Das geplante Mahnmal von Ai Weiwei in Berlin : Die Zeichen des Todes

Material und Methode: Ai Weiwei will in Berlin ein temporäres Mahnmal für Flüchtlinge errichten - aus Schwimmwesten.

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Schwimmwesten, die Flüchtlinge auf Lesbos zurückgelassen haben.
Schwimmwesten, die Flüchtlinge auf Lesbos zurückgelassen haben.Foto: dpa

Der Zeitpunkt erweist sich als gut gewählt, auch darin ist Ai Weiwei genialer Stratege. In dem Moment, in dem in Deutschland die öffentliche Meinung zu Angela Merkels Flüchtlingspolitik umzuschwenken beginnt, die Schließung der Grenzen nicht nur von rechten Populisten gefordert wird, kündigt der chinesische Künstler ein Mahnmal für die deutsche Hauptstadt an. Es soll an das Schicksal der Ertrunkenen erinnern, die in den überladenen Booten auf ihrem Weg über das Mittelmeer ohne Chance waren. Die zu Tausenden am Strand von Lesbos angeschwemmten Rettungswesten sind ein Symbol dafür. Die billig hergestellten Utensilien aus signalfarbenem Kunststoff waren vielfach Fallen. Statt zu tragen, saugen sie sich mit Wasser voll und ziehen in die Tiefe.

Von den griechischen Behörden hat Ai Weiwei nun die Genehmigung erhalten, 14.000 Westen für eine Installation nach Berlin mitzunehmen, wo er seit dem vergangenen Jahr eine Professur an der Universität der Künste innehat. In welcher Form er die orangen, gelben, blauen, roten Westen präsentieren wird, darüber war aus seinem Berliner Studio in der Pfefferberg-Brauerei im Prenzlauer Berg noch nichts zu erfahren. Auch seine Galerie Neugerriemschneider konnte keine Auskunft geben. Auf Instagram postet der Künstler jedoch erste Bilder, auf denen er Schwimmwesten mit Holzschemeln kombiniert: Um zwei aufeinandergestapelte Hocker hat er zwei Westen gegürtet, als wären die Sitzgelegenheiten das zu rettende Objekt.

Die Kumulierung von Gegenständen gehört zu Ai Weiweis künstlerischen Prinzipien

Ai Weiwei greift hier auf seine immensen Vorräte dreibeiniger Hocker zurück, die er auch bei seiner Ausstellung 2014 im Martin-Gropius-Bau vorführte. Damals füllte er die Bodenfläche des Lichthofes mit 6000 antiken Schemeln und brachte damit plastisch in Erinnerung, wie die Chinesen auf ihrer Landflucht zugleich ihre Vergangenheit hinter sich lassen.

Die Kumulierung von Gegenständen als mahnendes Gedenken gehört zu den künstlerischen Prinzipien Ai Weiweis, damit wurde er in Deutschland bekannt. 2007 präsentierte er auf der Documenta 12 mit „Template“ einen acht Meter hohen Turm aus Holztüren und -fenstern jener Häuser, die dem Bauboom in China weichen mussten.

Das gleiche Mittel setzte er bei seiner Ausstellung 2012 im Münchner Haus der Kunst ein, wo er unter dem Titel „Remembering“ 900 Rucksäcke an die 100 Meter breite Fassade montieren ließ. Die farbigen Rucksäcke bildeten als chinesische Schriftzeichen den Satz „Sieben Jahre lebte sie glücklich in dieser Welt“ – das Zitat einer Mutter, die ihre Tochter bei dem Erdbeben 2008 in der Provinz Sichuan verloren hatte. Unter den Opfern waren tausende Kinder, die in ihren einstürzenden Schulen erschlagen worden waren.

Ai Wei Wei im Martin-Gropius-Bau
Installation im Martin-Gropius-Bau
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1 von 8Foto: AFP
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Der Einsatz massenhafter Materialien, die Überwältigung des Betrachters durch schiere Menge, ist in der Kunst eine häufig benutzte Strategie, um das Gedenken zu stimulieren. Christian Boltanskis „Archive“ sind das bekannteste Beispiel dafür. Die wandhoch gestapelten Metallboxen tragen jeweils ein Schwarz-Weiß-Porträt an ihrer Vorderseite, das an die von den Nationalsozialisten verfolgten Juden erinnern soll. Auf die Pogrome spielen auch die sechzig Paar Schuhe aus Metall am Ufer der Donau in Budapest an, wo 1944 und 1945 Erschießungen stattfanden.

Ai Weiwei bezieht sich bei der Benutzung konkreter Gegenstände – seien sie vorgefunden wie die historischen Schemel, Fenster und Türen oder eigens produziert wie die 100 Millionen Sonnenblumenkerne aus Porzellan, die er für seine Installation in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern Galerie in China herstellen ließ – jedoch auf Marcel Duchamp und sein Readymade. Duchamp revolutionierte 1914 die Kunst, als er einen gewöhnlichen Flaschentrockner zur Skulptur erklärte.

Entscheidend für Ai Weiweis Schaffen ist jedoch die politische Aufladung. Seine Werke selbst sind eher dürftig, das war auch in der Berliner Retrospektive zu sehen, die eher einer Aneinanderreihung von Statements glich. Durch sein aufklärerisches Engagement etwa bei den Versäumnissen der chinesischen Regierung, die Baumängel zu vertuschen sucht oder Wanderarbeiter ausbeutet, aber spielt er eine immense Rolle, auch für die demokratische Öffnung seines Landes.

Seit dem Umzug nach Berlin hat sich für Ai Weiwei jedoch das Bezugssystem verändert. Nicht mehr in China, sondern in Europa verweist er nun auf Missstände. Das zeichnete sich bereits bei seiner Ausstellung im Herbst in der Londoner Royal Academy ab, wo er anlässlich der Eröffnung zusammen mit dem Bildhauer Anish Kapoor zu einem Solidaritätsspaziergang aufrief, bei dem die Teilnehmer grobe Decken über den Schultern trugen als Zeichen ihrer Verbundenheit. „Wir sind alle Flüchtlinge – irgendwie, irgendwo, irgendwann“, erklärte Ai Weiwei bei der Gelegenheit.

Mit seinem ersten Besuch der Insel Lesbos Ende vergangenen Jahres begann sich der Künstler mit den Problemen vor Ort auseinanderzusetzen. Auf der Kunstmesse „India Art Fair“ am Wochenende in Neu Delhi präsentierte er nun seinen ersten künstlerischen Ertrag: ein Foto, auf dem er den toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi nachstellt, der im September 2015 an die türkische Küste gespült worden war. Das ikonische Bild war um die Welt gegangen und hatte Entsetzen über die Gefahren ausgelöst, denen die Menschen aus Syrien, Afghanistan, Irak und Eritrea auf ihrer Flucht ausgesetzt sind.

Ai Weiweis Foto aber stellt eine Geschmacklosigkeit dar, ähnlich wie die Aktion von „Sea Watch“ auf der Spree mit 120 Teilnehmern, darunter Bundestagsabgeordnete, dabei wurde in Schlauchbooten die Situation auf dem Mittelmeer nachgespielt. Sein Plan, 14.000 Rettungswesten in Berlin als Mahnmal zu präsentieren, birgt hoffentlich weder Thrill noch Theater und könnte vielleicht die Menschen berühren.

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