Kultur : Das Geheimnis der Wohnzimmertür

Hamburg feiert den dänischen Symbolisten Vilhelm Hammershøi als eine der großen Entdeckungen der letzten Jahre

Burcu Dogramaci

Im 19. Jahrhundert erreichten Geschwindigkeit und Mobilität ungeahnte Ausmaße. Während Forscher, Künstler und Reisende mit Zügen, Schiffen und Automobilen in die Welt hinausfuhren, ließ einer die Haustür verschlossen und blieb daheim. In seinen vier Wänden bremste sich die beschleunigte Zeit ab, dort fand der Däne Vilhelm Hammershøi die Motive seiner besten Bilder. Der Blick des Künstlers kroch die Laibungen seiner Wohnzimmertür hinauf, er malte die Dämmerung eines Winternachmittags in seinem Schlafzimmer und sein liebstes Modell war ihm die eigene Frau. Auch wenn Hammershøi entrückte Straßenbilder malen konnte und ein Gefühl für die Melancholie einer verlassenen Landschaft hatte, seine eigentliche Genialität besteht in der obsessiven Auseinandersetzung mit dem Innenraum. Wie eine Schicht aus Malstaub legt sich die Farbe auf Möbel und Fußböden. Der Ton ist gedämpft, und ebenso lautlos ist der Kosmos des Vilhelm Hammershøi.

Obwohl der Künstler in Dänemark zu den großen Malern zählt, ist sein Werk außerhalb des Landes vergessen. Erst eine Ausstellung in den neunziger Jahren brachte die verrätselten Bilder nach New York und Paris. Erstmals seit seinem Tod 1916 ist Hammershøi nun auch in Deutschland eine Einzelschau gewidmet. Die Hamburger Kunsthalle richtete ihm eine sensibel kuratierte Ausstellung mit einer Auswahl von 57 Werken ein. Damit Hammershøi nicht als Einzelgänger bewertet wird, stellte man ihm Zeitgenossen zur Seite: Fernand Khnopff, Félix Vallotton, Edvard Munch – rasch wird deutlich, dass der Däne wie seine Kollegen auf der Klaviatur des Symbolismus spielte. Viele Künstler der Jahrhundertwende fühlten sich in einer Krise, in dem das Individuum seinen Halt verloren hatte. So lassen sich Hammershøis Interieurs nur vordergründig als Fortsetzung eines Motivs lesen, das seine Blüte im niederländischen 17. Jahrhundert erlebte. Hammershøi zeigt keine Alltagsszenen, er erzählt keine Geschichten. Statt dessen sehen wir ein Memento mori, einen geisterhafter Abgesang auf die Lebendigkeit. Hinter jeder geöffneten Tür lauert ein versperrter Durchgang, aus dem Fenster blickt man auf Hausmauern. Jeder Person, jedem Gegenstand haftet eine melancholische Tristesse an, die in derartiger Eindringlichkeit selten in der abendländischen Kunstgeschichte ist. Doch hat auch Hammershøi Seelenverwandte. Er changiert zwischen der Intimität Vermeers und der Traurigkeit Edward Hoppers.

„Hammershøj ist nicht von denen, über die man rasch sprechen muss. Sein Werk ist lang und langsam“, urteilte Rainer Maria Rilke nach einem Besuch beim Künstler. 1864 in Kopenhagen geboren, fand Vilhelm Hammershøi bereits als junger Maler internationale Anerkennung und zeigte seine Bilder auf zwei Weltausstellungen. Im Jahr 1891 heiratete er seine Frau Ida. Gemeinsam lebten sie in der „Strandgade 30“, in der zahlreiche, in Hamburg gezeigte, meist kleinformatige Bilder entstanden. Ein Kabinett versammelt Ansichten des Esszimmers, die zentrale Momente des Werks konzentrieren. Einigen Türen fehlen die Knäufe, die Dinge werfen keine Schatten oder werden von einem magischen Licht illuminiert. Ida als Protagonistin ist seltsam bewegungsgehemmt, versunken liest sie einen Brief oder ist zumeist in abweisender Rückenansicht gemalt. Die Personen integrieren sich nicht in ihr Umfeld, bleiben ausschnitthaft und fremd. Diesen elementaren Verlust an Geborgenheit setzt der Maler genialisch um.

Das leise Werk des Dänen zählt ohne Frage zu den ganz großen Entdeckungen der letzten Jahre. Daran wird auch die Hamburger Schau einen Anteil haben. Nur ein kleiner Wermutstropfen bleibt. Wunderbar wäre ein Verweis auf die dänische Malerin Anna Ancher gewesen. Ihre ländlichen Interieurs mit den still arbeitenden Frauen und jenen abweisend-mysteriösen Rückenansichten waren vielleicht eine Inspirationsquelle für Hammershøi. Zumindest hätte der Rekurs auf die Künstlerin die Kraft und Eigenständigkeit der dänischen Malerei um 1900 noch stärker in den Blickpunkt gerückt.

Hamburger Kunsthalle, bis 29. Juni. Der Katalog kostet 23 Euro.

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