Das neue Museum in Ahrenshoop : Magie des Lichts

Ausflug ans Meer: Der Berliner Zeichner und Altmeister Dieter Goltzsche bekommt zu seinem 80. Geburtstag eine Ausstellung in Ahrenshoop. Das ist gar nicht so erstaunlich, denn den Künstler zieht es wie so viele andere zum Arbeiten immer wieder in das 600-Seelen-Dorf. 2013 machte er dem dortigen Museum eine große Schenkung.

von
Zwischen Fischland und Darß. Schon immer zog Ahrenshoop die Künstler an. Hier entstand auch Alfred Partikels Ölgemälde „Ländliche Elegie“ (1919). Foto: Museum / VG Bildkunst 2014
Zwischen Fischland und Darß. Schon immer zog Ahrenshoop die Künstler an. Hier entstand auch Alfred Partikels Ölgemälde „Ländliche...Foto: Museum / VG Bildkunst 2014

Die Kirche im Dorf lassen, wie es denkfaule Honoratioren vorschlagen, wenn alles beim Alten bleiben soll, ist nie Dieter Goltzsches Ding gewesen. „Die Kuh verstecken“ heißt die Ausstellung, die das Kunstmuseum Ahrenshoop zum 80. Geburtstag des Berliner Künstlers ausrichtet. Um es vorwegzunehmen: Goltzsche hat sie, zwischen vibrierenden Linien und verträumten Flächen, sehr gut versteckt. Es bereitet größtes Vergnügen, die eigene Seh- und Assoziationslust auf den Weidegründen seiner Bildideen grasen zu lassen.

Dieter Goltzsche gehört nicht nur wegen des zu feiernden Lebensalters zu den jung gebliebenen Altmeistern. Der Dresdner entschied sich früh für einen Weg jenseits des sozialistischen Realismus. Mit seinen Arbeiten auf Papier, einem in der DDR weniger reglementierten Feld, wurde er zu einem unter Künstlerkollegen und Kennern hochgeschätzten Individualisten. Es gibt nicht viele Ostkünstler, deren Oeuvre man den Einschnitt der Wende so wenig ansieht.

Warum Goltzsche, der seit über fünfzig Jahren in Berlin lebt, mit einer Ausstellung im Ostseebad Ahrenshoop zum 80. gratulieren? Die Antwort, die die Gründungsdirektorin des Museums Katrin Arrieta gibt, ist so einfach wie plausibel: Weil er sich dem vor einem Jahr eröffneten privaten Kunstmuseum Ahrenshoop und dessen Initiator Guenter Roese eng verbunden fühlt – und dies 2013 mit einer größeren Schenkung dokumentiert hat. Weil Goltzsche seit Jahrzehnten regelmäßig zum Arbeiten nach Ahrenshoop kommt, dem 600-Seelen-Künstlerdorf an der Grenze von Fischland und Darß. Seit 120 Jahren fühlen sich Künstler magisch angezogen vom silbrigen Licht zwischen Hohem Ufer und Saaler Bodden. Früh entwickelte sich hier eine Künstlerkolonie, vergleichbar mit der in Worpswede. Die ständige Sammlung des Museums erzählt davon.

Auch die 40 Zeichnungen, Aquarelle und Mischtechniken Goltzsches sowie die Auswahl von ihm illustrierter Prosa- und Lyrikbände lassen den Bezug zu Land und Leuten aufscheinen. Sie heißen „Strandläufer“ oder „Das Leben am Grunde“, andere paraphrasieren romantische Gemälde der Ostseefreunde Caspar David Friedrich und Johann Christian Dahl. Goltzsches Arbeiten, egal ob eigenständiges Blatt oder Literaturillustration, bilden nicht ab, sondern sind selbst beredte Erzählung. Form und Gegenform, weiche Linie, raue Fläche: Mühelos und oft im selben Blatt springt er von Gegenständlichem zu freier Gestaltung, eine eingängige Handschrift oder stilistische Einbahnstraßen gibt es bei ihm nicht. Der Bewunderer von Rembrandt und Matisse zeichnet mit genialer Unbefangenheit.

