Kultur : Das Gesetz der Ausnahmen

Steffen Richter

Bitte zurücklehnen und anschnallen! Es tritt auf: die Pataphysik! Die Pataphysik ist die Wissenschaft der imaginären Lösungen. Mit ihren so gelehrten wie unnützen Forschungen will sie nicht das Allgemeine ergründen, sondern das Besondere. Deswegen untersucht sie die Gesetze, auf denen die Ausnahme beruht – und nicht die Regel.

Stammvater der Pataphysik ist der französische Schriftsteller Alfred Jarry, der 1896 mit dem Drama „König Ubu“ für einen Theaterskandal sorgte. In dem „neowissenschaftlichen“ Roman „Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll, Pataphysiker“ (1898) hat Jarry das Gebäude seiner Wissenschaft genauer umrissen. Demnach gleicht die Pataphysik einem Vorhang, der „nichts verdeckt und deshalb nichts enthüllen kann“. Sie ist das „Ende der Enden“ und immer schon das Gegenteil ihrer selbst. Das ist höherer Unfug? Vielleicht. Allerdings wären diesem Unfug ehrenwerte Geisteskräfte wie Marcel Duchamp, die Marx Brothers oder Umberto Eco aufgesessen. Sie alle waren Mitglieder des 1948 gegründeten Collège de Pataphysique. Klaus Ferentschik beschreibt in seinem Buch „Pataphysik“ (Matthes & Seitz Berlin) Geschichte und Grundlagen dieser außerordentlichen „Versuchung des Geistes“.

Prominenteste Untersektion des Collège ist die Schriftstellergruppe OuLiPo, gegründet 1960 von Raymond Queneau und François Le Lionnais. Ihr wichtigstes poetisches Gebot besteht darin, die literarische Produktion einer Regel zu unterwerfen, die das verwendete Sprachmaterial freiwillig beschränkt. Georges Perec hat das Verfahren in seinem grandiosen Buch „La Disparition“, einem Roman ohne den Buchstaben „e“, vorgeführt. Alle drei Jahre trifft sich die immer noch putzmuntere OuLiPo-Gruppe im Berliner Literaturhaus (Fasanenstr.23). Vom 22. bis 24.11. ist es wieder so weit. Tagsüber debattieren Marcel Bénabou , Frédéric Forte , Michelle Grangaud , Jacques Jouet , Hervé Le Tellier und Jacques Roubaud poetische Probleme, abends (je 20 Uhr) wird gelesen. Und natürlich wird des gerade verstorbenen „Oulipiens“ und Büchnerpreisträgers Oskar Pastior gedacht.

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