Das Jahr 1983 und der Weltuntergang : Wir sind noch mal davongekommen

Gerade wurde eine Rede freigegeben, mit der Queen Elizabeth II. 1983 die Briten auf den Atomkrieg vorbereiten sollte. Jetzt zeigt der Historiker Georg Schild: 1983 war das gefährlichste Jahr des Kalten Krieges.

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Ghostwriter schrieben ihr 1983 eine Rede zum Nuklearkrieg: Elizabeth II.
Ghostwriter schrieben ihr 1983 eine Rede zum Nuklearkrieg: Elizabeth II.Foto: dpa

Haltung bewahren, selbst noch im Untergang. Diese insulare Tugend spricht aus einem Dokument, das jetzt – wie berichtet – vom britischen Staatsarchiv freigegeben wurde. Im März 1983 hatten Ghostwriter im Rahmen der Nato-Übung „Wintex-Cimex 83“ eine Rede für die Königin vorbereitet, in der Elizabeth II. ihre Untertanen auf die Folgen eines Atomkriegs vorbereiten sollte. „Wir wissen alle: Die Gefahren, die uns drohen, sind viel größer als jemals zuvor in unserer langen Geschichte“, hätte die Queen laut Manuskript gesagt – um dann zu appellieren: „Aber welcher Schrecken auch immer auf uns wartet: Die Eigenschaften, die schon zweimal in diesem traurigen Jahrhundert unsere Freiheit gerettet haben, werden einmal mehr unsere Stärke sein.“ Glücklicherweise musste die Rede nie gehalten werden.

Heute klingen diese Sätze eher grotesk als gruselig. Doch vielleicht war die Welt nie dem Untergang näher als damals. Der Tübinger Historiker Georg Schild jedenfalls hat in einem gerade erschienenen Buch 1983 zum „gefährlichsten Jahr des Kalten Krieges“ erklärt. Gefahr drohte nicht durch einen Militärschlag, sondern durch ein Missverständnis. Die Sowjetunion hatte den Kalten Krieg bereits verloren. Sie wusste es nur noch nicht. Das Land war – so Schild – militärisch überdehnt, wirtschaftlich marode und zwischen November 1982 (Breschnews Tod) und März 1985 (Gorbatschows Ernennung zum Generalsekretär der KPdSU) wegen der überalterten Führungsspitze „politisch gelähmt“. Als Staats- und Parteichef amtierte der vormalige Geheimdienstmann Juri Andropow, der an Diabetes, Bluthochdruck und fortschreitendem Nierenversagen litt.

Sein Gegenüber auf amerikanischer Seite, Präsident Ronald Reagan, protzte rhetorisch mit seiner Kraft. Er nannte die Sowjetunion ein „Reich des Bösen“, das auf den „Aschehaufen der Geschichte“ gehöre. Endgültig in die Knie zwingen wollte er die Kommunisten mit forcierter Aufrüstung. Im Oktober 1983 wurden Marschflugkörper vom Typ Cruise Missiles nach Europa verschifft, im November trafen die ersten Pershing-II-Raketen in der Bundesrepublik ein. Und Reagan kündigte die Installation eines Raketenabwehrschirms im Weltraum an, der „Krieg der Sterne“ schien greifbar nahe. Für den Kreml lag die zentrale Bedrohung in der Ungewissheit über die tatsächlichen Absichten des Gegners. Schild spricht von einer „Zuspitzung durch Schwäche“. Die Vermutung lag nahe, dass Amerika die Entscheidungsschlacht suchte.

Am 26. September 1983 kommt es in einer Raketenabwehranlage bei Moskau zu einem Fehlalarm. Satelliten melden einen amerikanischen Raketenangriff. Doch der Offizier vom Dienst setzt sich über seine Vorschriften hinweg und gibt den Alarm nicht weiter. Der Nuklearkrieg findet nicht statt. Ab 1984 nimmt Reagan, der sich eben noch auf einem „Kreuzzug für die Freiheit“ wähnte, die Schärfe aus seinen Verlautbarungen. Vorsichtig setzt eine neue Entspannung ein, für die der Begriff „Reagan Reversal“ geprägt wird, Reagans Wende. Der Präsident hat die fatalen Auswirkungen seiner Drohgebärden auf die sowjetische Wahrnehmung erst spät bemerkt. In seinen Memoiren schreibt er: „Drei Jahre Präsidentschaft hatten mich etwas Überraschendes über die Russen gelehrt: Viele Männer an der Spitze der Sowjet-Hierarchie hatten aufrichtig Angst vor Amerika.“ Diese Angst fand er befremdlich: „Als ob es hinter dem Eisernen Vorhang irgendetwas gegeben hätte, was wir haben wollten.“ Christian Schröder









Georg Schild: 1983. Das gefährlichste Jahr des Kalten Krieges.

Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2013, 234 S., 26,90 €

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