Kultur : Das Licht von damals

Sinnfrei und sinnlich: „Tabu“ – Miguel Gomes’ Traumblick auf die portugiesische Kolonialgeschichte.

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Dies ist der dritte Spielfilm des Portugiesen Miguel Gomes. Er ist komisch, ohne wirklich komisch zu sein, er ist tragisch, ohne tragisch zu sein, er berührt, ohne tiefer zu berühren. Aber „Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld“ erschafft seine ganz eigene Sphäre – und die entsteht wohl genau dann, wenn man die Filmgeschichte mit der portugiesischen Kolonialgeschichte kreuzt und Personen auftreten lässt, die sonst nie im Kino vorkommen. Wie die drei alten Frauen des ersten Teils.

Gomes’ Film besteht tatsächlich aus zwei Hälften, wie sie visuell und auch inhaltlich gegensätzlicher nicht sein könnten. In der ersten sehen wir, wie eine spielsüchtige, leicht senile alte Dame (Laura Soveral) ihre schwarze Haushälterin (Isabel Cardoso) tyrannisiert, wobei nie ganz sicher ist, ob es sich nicht gerade andersherum verhält. In dieser Ungewissheit liegt der Reiz.

Gomes beobachtet sie ausgerechnet um die Weihnachtszeit – eine größere Festtagstristesse ist nicht leicht zu erfinden –, und wahrscheinlich ist es auch kein Zufall, dass die schwarze Haushaltshilfe Santa heißt. Gomes neigt offenkundig zum diskreten Witz. Gut, dass die beiden eine Nachbarin mit ausgeprägtem Helfersyndrom haben. Gomes’ erste Filme waren grellbunt, dieser ist schwarz-weiß, wahrscheinlich um all die Schattierungen von Grau, zwischen denen das Dasein der drei oszilliert, besser einfangen zu können.

Und plötzlich sind wir in Afrika. „Tabu“ bleibt so schwarz-weiß wie im ersten Teil und verliert außerdem noch den Ton, „als wären die Worte, die einst gesprochen wurden, im Laufe der Zeit verloren gegangen“. Das trifft auch für den Verstand und das Gedächtnis der diktatorischen Greisin zu, deren afrikanische Jugend der 1950er Jahre der Film nun auf seine Weise ausleuchtet.

Wer weiß, vielleicht ging es in Auroras Kopf zuletzt ganz so zu wie auf Gomes’ Tonspur? Sprache ist da nicht drauf, aber dafür alle Geräusche von damals, angefangen bei knirschendem Sand. „Tabu“ ist also ein Stummfilm – gedreht auf 16 Millimeter – und doch kein Stummfilm. Wir begegnen einer schönen Kolonialherrin mit ausgeprägtem Talent zur Großwildjagd und ihrem Liebhaber Carloto Cotta, Mitglied einer Rock’n’Roll-Band. Die Band probt meist an Auroras Pool, einem Krokodil-Biotop. Für den Rock’n’Roll durchbricht Gomes das Schweigegebot des Stummfilms und nähert sich unaufhaltsam dem Tabu. Dessen Übertretung gerät nicht minder schräg als alles Vorangegangene. Kerstin Decker

Brotfabrik, Cinema Paris, fsk und

Hackesche Höfe (alle OmU)

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