Kultur : Das ist mir Durst

Jürgen Gosch exekutiert Roland Schimmelpfennigs „Ambrosia“ am Deutschen Theater

Christine Wahl

Man hätte nicht unbedingt darauf gewettet, dass es Herr Hering (Ernst Stötzner) überhaupt noch ohne Hilfsmittel in die Senkrechte schafft. Als er sich dort leidlich stabilisiert hat, überrascht er die Tischgesellschaft mit einer scharfsichtigen Analyse der Situation: „Meine Damen, meine Herren“, hebt er an, „ich muss feststellen, dass ich betrunken bin.“

Herr Hering hat damit den Kernsatz des Abends formuliert: Die Trinkerrunde, die sich in Roland Schimmelpfennigs „Ambrosia“ aus nicht näher definierten Gründen zusammenfindet, kann schon zu Beginn auf ein solides alkoholisches Fundament verweisen. Von diesem Punkt aus wird es in den kommenden zweieinhalb Stunden kontinuierlich bergab gehen: Roland Schimmelpfennig folgt in seinem „Satyrspiel“ präzise der Dramaturgie des klassischen Besäufnisses. Der Zuschauer muss gnadenlos hindurch durch sämtliche Absturzstufen; naturgemäße Durststrecken, hilfloses Zeittotschlagen und unattraktive Kopulationsversuche inklusive. Zumal Jürgen Gosch, der schon diverse Texte von Schimmelpfennig – am Deutschen Theater zuletzt „Auf der Greifswalder Straße“ – herausgebracht hat, keine Zugeständnisse macht: Er reizt die Zähigkeit des großen Saufens bis aufs Letzte aus.

Die graue Bühnen-Box (Ausstattung: Johannes Schütz), in der schon das Personal aus Goschs jüngster Yasmina- Reza-Inszenierung „Im Schlitten Arthur Schopenhauers“ wohlkalkuliert aneinander vorbeiredet, ist diesmal mit einem langen Holztisch aufgemöbelt: Hier betrinkt sich nicht der Eckkneipenproll, sondern hier entgleisen die Besserverdienenden.

Schon „der nächste Bock“ fördert naturgemäß intime Abgründe zu Tage, wobei mit der verbalen zunehmend auch die körperliche Hemmschwelle sinkt: Herr Gallasch (Horst Lebinsky), der Senior der Runde, legt selbstbefreit sein Gebiss auf die Tischdecke, während am anderen Ende Herr Kreye (Matthias Bundschuh) offenbar gerade eine lange gesuchte Lebenserkenntnis gewonnen hat: „Sie fickt nicht. Das ist ihr Problem. Sie fickt nicht, und sie wird nicht gefickt.“

Der Rest der Runde ist zu diesem Zeitpunkt bereits nahe an den Mund des Kollegen Hering herangekrochen, welcher freimütig die Defizite seines Stiftzahnes vorführt. Neben ihm wiederum beginnt Herr Gubig (Ingo Hülsmann) übergangslos vom Damm- und Klitoris-Riss seiner Frau während der Geburt ihres Kindes zu erzählen: davon, wie sie seit Wochen blutend und gewindelt mit Trainingshosen im Bett liegt, während er sich Pornos anschaut, in denen junge Frauen Sodomie treiben. Jeder spuckt die Bruchstücke seiner eigenen kleinen Tragödie aus, und das Reaktionsvermögen ist so weit erlahmt, dass jeder Entäußerungsakt nurmehr in einer Mischung aus Unwillen und Debilität zur Kenntnis genommen wird.

Eine Herausforderung, der die Schauspieler unterschiedlich gut gewachsen sind: Stephan Grossmann, der einen offenbar unterschätzten Arbeitnehmer mittleren Alters mit abgedrängten Rachefantasien spielt, beherrscht die Kunst der alkoholisierten Leere beispielsweise außerordentlich gut, während sein Kollege Ingo Hülsmann gelegentlich zum Overacting neigt. Horst Lebinsky gibt den Senior als nach der Kellnerin (Kathrin Wehlisch) sabbernden Komiker, Jörg Gudzuhn und Christine Schorn liefern sich als Ehepaar Hartung sehr treffsichere kleine Bösartigkeiten. Aber wahrhaft herausragend ist Ernst Stötzner, der den Trunkenheitston nicht nur in einer auf höchstem Niveau jämmerlich vorgetragenen Arie, sondern überhaupt abendfüllend in sämtlichen Nuancen zwischen Groteske und Tragödie trifft. Aber statt des Gefühls von Überdruss stellt sich hier schlicht Langeweile ein. Der ultimative Ekel an der Entgleisung und der eigenen Bedeutungslosigkeit bleibt bei Gosch seltsam clean und distanziert.

Wieder am 24. September

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