Das DHM nimmt eine Ausstellung vom Netz : Abschalten und Tee trinken

Lange zeigte das Deutsche Historische Museum im Netz Interviews mit einstigen Zwangsarbeitern. Nun ist die Ausstellung offline, aus technischen Gründen. Ein Symptom dafür, dass hiesige Geschichtsmuseen das Internet viel zu wenig nutzen, meint der Online-Kurator.

Tobias Bütow
Man nannte sie Ostarbeiterinnen. NS-Propagandabild von 1942, fotografiert von Gerhard Gronefeld im Durchgangslager Berlin-Wilhelmshagen.
Man nannte sie Ostarbeiterinnen. NS-Propagandabild von 1942, fotografiert von Gerhard Gronefeld im Durchgangslager...Foto: DHM

Wie erinnern wir Auschwitz im 21. Jahrhundert? Wie vermitteln wir das „Zeitalter der Extreme“, wenn die letzten Überlebenden gestorben sind? Das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin beantwortet diese Zukunftsfragen im Duktus vergangener Zeiten: offline.

Seit einigen Tagen ist auf der Website des Museums die Internet-Ausstellung „Zwangsarbeit 1939–1945“ nicht mehr zugänglich. Für das Gemeinschaftsprojekt mit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und der Freien Universität Berlin waren von drei Kuratoren und mir aus einem Fundus von knapp 600 Videointerviews Erinnerungen von zwölf Überlebenden aus ganz Europa für einen bis zu sechsstündigen virtuellen Rundgang aufbereitet worden. In der 2009 freigeschalteten Online-Schau erzählen Auschwitz-Überlebende, ehemalige Ghetto-Zwangsarbeiter, nach Deutschland deportierte Kinderarbeiterinnen, ein sowjetischer Kriegsgefangener und ein italienischer Militärinternierter. Zwölf Überlebende erinnern sich, stellvertretend für mehr als zwölf Millionen Zwangsarbeiter, an die Geschichte ihres (Über-)Lebens.

Auf Nachfrage des Tagesspiegels heißt es seitens des Museums, die Abschaltung sei „aufgrund technischer Probleme notwendig geworden“. Die notwendige Neuprogrammierung der in 100 Interview-Sequenzen aufbereiteten Schau sei „gegenwärtig personell nicht zu leisten“. Überdies hätten die IT-Mitarbeiter des Hauses derzeit alle Hände voll mit dem Relaunch der Museums-Webseite zu tun. Andere IT-Experten schätzen die Kosten für die Lösung der technischen Probleme allerdings als überschaubar ein.

Wenigstens ist die Video-Ausstellung offline nach wie vor in den Museumsräumen zu sehen. Aber wer nimmt sich in einer anspruchsvollen Dauerausstellung mit Hunderten von Exponaten zur deutschen Geschichte stundenlang Zeit für eine computeranimierte Schau?

Auch finden sich die Rohfassungen der Video-Interviews mit hunderten anderer Erinnerungen weiter im Netz, unter www.zwangsarbeit-archiv.de. Doch die mehr als tausendstündige Videoplattform der FU Berlin ist in erster Linie ein Online-Archiv für Fachleute. Nutzer müssen sich registrieren lassen, für Laien wird die Geschichte hier schnell zum undurchdringlichen Labyrinth. Archive können keine Museumsausstellungen ersetzen. Der ohnehin in die Kritik geratene Museumsdirektor Alexander Koch erweist sich jedoch als zumindest ungeschickt in einer hochsensiblen Angelegenheit.

Darüber hinaus wirft der Vorfall im DHM ein bezeichnendes Licht auf die Online-Landschaft deutscher Museen. Anders als etwa im Holocaust Memorial Museum in Washington, in Yad Vashem in Jerusalem oder in Museen in den Niederlanden stößt das Internet – das ja längst kein Neuland mehr ist – bei hiesigen Museumsmachern bis heute auf Berührungsängste. Selten werden geschichtsdidaktische Visionen entworfen, man signalisiert lieber Diskussionsbedarf.

Deutsche Museen verstehen ihre Webseiten vor allem als PR-Instrumente für Wechselausstellungen, als Informationsplattform für Öffnungszeiten oder Eintrittspreise. Noch immer sind Schulen aufgefordert, in die Museen zu kommen – und nicht umgekehrt. Die „ZeitzeugenApp“ der Berliner Geschichtswerkstatt, das „Nürnberger Video-Archiv der Erinnerung“ oder die Gulag-Ausstellung „Die letzten Zeugen 1917–1991“ sind Ausnahmen – und die meisten solcher Projekte entstanden und entstehen nicht im Rahmen staatlicher Museen.

