Das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker : Tanze mit mir in das Morgen

Jahresausklang à la française: Anne-Sophie Mutter ist Stargast beim Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle.

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Finale! Anne-Sophie Mutter mit Rattle und den Philharmonikern.
Finale! Anne-Sophie Mutter mit Rattle und den Philharmonikern.Foto: Holger Kettner

Jedes Jahr aufs Neue sind die Tickets für das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker heiß umkämpft – Anstehmarathon und Schwarzmarktwucherei inklusive. Und das, obwohl das Orchester sein Programm seit 2004 sogar jeweils drei Mal spielt – und obwohl es hier nicht automatisch leichte Kost gibt wie beim Wiener Neujahrs-Pendant. Johann Strauß stand zuletzt 1985 auf dem Programm. Viel häufiger wird Richard Strauss gespielt, Karajan dirigierte 1981 und 1982 gar einen Brocken wie die Alpensinfonie, und auch Abbado (1992) wie Rattle (2006) huldigten dem Spätromantiker.

Die Berliner Jahresendsause ist natürlich Chefsache, lediglich Daniel Barenboim wurde zweimal die Ehre der Einladung zuteil (1986 und 2001). Nach Karajans Tod 1989 sprang Seiji Ozawa ein, 2010 dirigierte Gustavo Dudamel, als Ozawa wegen Krankheit absagen musste. Karajan wie auch die Nachfolger wechselten gerne zwischen monothematischen, nur einem Komponisten gewidmeten Abenden und Potpourris beliebter Melodien. Repertoireüberschneidungen gab es wenig, zweimal erklang die „Carmina Burana“ (1989 und 2004), Ravels „La Valse“ schaffte jetzt sogar das Tripel: Abbado dirigierte das poème choreographique 1996, Rattle 2003 – und eben in diesem Jahr.

Seit seinem Amtsantritt hat Sir Simon einen Schwerpunkt auf französische Musik gelegt. Stilistisch macht den Philharmonikern auf diesem Gebiet heute keiner mehr was vor, selbst in Paris bekommt man das Repertoire nicht so raffiniert interpretiert zu hören. Ein Programm für Kenner und Genießer serviert der Chef diesmal, lauter amuses oreilles, klingende Grüße aus der Küche. Dass die Ouvertüre zu seiner kleinen opéra bouffe „L’Etoile“ mal von einem Weltspitzenorchester gespielt werden würde, hätte sich der aus der Auvergne stammende Autodidakt Emmanuel Chabrier wohl nicht träumen lassen. Rattle ist ein Fan von „L’Etoile“, 2010 hat er das Stück an der Staatsoper dirigiert, mit seiner Frau Magdalena Kozena in der Hauptrolle.

Am Dienstag sitzt die Mezzosopranistin in Block A der Philharmonie, ebenso wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters, und erfreut sich am lustigen Lärmen von Becken und großer Trommel wie auch an Konzertmeister Daishin Kashimoto, der seinem Solo die aristokratische Geschmeidigkeit einer Siamkatze verleiht. Liebevoll präpariert Simon Rattle auch in der Ballettmusik zu Massenets Oper „Le Cid“ jedes interessante Instrumentationsdetail heraus, schwingt sich geradezu auf zum Klang-Choreografen, der die eingängigen, folkloristisch- pseudospanischen Nummern zum Tanztheater fürs innere Auge werden lässt, samt amouröser Serenade unterm Balkon und sangriaseliger Fiesta.

Zwei Virtuosenreißer hat sich Anne-Sophie Mutter ausgesucht – und scheut doch den Flirt mit dem Publikum, mag ihre Brillanz nicht ausstellen, wirkt verschlossen. Die zarten, sehnsuchtsvollen Passagen in Saint-Saëns Rondo Capriccioso haben schimmernden Glanz, in den vertrackten Passagen aber hört man tatsächlich – ungewöhnlich für die Stargeigerin – dass hier Schwerstarbeit zu verrichten ist. Auch bei Ravels „Tzigane“ flüchtet sich Anne-Sophie Mutter, nach einem kraftvollen Beginn, schnell ins Lyrische, zeigt meisterliche, gläserne Flageoletts, aber kaum Leidenschaft – und erntet prompt einen Beifall, der keine Zugabe erzwingt.

Auf Francis Poulencs hübsche, nach der neuesten Musikmode von 1923 zurechtgemachte Salon-Petitesse „Les Biches“ lässt Rattle eine radikale „La Valse“-Deutung folgen: Mit überdeutlichem Strich malt er die zwei Parallelschauplätze nach, hier die Schrecken des Krieges, dort die Ballseligkeit, rückt die Bilder dann immer näher zusammen, schiebt sie schließlich ganz übereinander, zu einem apokalyptischen Finale.

Als wollten alle im Saal diese düstere Vision samt aktuellen Assoziationen möglichst schnell abschütteln, spielt das Orchester die Brahms- Zugabe besonders lebenslustig, brandet extra lauter Applaus auf. Wie Rattle allen Stimmführern der Streicher seine Hände reicht, wie er den Bläsern Dank sagt und dann inmitten seiner Musiker steht, vom Jubel umtost, strahlend: Diese entente cordiale von Menschen aus 25 Nationen, verbunden in Liebe zur Musik – das ist definitiv der beglückendere Ausblick auf 2016.

Am heutigen Donnerstag (31. Dezember) überträgt RBB Kulturradio das Konzert live ab 17.30 Uhr. Auf Arte ist es um 18.40 Uhr zu sehen.

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