"Das Geständnis der Löwin" von Mia Couto : Gott war eine Frau

Schatten, Stimmen und die Suche nach Wahrheit: der Mosambik-Roman „Das Geständnis der Löwin“ von Mia Couto.

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Buchcover von Mia Coutos "Das Geständnis der Löwin".
Buchcover von Mia Coutos "Das Geständnis der Löwin".Foto: promo

„Du wirst nie die Trauer einer Mutter erleben“, sagt Hanifa Assulua nach der Beerdigung. Diese Worte der Mutter schweben über Mariamar wie ein böses Orakel. Gerade wurde ihre Schwester Silência zu Grabe getragen, letztes Opfer der Löwen, die seit einiger Zeit um Kulumani herum ihr Unwesen treiben. Mariamar weiß, dass Frauen im Dorf wenig wert sind und unfruchtbare Frauen überhaupt nichts. Dass es für die Frauen in Kulumani keine erwiderte Liebe gibt und sie fortgehen müsste. Aber da ist die Liebe zu dem Jäger, dem sie als 16-Jährige einmal begegnet ist. Und ebendieser Jäger, Arcanjo Baleiro, kehrt im Auftrag eines Erdölkonzerns zurück, um die Löwen zu erschießen und wieder Ruhe herzustellen. Es soll seine letzte Jagd sein.

Der nach zahlreichen Erzählungen, Kinderbüchern und Lyrikbänden zweite auf Deutsch erschienene Roman des 1955 in Beira, Mosambik als Sohn portugiesischer Einwanderer geborenen Autors Mia (Emílio) Couto handelt von Menschen und Tieren, von Gewalt und Angst – und von unermesslicher Erlösungssehnsucht. Das titelgebende „Geständnis der Löwin“ ist eine zwischen magischen Träumen und realistischen Enthüllungen changierende Beichte, die das ganze Dorf Kulumani betrifft – und zudem das dunkle Geheimnis der Familie Baleiro, der der Jäger entstammt.

Aus Jägern werden wilde Tiere

Alternierend erzählen Mariamar und Arcanjo Baleiro aus ihrer Perspektive die Ereignisse, die durch die Löwen in Gang gesetzt werden. Mariamar, die in ihrer Kindheit eine plötzliche Lähmung erleidet und auf Initiative ihres christlich assimilierten Großvaters Adjiru in eine Missionsstation gebracht wird, wo sie lesen lernt und wieder zu laufen, ist eine Außenseiterin im Dorf. Auch der an Schlaflosigkeit leidende Jäger bewegt sich am Rande der Gemeinschaft. Er trägt schwer am Tod des Vaters, der durch eine Kugel seines Bruders ums Leben kam – der nun seinerseits dem Wahnsinn verfallen ist. Einsam, von einem schweren Schuldzusammenhang belastet, nähert Arcanjo sich seiner Schwägerin Luzilia mit einem Brief, in dem er ihr seine Gefühle offenbart. Luzilia erhört ihn nicht, doch der Brief wird zum Ausgangspunkt des „Tagebuchs des Jägers“, das sich mit Mariamars Bericht verschränkt.

Als der Jäger mit dem Verwalter und einem Schriftsteller, der über die Jagd schreiben will, nach Kulumani kommt, sind die Dorfbewohner aufgebracht, weil sie sich selbst berufen fühlen, die Löwen zu erlegen. Aus Jägern werden wilde Tiere. Hanifa Assulua, die wie die anderen Frauen weiß, dass die Gewalt im Dorf nicht eigentlich von den Löwen ausgeht, sondern vom Tier im Manne, sieht eine Chance auf Rache. Als Arcanjo Baleiro aber plötzlich einen Löwen vor die Flinte bekommt, versagt ihm die Hand: „Welcher Fluch liegt auf mir, dass ich, anstatt abzudrücken, meine Seele Gott empfehle... Eine Seele zu haben ist für mich jedoch eine so große Belastung, dass ich sie nur im Tod ertragen könnte.“

Mia Couto lässt eine Geistergeschichte aufleben

Die von Mia Couto romanhaft überlieferte Geschichte bezieht sich auf Ereignisse, die sich 2008 in Vila de Palma im Norden Mosambiks zugetragen haben und die der Autor in seiner Doppelfunktion als ausgebildeter Biologe verfolgt hat. Dort wurden 26 Menschen von Löwen getötet, die wiederum von Jägern erlegt wurden; die Dorfbevölkerung jedoch schrieb die Geschehnisse Geistern zu.

Dem Grauen, das sich über das Dorf legt, versucht Couto sich nicht dokumentarisch, sondern magisch-realistisch anzunähern: Der Krieg spielt dabei eine Rolle, die „Verwilderung“ der Männer und die traditionelle Unterdrückung der Frauen. Couto verwebt dabei nicht nur die zwei Erzählstränge, sondern auch die Ebenen zwischen Tatsächlichem und Erträumtem, in einer Bildsprache, die sowohl von der lateinamerikanischen Erzähltradition als auch vom Shimakonde, der Sprache der Indigenen, beeinflusst ist. Auf einer weiteren Ebene reflektiert der Geschichtenerzähler Couto über das Schreiben, das weder Mariamar noch Arcanjo Baleiro in die Wiege gelegt worden ist. Mariamar hat „durch die Tiere lesen gelernt“, durch die „Parade der Buchstaben“: „Die Bücher hatten mir Stimmen geschenkt, mich gerettet wie Schatten mitten in der Wüste.“ Der Großvater, der die Enkelin unterstützt, warnt sie: „Schreiben ist wie eine gefährliche Form von Eitelkeit. Sie macht den Menschen Angst“. Auch der tagebuchschreibende Jäger weiß, dass „Schreiben nicht dasselbe ist wie Jagen. Man braucht dafür viel mehr Mut. Man muss aus sich herauskommen, sich exponieren, ohne Waffe, ganz ungeschützt“.

Wer die Löwin ist, bleibt offen

Am Ende ist er nicht mehr der Jäger, sondern der schriftstellernde „Leichenfledderer“, der den Menschen das Geheimnis ihres Lebens und Sterbens zu entreißen sucht. Wer am Ende „die Löwin“ ist, die Genito erschossen hat, bleibt offen, denn Mariamar hat es „schon vor langer Zeit aufgegeben, in dieser Welt nach Wahrheit zu suchen“. Baleiro hingegen bleibt nur noch, der Welt den Bericht über die „infamen Killer“ zu übermitteln und Mariamar fortzubringen. Zusammen mit der Zeitschnur, die ihr ihre Mutter Hanifa mitgibt und an der die Frauen der Familie von jeher die Monate ihrer Schwangerschaft abgezählt haben. In diesem Teil der Welt war Gott einmal eine Frau.

Mia Couto: Das Geständnis der Löwin. Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner. Unionsverlag, Zürich 2014. 269 Seiten, 19,95 €.

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