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgab, soweit dies möglich war. In München hatten auch Hitlers Kunstschätze zeitweise domiziliert: im neu errichteten „Führerbau“. Aufstieg und Fall des NS-Wahns liegen dicht beieinander, zeitlich wie auch räumlich.

Ilse von zur Mühlen: Die Kunstsammlung Hermann Görings. Ein Provenienzbericht der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. München 2004, 292 S., Abb., 29,80 €. – Birgit Schwarz: Hitlers Museum. Die Fotoalben Gemäldegalerie Linz. Dokumente zum „Führermuseum“. Böhlau Verlag, Wien 2004. 500 S. m. 1000 Abb., 99 €.

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