Kultur : Das T-Shirt bleibt an

Für Fans: Am Donnerstag startet „Eclipse“, der dritte Teil der „Twilight“-Filme, in Deutschland

Miriam Dagan

Kälteeinbruch im brütend heißen Sommer: „Eclipse – Biss zum Abendrot,“ der dritte Teil der Teenager-Romanze mit Bella (Kristen Stewart), dem Mädchen aus der Kleinstadt Forks im verschneiten amerikanischen Nordwesten, und Edward, dem ewig 17-jährigen Vampir (Robert Pattinson), kommt in die Kinos. Werwolf Jake (Taylor Lautner) buhlt weiter um Bellas Liebe – nachdem er es in Teil 2 mit Zärtlichkeit, Kumpeligkeit und viel nacktem Oberkörper nicht geschafft hat. Das hübsche Mädchen mit dem ernstem Augenaufschlag hat ihre beiden Jungs gut im Griff – doch der eiskalte Vampir Edward ist ihre große Liebe, nicht der heißblütige Werwolf Jacob.

Teil 2 war mit einem Heiratsantrag zu Ende gegangen, schon da bettelte Bella bei Edward permanent nur um das eine: Bisse, Küsse und mehr. Immer noch lautet seine Bedingung, sie soll ihn erst ehelichen, bevor er sie in einen Vampir verwandelt, ergo, Sex mit ihr hat. Der prüde Subtext prägt ja bereits die Megaseller-Romanvorlagen von Stephenie Meyer.

An dem Mensch-liebt-Vampir Problem hat sich in „Eclipse“ nichts geändert, genauso wenig wie am anhaltenden Erfolg der „Twilight“-Filme, die längst zu einem popkulturellen Phänomen geworden sind. „Eclipse“ hat in der amerikanischen Premierennacht am 30. Juni 30 Millionen Dollar eingespielt und ist damit die kommerziell erfolgreichste Mitternachtsfilmvorführung aller Zeiten. Die Hysterie der vor allem weiblichen Fans um die Hauptdarsteller Robert Pattinson, Kristen Stewart und Taylor Lautner reißt nicht ab, und sogar die amerikanische Kritik meldet verhaltene Anerkennung.

Die Crux bei den „Biss“-Filmen: Den Machern muss es gelingen, den mediengewieften jugendlichen Fans gefällig zu sein und sie gleichzeitig nicht zu unterfordern. Denn die Kids durchschauen auf der Stelle jeden strategischen Versuch der Erwachsenen, in ihre Lebenswelt vorzudringen. Der dritte Teil der Saga kombiniert in der Regie des Briten David Slade die romantische Stimmung von Teil 1 mit den Special Effects von Teil 2. Was bei „New Moon – Biss zur Mittagsstunde“ auf die Dauer ermüdete, ist nun in eine packende Handlung eingebettet. Ein weiteres Plus von „Eclipse“: War Teil 2 von der weitgehenden Abwesenheit des Vampirs Edward geprägt – sowie von der weitgehenden Abwesenheit einer Handlung –, wird die Rivalität zwischen Edward und Jake dramaturgisch nun wieder voll ausgespielt.

Die Kenntnis der Vorgängerfilme ist allerdings unerlässlich, bei Liebesgeschichte genauso wie beim Action-Teil: In „Eclipse“ möchte die böse Vampirdame Victoria sich für den Mord an ihrem Partner rächen und züchtet deshalb eine Armee von „neugeborenen“ Vampiren heran. Für den Kampf gegen diese blutrünstigen Monster verbünden sich erstmals die verfeindeten Clans der Werwölfe um Jaku und der „guten“ Vampire um Edward. Was das Alibi bietet für gemeinsame Ertüchtigungsübungen blasser Kaltblüter und kraftvoller Wolfsmenschen sowie für den finalen Showdown, den Kampf gegen die Armee der Jungvampire.