Dabei stellt das Netzwerk „Museums and the Internet“ die Autorität des physischen Exponats schon länger infrage. Mit gutem Grund: Die digitale Revolution eröffnet auch der Museumsdidaktik neue Möglichkeiten. Die klassische analoge Ausstellung ist räumlich und zeitlich begrenzt. Die digitale Ausstellung kann diese Grenzen sprengen, denn der Speicherplatz lässt sich im digitalen Zeitalter leicht und kostengünstig um ein Vielfaches erweitern. Das birgt für die europäische Zeitgeschichte – inmitten europäischer Herausforderungen – ein ungeheures Bildungspotenzial: Während selbst Großeltern heutiger Schulkinder den Zweiten Weltkrieg zunehmend nur noch aus Erzählungen kennen, können via Internet lebensnahe Augenzeugenberichte des 20. Jahrhunderts in die Wohn- und Klassenzimmer des 21. Jahrhunderts gelangen. Geschichten von Verfolgungen, Gewalt, Tod, Hunger, Helfen oder Versöhnen. Nur fehlt eine Netzpolitik, die diesen Bildungsauftrag befördert. Ein Auftrag, den nicht zuletzt staatliche Museen erfüllen sollten.

Auch deshalb wirft das Abschalten der Online-Ausstellung Grundsatzfragen unserer digitalisierten Erinnerungskultur auf. Überschreiten Museumsmacher eine Grenze, wenn sie, zumal in Berlin-Mitte, Erinnerungen von Zwangsarbeitern virtuell löschen? Die Überlebenden sind eine Ausnahme, sie waren bereit, ihre Traumata mit der Öffentlichkeit zu teilen. Oft erst nach großer Überwindung, oft erst nach Jahrzehnten. Wie versetzen wir unsere Gesellschaften im 21. Jahrhundert in die Lage, ihnen zuzuhören? Wie verschaffen wir ihnen in der digitalen Welt Autorität?

Ein Beispiel, ein kleiner Ausschnitt aus der deutschen Zeitgeschichte: Am Schinkelplatz 1 in Berlin-Mitte – vis à vis dem heutigen Deutschen Historischen Museum – entschied der Unternehmensvorstand der Braunkohle Benzin AG im Frühsommer 1944, dass der 20-jährige Josef Pinsker wie tausende andere jüdische KZ-Häftlinge Zwangsarbeit für das Treibstoffunternehmen leisten muss. In der Online-Ausstellung wurde Pinskers Geschichte Jahrzehnte später endlich öffentlich gemacht, nun soll damit Schluss sein. Wer überbringt seiner Familie in Israel diese Nachricht?

Oder Pierre Onténiente. 1921 in Paris am Fuß des Sacré-Coeur zur Welt gekommen, ist er diesen Sommer in seiner Geburtsstadt gestorben. Als Manager der Chanson-Legende George Brassens war sein Name in Frankreich vielen geläufig. Noch im Sommer 2006 erhielt Onténiente Besuch von einem Filmteam, um über seine Zwangsarbeit für BMW in Basdorf nördlich von Berlin zu erzählen. Dort hatte er Brassens kennengelernt. Brassens konnte damals fliehen, nach Kriegsende trafen sich die beiden in Frankreich wieder, und der Musiker machte seinen Zwangsarbeiter-Freund zu seiner rechten Hand. Das Interview gab Onténiente in Brassens’ Haus, das jener ihm nach seinem Tod vermacht hatte. Auch diese Geschichte ist auf der Website des DHM nun verschwunden, ebenso die der Cellistin und AuschwitzÜberlebenden Anita Lasker-Wallfisch oder die einer ukrainischen Kinderarbeiterin. Weil sie auf www.zwangsarbeit-archiv.de weiter eingesehen werden können, sind die Interviews im kollektiven Gedächtnis des Internet nicht vollständig verloren gegangen. Das DHM könnte seine virtuellen Besucher wenigstens auf die Webseite hinweisen. Noch fehlen Informationen wie Link. Vielleicht nach dem Relaunch? Alles andere wäre Geschichtsvergessenheit 2.0.

Der Anspruch, das Andenken der Opfer des Nationalsozialismus zu bewahren, gehört zum Konsens der deutschen Erinnerungslandschaft. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD wird erneut die geschichtspolitische Bedeutung von Überlebenden für die Bundesrepublik betont. Der gedankenlose Umgang mit den Augenzeugen des „Jahrhunderts der Extreme“ aber beginnt bereits im Kleinen.

Der Autor lebt als Historiker in Frankreich. Er war einer von vier Online-Kuratoren der Ausstellung „Zwangsarbeit 1939 – 1945“ und leitet einen Europa-Studiengang am Institut Européen in Nizza.

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