Kein leicht zu fassender Künstler für die neun Kunstgeschichtsstudentinnen der Freien Universität Berlin, die unter Leitung von Anna-Carola Krausse in einjähriger Projektarbeit die Ausstellung und den Katalog konzipiert haben. Bei einem Atelierbesuch konnte die getroffene Auswahl mit Goltzsche diskutiert werden. „Sie haben dabei sehen gelernt. Die Arbeit mit Originalen kommt im Studium sonst zu kurz“, resümiert Krausse ihre gemeinsame Erfahrung.

Dem Kunstmuseum im Norden ist die Berliner Kunstwissenschaftlerin seit 2011 durch das von der Volkswagen-Stiftung finanzierte Forschungsprojekt Ahrenshoop am Kunsthistorischen Institut der FU verbunden. Erforscht wird darin nicht nur die Künstlerkolonie, die in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg überregionale Bedeutung genoss, sondern vor allem deren Nachleben. In den zwanziger und dreißiger Jahren fanden der Bauhaus-Meister Gerhard Marcks oder Ernst Wilhelm Nay in Ahrenshoop künstlerische Anregungen, in der DDR kamen Sommergäste von Wolfgang Mattheuer bis Horst Zickelbein.

Das Reetdach grüßt von fern. Das Berliner Büro Staab Architekten entwarf das neue Museum. Foto: Voigt & Kranz UG
Das Reetdach grüßt von fern. Das Berliner Büro Staab Architekten entwarf das neue Museum.Foto: Voigt & Kranz UG

Krausses Grundlagenforschungen sollen 2017 in eine Monografie und eine Überblicksausstellung münden. Bis dahin wird Katrin Arrieta die Sammlung des Kunstmuseums durch weitere Erwerbungen und Dauerleihgaben ergänzt haben. Schon jetzt sind hier Entdeckungen zu machen wie die dezent unterkühlten Pleinair-Landschaften der 1921 in Ahrenshoop gestorbenen Anna Gerresheim oder die in den Dreißigern gemalten Weltfluchten Alfred Partikels. Ihr Lebensgefühl kommt uns vertraut vor, auch wenn ihre Namen keiner mehr kennt.

Dass dem Kunstmuseum Ahrenshoop Strandurlauber auch zufällig ins Haus gespült werden (im ersten Jahr kamen 50 000 Besucher), verdankt sich seiner überzeugenden architektonischen Hülle, entworfen vom Berliner Büro Staab Architekten. Prominent am Ortseingang entstand für sieben Millionen Euro ein Ensemble aus fünf um ein Foyer organisierten, mit Messingblech verkleideten Pavillons mit insgesamt 600 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Eine Kunst-Arche, eigenständig und bescheiden, mit zeitgenössischen Mitteln an die Ahrenshooper Reetdachgemütlichkeit anknüpfend, ohne sich anzubiedern.

„Wir sind mit mehr oder weniger großer Skepsis beobachtet, aber wenig unterstützt worden“, charakterisiert Katrin Arrieta die Stimmung in Ahrenshoop von der Gründung des privaten Fördervereins 2005 bis zur Einweihung 2013. Arrieta war, ehe sie den Aufbau der Sammlung übernahm, Direktorin der Rostocker Kunsthalle. Geholt hat sie Guenter Roese, ein ehemaliger IBM-Manager, der selbst Kunst sammelt und die traditionsreichen Ahrenshooper Kunstauktionen fit für die Marktwirtschaft gemacht hat. Ohne Roese gäbe es das Museum nicht. Der von ihm initiierte Verein mit mittlerweile fast 400 Mitgliedern sammelte zwei Millionen Euro für den Museumsbau. Der Rest kam vom Bundeskulturminister und vom Wirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern. Das Kultusministerium des Landes hatte zuvor abgewinkt.

Dass das Museum steht und ohne öffentliche Zuschüsse wirtschaftet, ist ein Wunder. Dass man hier Arbeiten von Dieter Goltzsche begegnen kann, ein Glücksfall. Man muss dieses offene Haus unbedingt im Dorf lassen.

Kunstmuseum Ahrenshoop, bis 2. November, Katalog 6 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben