Das Erzähldebüt des Theaterkritikers Andres Müry : Helle Verfinsterungen

„Zwei Paare ohne Sex im Waldviertel“: Der Theaterkritiker Andres Müry debütiert als Erzähler - und spürt den merkwürdigen Zusammenhängen von Puritanismus und Promiskuität nach.

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Andres Müry
Andres MüryMichael Utz/Weissbooks

Plötzlich der Name einer Geliebten von einst im Schaufenster einer Galerie, der Blick dann auf ein Gemälde, in dem sich der Betrachter jäh wiedererkennt: Das bist du, das warst du vor vielen Jahren. In einem anderen Leben, das doch das eigene bleibt, weil zwar das Leben vergeht, doch nicht die Vergangenheit.

Es ist diese einfache, doch immer wieder schlagende Situation, mit der Andres Müry seinen ersten Erzählungsband beginnt. Und in drei seiner vier Geschichten unter dem schönen Gesamttitel „Zwei Paare ohne Sex im Waldviertel“ fängt es so ähnlich an: Menschen, die einander vergessen glaubten, sie begegnen sich zufällig wieder, durch das Bild einer Ausstellung, in einem Puff, auf dem Vorplatz eines Museums. Dreimal spielt das zuerst in Wien, einmal auch im Salzkammergut, und dort fährt der Blitz nicht gleich zum Auftakt in die Figuren, dort, im Thomas-Bernhard-Land rund um Gmunden am Traunsee, gewittert es erst im Laufe der zunehmend grotesken Verfinsterungen – bis hin zum Todessturz am Rand einer Ferienfestspielidylle.

Wo die Geister von gestern dauernd die Gegenwart einholen, geraten sie alle schnell aus dem Gleichgewicht: ein internationaler deutscher Modefotograf, Alter sixty-something und in Begleitung eines viel jüngeren Models, den das Gemälde einer Freundin aus Studentenzeiten auf die Spur eines einst WG-kommunardischen Erlebnisses setzt und ihn zurückführt ins Waldviertel, in die österreichische Tiefprovinz und ins Dickicht einer vermeintlich harmlosen Liebelei; oder ein Berliner Fernsehkommissar, der im Wiener Theater als alter Krapp in Becketts „Letztem Band“ gastiert und vor der Vorstellung als Kunde einer chinesischen Sexmasseuse mit einem früheren Schauspielerkollegen so gewaltsam wie überraschend empfindsam aneinandergerät; ferner ein Schweizer Klatschreporter namens Felix Kurz (Spitzname Kurz-Mahler), der in Gmunden einen ergrauten deutschen Starregisseur mitsamt exzentrischer griechischer Geliebten porträtieren soll; und zum Finale ein Schweizer Diplomat, der etwas vieldeutig Looser heißt und am Eingang zur Wiener Albertina einen sehr viel älteren Freund aus Amerika wiedertrifft, einen Miterfinder der modernen Reproduktionsmedizin. Was irgendwann ein ganz eigenes Vaterschaftsproblem eröffnet.

Die beziehungsreichen Fäden sind mit kühler Logik gesponnen

Man darf bei diesen Verwicklungen nicht zu viel verraten. Indes sind die beziehungsreichen Fäden mit kühler Logik gesponnen. Denn Andres Müry, der 1948 in Basel geborene, heute in Salzburg und Wien lebende frühere Dramaturg, Theaterkritiker, Kulturkorrespondent und essayistische Buchautor („Minetti isst Eisbein“, „Jedermann darf nicht sterben“) erzählt seine unterhaltsamen Geschichten mit großer darstellerischer Intelligenz. Selbst bei heiklen oder trashgefährdeten Motiven – wie dem Zusammenklang von Sex, Neurosen, Holocaust (das KZ Mauthausen spielt mal eine Rolle) oder bei der Selbstbespiegelung männlicher Potenzen – immer hält er das mögliche Pathos auch in der Schwebe der Ironie. Ohne feuchte Stellen, im Ton fast angelsächsisch dry. Wird ein Erzähler von der Ex-Geliebten beispielsweise wegen seines Aussehens verspottet („dein Tom-Selleck-Schnauzer“), dann heißt es nur „Danke“, und: „Ich verzichtete auf einen Return.“ Folglich hat der Frankfurter Weissbook Verlag die Erzählungen im Untertitel so treffend wie knapp als „Stories“ annonciert.

Ein Satz von Milan Kundera, aus der „Unerträglichen Leichtigkeit des Seins“, steht dem allen als Motto voran: „Die Liebe mit der Sexualität zu verbinden, war einer der bizarrsten Einfälle des Schöpfers.“ Kunderas politisch-erotischer Roman spielte nach 1968 in Prag und der Schweiz, vor allem in jenen noch von den Sechzigern (politisch, erotisch) geprägten siebziger Jahren. Diese bilden den Fond auch der Erinnerungen, die mit ihren komischen oder melancholischen Gespenstern Mürys Figuren heimsuchen. Es ist jener Zeitgeist, schwirrend zwischen gescheiterter Rebellion und noch utopiegeschwängertem Aufbruch, zwischen sexueller Befreiung und seelischer Verklemmung der im Nachkrieg Geborenen. Deren Geist und Geister fängt Andres Müry aus spürbar eigener biografischer Erfahrung ein. Und nimmt, ähnlich wie etwa Volker Hages kleiner, milieugenauer Studenten-WG-Roman „Die freie Liebe“ (2015 bei Luchterhand), auch eine fast verdrängte Ära neu ins Visier.

Bisher sind diese 1970er Jahre meist mit Blick auf das Abgleiten des studentischen Protests in den RAF-Terror oder auf die Folgen des bundesrepublikanischen Radikalenerlasses literarisch erzählt worden, von Peter Schneider und Heinrich Böll oder bis zuletzt im Film. Erst Frank Witzels großer, im vergangenen Herbst mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ hat darüber weit hinausgeführt. Mürys unheldische Helden wirken hingegen weniger politisch berührt, aber selbst ihre Macken entspringen jener Zeit, die hier nie bleiern erscheint.

Das Spannende ist vilemehr zu sehen, wie Liebe ohne Sex und Sex ohne Liebe, wie der Puritanismus und die Promiskuität merkwürdig zusammenhängen – und allemal für Krimis, Komödien, falsche Abgründe und echte Untiefen sorgen.

Andres Müry: Zwei Paare ohne Sex im Waldviertel. Stories. Weissbooks Verlag, Frankfurt/M. 2016. 192 Seiten, 20 Euro

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