Doch das eigentliche Erfolgsgeheimnis heißt Selbstironie. Mehr noch als die bisherigen „Twilight“-Filme meistert David Slade den Balanceakt zwischen Kitsch und Komik, Romantik und Slapstick. Immer wieder wird der Ernst der Lovestory konterkariert: Bella bricht sich die Hand, als sie Jacob nach seinem erzwungenen Kuss ins Gesicht schlägt; der eifersüchtige Edward murmelt „Hat der eigentlich kein T-Shirt?“, als sie dem muskulösen Jacob begegnen, und Jakes dramatischer Ausruf „Ich bin nicht das richtige Monster für dich!“ ist fast schon ein Klassiker.

So gehen die Filme eine Komplizenschaft mit dem Zuschauer ein, wenn sie dem Publikum die Erlaubnis geben, sich über sie lustig zu machen. In welchen Szenen man lacht und in welchen man (wenn überhaupt) ergriffen ist, das hängt sowieso von Alter und Geschlecht ab.

So gesehen sind die 16-jährigen Mädchen, die in die „Twilight“–Filme rennen, nicht bloß die naive Zielgruppe, die auf die erzkonservative Botschaft der Mormonin Stephenie Meyer in Fantasyverpackung hereinfallen. Obgleich die Predigt der sexuellen Enthaltsamkeit vor der Ehe bei „Eclipse“ sogar noch plumper ausfällt als bei den Vorgängerfilmen: Edward will selbst auf Bellas Drängen hin noch nicht mal besagtes T-Shirt ausziehen (das er bei seinem Rivalen selbstironisch anmahnt). Er bleibt der puritanische Liebhaber, der seine Liebste nicht erhört.

Doch die selbstreflexive Strategie, wie sie schon in Teenagerfilmen aus den neunziger Jahren zu beobachten war, hebelt die Prüderie zumindest in Ansätzen aus. Der unausgesprochene Pakt der Generationen lautet: Wir durchschauen das alles, schwärmen, schmachten – und lachen darüber! Der Pakt der Generationen wird dabei auch in Szene gesetzt. Die Eltern in den „Twilight“-Filmen sind liebende, aber hilflose Kumpels. Der Teenager ist unverstanden wie eh und je – aber wenigstens geben die Erwachsenen sich Mühe.

Auch weitere Erfolgszutaten behält David Slade in „Eclipse“ bei: Erneut gibt es einen exzellenten Indie-Rock-Soundtrack von aktuell angesagten Gruppen. Die britische Band Muse ist diesmal dabei, ebenso Vampire Weekend(!). Seit Thom Yorke, der Sänger von Radiohead, einen Song zum zweiten „Twilight“-Teil beisteuerte, sind die Filme für Indiebands salonfähig geworden – und die Soundtracks zum weiteren Gesprächsthema der Fans. Es fehlt auch bei „Eclipse“ nicht an grandiosen Landschaftsaufnahmen, teils aus der Luft, und an raffiniert ausgeleuchteten Szenen, die das Traumhafte der Gothic-Atmosphäre unterstreichen.

Diese schaurig-melancholische Schönheit entspricht nicht zuletzt Bellas literarischen Vorlieben. Wiederholt zitiert sie ihr Lieblingsbuch, „Sturmhöhe“ von Emily Brontë. Die Verkaufszahlen des englischen Romanklassikers soll dank reger Nachfrage seitens der „Twilight“-Leser in jüngster Zeit deutlich in die Höhe gestiegen sein. Kein schlechter Nebeneffekt, auch wenn „Sturmhöhe“ und „Eclipse“ nur oberflächliche Gemeinsamkeiten aufweisen.

Gleich zu Beginn des Films zitiert Bella außerdem das Gedicht „Fire and Ice“ des amerikanischen Lyrikers Robert Frost, als unmissverständlich Botschaft für Edward. „Nachdem, was ich von Lust gekostet, halt ich’s mit denen, die das Feuer vorzieh’n.“ Echtes Feuer entfacht „Eclipse“ wahrscheinlich nur bei eingefleischten „Twilight“-Fans, aber davon gibt es ja genug. Sie warten darauf, dass Edward seine Liebste endlich zum Vampir macht – und sei es im letzten Teil der Saga, deren Verfilmung im November 2011 in die Kinos kommt.

Ab Donnerstag in den Kinos.

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