Kultur : Das Haus Königsstraße 50

Ihre Familie floh nach New York: Karey Solomon, Urenkelin des Besitzers, erinnert sich.

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Belebte Mitte. Ansicht der Königsstraße um 1920 mit einer Markierung von Haus Nr. 50.
Belebte Mitte. Ansicht der Königsstraße um 1920 mit einer Markierung von Haus Nr. 50.Foto: Berlin-Mitte-Archiv

Es war der vielleicht spektakulärste Fund, der bisher bei Grabungen in Berlin zutage gefördert wurde: 14 Skulpturen der Moderne entdeckten Archäologen vor drei Jahren am Roten Rathaus. Die als „entartet“ verfemte Kunst war in der Königsstraße 50 eingelagert und wurde im Krieg unter dem Schutt des zerbombten Geschäftshauses begraben.

Karey Solomon ist nicht leicht zu erreichen. Sie muss einkaufen, steuert die Bühnentechnik für das Sommertheater in Hector, einem Dorf sechs Stunden von New York City entfernt. Außerdem führt sie ein Geschäft für Garn und Stoff. Mit ihrem Textilhandel knüpft die 63-Jährige an die Familientradition an, deren Wurzeln bis nach Berlin reichen – bis in die Königsstraße 50. Das Gebäude gehörte Salomons Urgroßvater, der im ersten Geschoss das „Haus für große Weiten“ führte. Das Unternehmen beschäftigte rund 250 Menschen, bis „Reichsfluchtsteuer“ und „Arisierung“ den Betrieb vernichteten. Im Krieg wurde zunächst das Gebäude zerstört, später die Straße aus dem Stadtbild getilgt.

Die Geschichte der Königsstraße 50 und ihrer Eigentümer, der Familie Gadiel-Solomon, zählt zu den eindrücklichsten der Ausstellung „Geraubte Mitte“über die Enteignung jüdischer Berliner. Im Fall der Gadiels kam zunächst eine Steuerforderung über 400 000 Goldmark, für die der Unternehmer ein Kredit aufnehmen musste. Bis zur Flucht wurden der Familie 814 194 Mark abgepresst und das Geschäftshaus gegenüber dem Roten Rathaus enteignet: durch die zwangsweise Übertragung von Hypotheken auf den Grundbesitz an das Finanzamt Charlottenburg-West.

Über Enteignung und Vertreibung wusste sie nicht viel. Mit diesem düsteren Kapitel der Familiengeschichte war zu viel Trauer verbunden. „Meiner Familie ging es gut vor dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Salomon. Bei ihrer Ankunft in New York waren sie Flüchtlinge und bitterarm dazu. Beschämend sei das gewesen, trotz der Erleichterung, entkommen zu sein, sagt Solomon. Von den 13 Onkeln und Tanten ihres Vaters überlebte keiner die deutschen Vernichtungslager.

Dieses Schicksal teilen sie mit vielen Bewohnern der Königsstraße 50, die nicht wie der Grundeigentümer rechtzeitig aus Berlin flohen. Die jüdischen Rechtsanwälte und Notare Henry Cohn wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert, Erich und Paul Simon sowie Alfred Badrian wurden 1942 in Riga ermordert. Ab 1939 gab es keinen jüdischen Mieter mehr in dem Geschäftshaus.

Die in dem Gebäude ansässigen Firmen wurden ganz in den Dienst der Kriegsmaschinerie gestellt. Abdeckplanen für V2-Raketen wurden hier gefertigt und Lederbekleidung für U-Boot-Kapitäne. Das Reichspropagandaministerium nutzte eine Wohnung in dem günstig gelegenen Gebäude. Einen letzten kleinen Hort des Widerstands gab es noch: das Büro des Wirtschaftstreuhänders Erhard Oewerdieck im vierten Stock. Weil er während der Nazi-Herrschaft Juden half, gilt er heute als „Gerechter unter den Völkern“ und wird in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem geehrt.

Für die Vertreibung ihrer Familie wurden Karey Solomon und ihr Bruder Ende der neunziger Jahre entschädigt. An den genauen Betrag erinnert sie sich heute nicht mehr. „Ich war dankbar, das Geld erhalten zu haben“, sagt sie – wie eine unverhoffte Erbschaft sei das gewesen. Aber dann fügt sie hinzu: „Ich wünschte, dass es nie zu dieser Situation gekommen wäre. Was zählt sind die Menschen.“Ralf Schönball

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