Kultur : Das ist der Berliner Klang

50 Jahre Philharmonie, das Festkonzert.

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Die „Musik im Mittelpunkt“ zu behalten – wie Hans Scharoun seinen Entwurf für die Berliner Philharmonie beschrieb – fällt schwer, wenn sie zu ihrem 50. Geburtstag einlädt. Eröffnet wurde sie am 15. Oktober 1963, dem Tag, an dem ein steinalter Adenauer seinen Rücktritt als Kanzler bekanntgab. Begonnen hatte der Bau am Tiergarten – und lag schon bald unmittelbar an der Mauer. Politik war der Philharmonie nie fern, sollte sie doch immer auch Symbol sein für das, was Nachkriegsdeutschland gut machen wollte, für gewagte Demokratie. Kein Wunder, dass mancher Maestro den Saal nicht mochte.

Zum Festkonzert am Sonntagabend kommen sie alle, angeführt von Angela Merkel und Wim Wenders: die Politiker und Kulturschaffenden, einige von ihnen regelmäßige Gäste, andere spürbar unsicher. Kann man sich an die Philharmonie gewöhnen? An das Außerordentliche, eine Konzentration, die Wunder möglich macht? Boris Blacher hatte Fanfaren für die Eröffnung komponiert, heute greift man zur Einstimmung weiter zurück, auf eines der Werke, die Giovanni Gabrieli für den Markusdom in Venedig mit seinen gegenüber- liegenden Orgelemporen komponiert hatte. Blechbläser spielen aus der Höhe unter Scharouns Zeltdach, und es klingt schon ein wenig nach Weihnachten.

Klaus Wowereit erinnert daran, dass das Haus den „Geist der Offenheit“ berge und begrüßt Egon Bahr, der schon 1963 dabei war. Auch auf dem Podium sitzt einer, der vor 50 Jahren unter Karajan Beethovens Neunte spielte. Klarinettist Karl Leister taucht zum krachenden Finale inmitten seines ehemaligen Orchesters auf. Für Manfred Erhardt von den Freunden der Berliner Philharmoniker zeigt das Haus, dass Bürgerengagement etwas schaffen kann. Er wirbt um neue Mitstreiter, mit den Worten des damaligen Kultursenators Adolf Arndt: Kultur ist das Herzstück der Lebensfähigkeit dieser Stadt.

Die Philharmoniker feiern ihren Saal mit einem Raumklang-Programm. Auf Gabrieli folgt eine Uraufführung von Wolfgang Rihm; „IN-SCHRIFT 2“ greift eine Komposition für San Marco auf und entwickelt sie für die Philharmonie weiter. Klarinettisten und Schlagzeuger sind im Raum verteilt, am ersten Pult sitzen Bassklarinette und Englisch Horn, von den Streichern sind nur Celli und Bässe geblieben. Ein dunkler Hymnus füllt den Saal, den Klangwechselspiele kaum aufzubrechen vermögen. Seltsam abgewandter Geburtstagsgruß. In rauschhafter Homophonie baden Rattle und eine gewaltige Streicherschar mit Vaughan Williams’ „Fantasia on a Theme by Thomas Tallis“.

Nach der Pause steuert Mitsuko Uchida einen unendlich empfindsamen Kopfsatz der „Mondscheinsonate“ bei, dem sich Kurtágs „…quasi una fantasia…“ anschließt: zart und geballt, reduziert und expansiv, mit einer Mundharmonika, deren Klänge orgelgleich durch die Philharmonie ziehen. Das Finale dann zielt mit einem Riesenorchester auf totale Entgrenzung. Berlioz’ „Grande Symphonie funèbre et triomphale“ ist ein gewaltiges, düsteres Militärspektakel, das Scharouns Saal zum trostlosen Aufmarschgebiet degradiert. Hoch den Schellenbaum! Philharmonie-Freund Loriot hätte darauf eine trockene Antwort gewusst. Er fehlt schmerzlich.

Nun hätte man attacca die waldbühnenerprobte Zugabe „Das ist die Berliner Luft“ dranhängen können, bei gleichzeitiger Polonaise durch den Saal. Raumklang zum Mitmachen. Gibt es natürlich nicht, stattdessen Bouletten, Currywurst und Eisbeinsalat beim Empfang im Foyer des Kammermusiksaals. Ein Warteraum, denn in der kleinen Philharmonie zeigt Wim Wenders in drei Schichten seine Doku „Kathedralen der Kunst – die Berliner Philharmonie“. Als erstes setzt sich die Kanzlerin die 3D-Brille auf und lässt sich zeigen, was die Philharmonie über sich selbst zu erzählen hat. Ulrich Amling

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