Kultur : Das zweite Leben des André Breton

Paris: Rekordergebnis für den Nachlass des Surrealisten

Sabine Heimgärtner

„Jackpot!“, titelte „Libération“ nach den zehn Tagen der „Jahrhundert“-Versteigerung. Im Pariser Auktionshaus Drouot-Richelieu kam der gesamte Nachlass des Surrealisten-Papstes André Breton (1896 - 1966) unter den Hammer. Mit 46 Millionen Euro übertraf der Erlös der buntgescheckten Sammlung des Dichters und Denkers alle Erwartungen, die Schätzwerte für Gemälde, Manuskripte, Fotografien, Kunsthandwerk, Bücher, Zeichnungen und Alltagsobjekte wurden um 30 Prozent übertroffen. Mehr als 4200 Objekte fanden neue Besitzer und veranlassten die Erbin Bretons, seine heute 67-jährige Tochter Aube, am letzten Tag der Auktion „erst einmal ins Grüne zu fahren“.

Sie und Bretons letzte Frau Elisa hatten jahrzehntelang versucht, das vollgestopfte Raritätenkabinett des akribischen Sammlers in seiner Zweizimmerwohnung im Montmartre-Viertel als Museum oder Stiftung unter staatlicher Verwaltung zu erhalten – vergeblich, aber vielleicht im Sinne des Künstlers, der zu Lebzeiten keine Angaben dazu machte, was mit dem Inventar seines Ateliers geschehen sollte. Genau darüber entbrannte schon Monate vor der spektakulären Versteigerung ein erbitterter Streit unter den Intellektuellen. Die einen forderten, die Kollektion als Ganzes zu erhalten. Die anderen, darunter Frankreichs Kulturminister Jean-Jacques Aillagon, waren der Ansicht, dem unruhigen Geist Bretons entspreche die „weltweite Verstreuung“ seiner Sammlung.

Nun, die Gemüter haben sich beruhigt, nicht zuletzt deshalb, weil Frankreichs Regierung mit rund 13 Millionen Euro von ihrem Vorkaufsrecht reichlich Gebrauch machte. In französischen Museen wird künftig nicht nur die berühmte „Atelier-Wand“ Bretons zu sehen sein (Centre Pompidou), ein inspirierendes Sammelsurium mit allein 260 Objekten, das früher über seinem Schreibtisch thronte, sondern auch das Gemälde „Femme“ (1927) von Hans Arp (2,8 Millionen Euro) sowie zahlreiche Arbeiten des Fotografen Man Ray, darunter „Impossible Dancer“ (1934, 1,5 Millionen Euro), teilweise anekdotische Erinnerungen an Bretons Geliebte Nadja und mehrere Gemälde von Victor Brauner, darunter das berühmte Ölporträt Bretons (1934, 210000 Euro). Dass andere bedeutende Objekte der „wunderbaren Rumpelkammer“ des surrealistischen Vordenkers, etwa „La femme cachée“ (1929, 900000 Euro) von René Magritte und die „Puppe“ (1936, 215500 Euro) von Hans Bellmer, an Privatsammler in aller Welt gingen, schmerzt die Breton-Getreuen. Irgendwo werden sie demnächst für Überraschungen sorgen. Das zweite Leben André Bretons hat begonnen.

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