Kultur : Das Geheimnis der Gestalt

EDGAR WISNIEWSKI

Zwei schwerwiegende Belastungen fielen in die Entstehungszeit der Staatsbibliothek: Die Teilung der Stadt durch die Errichtung der Mauer nur zwei Jahre vor dem Wettbewerb und der Tod von Hans Scharoun (1972) - sechs Jahre vor Fertigstellung des Baus.Als die Konzeption für die Staatsbibliothek aus der inneren Struktur einer Großbibliothek organhaft entwickelt und die Vision der gewaltigen Innenräume überwältigend zu erahnen war (allein die Grundfläche des mittleren der drei Lesesäle könnte den Saal der Philharmonie aufnehmen), war das Bild der geteilten Stadt so bedrückend gegenwärtig, daß die Verwirklichung der Staatsbibliothek wie ein Traum erschien.

Da es in dieser politischen Situation fraglich blieb, ob die ganze Bibliothek finanziell realisierbar sei, sollte zunächst nur der kleine Nordbauteil mit einem Bruchteil der bibliothekarischen Verwaltung als selbständiger Bau errichtet werden.

Schon beim Wettbewerb galt es aus dem für eine Großbibliothek anachronistisch anmutenden Raumprogramm einen möglichst komprimierten Funktionsorganismus für den bibliothekarischen Bereich zu entwickeln, dessen Arbeitsräume wegen der immensen Nutzfläche auf fünf Ebenen disponiert werden mußten.Zu den notwendigen Kommunikationseinrichtungen zählt besonders das System der Kastenförderbahn, aber auch die schrittweise Integration der Datenverarbeitung, die von Beginn geplant war.Auf die bandartige Raumstruktur des bibliothekarischen Bereichs folgte, gegenüberliegend, die ebenfalls bandartige Disposition der drei einander räumlich durchdringenden Lesesäle.

Das 100 Meter lange Großraumbüro für die Titelaufnahme und Katalogisierung im Erdgeschoß, an das sich halbschalenartig weitere bibliothekatische Bereiche, wie die Akzession, anschließen, findet seine strukturelle Entsprechung in der Kataloghalle und in dem ebenfalls wie eine Halbschale respondierenden Band der "Lesesaal-Landschaft".Zwischen beiden "Halbschalen" liegt, quasi wie ein "Rückgrat", die langgestreckte Kernzone mit den Aufzügen, Buchförderanlagen, Treppen und technischen Einrichtungen.

Wird in der Philharmonie die auf die "Musik im Mittelpunkt" bezogene organhafte Raumstruktur spontan verständlich, so durchschaut der Leser in der Staatsbibliothek nicht sofort die organhafte Struktur.

Die Verschmelzung der wissenschaftlichen Disziplinen im Sinne der universitas literarum - im Geiste der antiken Bibliothek - ist die Ur-Idee für das 125 Meter lange Raumkontinuum der Lesesäle.Ebenso war es ein Anliegen, das historische Pathos der Kuppelform zu vermeiden und einen Raumorganismus zu entwickeln, der keiner Richtungstendenz und keinem Gestaltzwang unterliegt, sondern die unbegrenzte Freiheit einer Landschaft assoziiert - sie wurde zur Metapher, ohne bildhaft zu werden.Die letztlich einfache Grundriß-Gestalt der Lesesäle wird durch Glaswände als notwendige Hülle zur Abschirmung gegen die Außenwelt begrenzt, durch deren Anordnung aber absichtlich keine Konzentrationsform wie im Bau der Philharmonie oder des Kammermusiksaals intendiert ist.

Die Versinnbildlichung eines Raumes für die "Freiheit des Geistes in der Wissenschaft" geschieht auch in der richtungslosen Deckenstruktur der Lesesäle - ihre "Polyaxialität" egalisiert sich - hebt sich auf.In die weitgespannte Konstruktionsstruktur sind kugelförmige Kunststoffkörper zur Transformation des Lichts integriert, die wie zeitlose "Nebensonnen" im Raum zu schweben scheinen.

Für solch eine Gestaltfindung gab es im Schaffen Scharouns kein Vorbild - es mußten diaphane Konstruktionsstrukturen entwickelt werden, deren Sublimierung zugleich die rätselhafte Sinnlichkeit und Gelassenheit der Lichtdecke bewirken.

Wollte man die Grundidee dieser Raumschöpfung mit einer musikalischen Struktur vergleichen, so drängt sich die Assoziation zur Dodekaphonie auf, in der Gesetzhaftigkeit tonale Schwerpunkte, aber zugleich gestaltlose Anarchie überwindet und durch Sublimierung zu einem "Glasperlenspiel" der Freiheit wird.

Bei der Frage, ob sich die Ansprüche an das Bauwerk in seinen Funktionen in den vergangenen 20 Jahren erfüllt haben, sollten die Nachfolge-Bibliothekare fairerweise anerkennen, daß die beratende Bibliothekskommission vor mehr als 30 Jahren, als die Integration der EDV im Bibliothekswesen noch weltweit mit Anfangsschwierigkeiten kämpfte, manche Entwicklung und Umstrukturierung im internen bibliothekarischen Bereich nicht ahnen konnte.Grundsätzlich verfügt aber der interne Bereich über eine Flexibilität, wie sie im Bibliotheksbau früher undenkbar war.Es war das erklärte Ziel der Wettbewerbsvorgabe, daß langfristig die Staatsbibliothek Unter den Linden mit der im Kulturforum vereinigt werden würde; daher sollte auch die zunächst für vier Millionen Bände geplante Kapazität in unterirdischen Magazinen an der Ost- und Südseite des Baus um zehn Prozent erweitert werden können.Diese Festlegung ist durch die Bauten des Musicaltheaters und der Spielbank sowie eines gebäudespiegelnden Wasserbassins auf der Erweiterungsfläche nicht mehr gegeben.

Hat sich die Akzeptanz der Bibliothek für die Leser in den vergangenen zwei Jahrzehnten eingestellt? Die Besucherfrequenz wird mit mehr als 3 000 Benutzern pro Tag angegeben.Die Anerkennung für eine 35 Jahre "alte" Konzeption bestätigt die "Zeitlosigkeit" des organhaften Bauens, das sich nicht vorgegebenen Bauformen und modischen Tendenzen unterwirft - es steht völlig konträr zur Event-Architektur.

Das Geheimnis des Raumes der Staatsbibliothek liegt in der Symbiose zwischen der individuellen, subtilen und auf den menschlichen Maßstab bezogenen Vielfalt des Details mit der visionären, nicht faßbaren Gelassenheit der räumlichen Gesamtgestalt.

Der Autor war Planungspartner von Hans Scharoun bei den Bauten der Philharmonie und der Staatsbibliothek

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