Kultur : Das Phantom

Michael Mittermeiers „This Prison Where I Live“

Oliver Heilwagen

„Der Amerikaner prahlt, ein Yankee mit einem Bein habe den Mount Everest bestiegen. Der Engländer hält dagegen, ein Brite ohne Arme sei durch den Atlantik geschwommen. Der Birmane überbietet das locker: Sein Staatschef regiere seit 18 Jahren ohne Kopf.“ Mit solchen Witzen unterhält Zarganar, der berühmteste Komiker Birmas, seine Landsleute. Doch die Militärjunta ist nicht amüsiert: Wegen seiner Kritik am Regime wurde Zarganar 2008 zu 59 Jahren Haft verurteilt. Seither lebt er in völliger Isolation.

Wie das ganze Land. Birma, offiziell Myanmar genannt, gehört zu den am stärksten abgeschotteten Staaten der Erde. Die Presse wird scharf zensiert, ausländische Medien sind verboten, und Geheimdienstspitzel allgegenwärtig. Das bekommen Regisseur Rex Bloomstein und Comedian Michael Mittermeier zu spüren, als sie einen Dokumentarfilm über Zarganars Schicksal drehen wollen: Gesprächspartner sagen kurzfristig ab, Verbindungsleute tauchen unter.

So jagen Bloomstein und Mittermeier ein Phantom. Ihre einzigen Aufnahmen von Zarganar stammen von 2007: Zu sehen ist ein glatzköpfiger, scharfzüngig formulierender Mann, der sich durch die Repressalien die gute Laune nicht verderben lässt. Er führt den Regisseur zu einer Bühne in der früheren Hauptstadt Rangun, auf der Freunde eines seiner Stücke proben. Zarganar selbst darf nirgends öffentlich in Erscheinung treten.

Zwei Jahre später ist er verschwunden. Bei ihrer Spurensuche fangen Bloomstein und Mittermeier Bilder ein, die banal anmuten: Zarganars Wohnung und Straßenszenen, mit der Handkamera aus der Hüfte gefilmt; die Dreharbeiten sind illegal und geschehen heimlich. Das Gefängnis taucht nur am Horizont auf: Ihm näher zu kommen brächte die einheimischen Begleiter in Lebensgefahr.

Rex Bloomstein hat sich mit Reportagen über Menschenrechtsfragen einen Namen gemacht. Michael Mittermeier, der sich seit Jahren für Birma einsetzt, zeigt im Verzicht auf billigen Betroffenheitstonfall wie auf schale Scherze, wie sehr ihm Zarganars Befreiung am Herzen liegt. Beeindruckendes Kino, obwohl es seinen Gegenstand nicht zu fassen bekommt. Oliver Heilwagen

Cinemaxx Potsdamer Platz

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