Daumier im Liebermann-Haus : Der Hunger der Mächtigen

„Er ist der größte Maler des 19. Jahrhunderts“, schwärmte Max Liebermann einst über Honoré Daumier. „Was für Maler gibt es noch? Manet? Ja! Aber Cézanne und van Gogh waren schon inkomplette Künstler. Aber Daumier hat alles gekonnt." Jetzt feiert das Berliner Liebermann-Haus den Franzosen mit einer umfangreichen Retrospektive.

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Aufstieg? Abstieg? Honoré Daumier hat sein Gemälde „Der Mann am Seil“ nicht vollendet. Foto: Museum of Fine Arts, Boston
Aufstieg? Abstieg? Honoré Daumier hat sein Gemälde „Der Mann am Seil“ nicht vollendet. Foto: Museum of Fine Arts, Boston

Zwischen Himmel und Erde schwebt „Der Mann am Seil“, so der heutige Titel des Ölgemäldes von Honoré Daumier (1808 – 1879), das unvollendet blieb. Die Striche sind summarisch gesetzt, die Ränder grob, der Kopf noch gänzlich ohne Kontur. Nun rätseln die Forscher: Ist es ein Anstreicher, der vor einer Hauswand baumelnd seiner Arbeit nachgeht? Oder ist es ein fliehender Gefangener, der sich von der Mauer abseilt und nach unten blickend dem rettenden Grund, der Freiheit entgegenstrebt? Beides passt zu Daumier, der in seinen Zeichnungen und Lithografien die kleinen Leute, Handwerker, Mütter und Kinder porträtierte. Als Maler aber bediente er sich immer wieder der Allegorie. Zu seinen Lieblingsthemen gehört Don Quijote, in dessen verzweifeltem Kampf gegen die Umstände seiner Zeit er sich selbst womöglich sah.

Den großen Franzosen kennt man hierzulande vornehmlich als scharfen Kritiker und Zeitungskarikaturisten, der mit spitzer Feder Politiker, Richter und Unternehmer attackiert. Seine treffliche Darstellung von König Louis-Philippe in Form einer Birne gewann in Deutschland in der Ära Kohl neue Popularität. Das Liebermann-Haus am Pariser Platz aber stellt Daumier nun als „Totalkünstler“ vor, als Karikaturisten, Maler und Bildhauer. Der Ort ist perfekt gewählt, denn Liebermann war einer der größten Bewunderer Daumiers, sammelte dessen Werke mit Leidenschaft. Sein Diktum „Daumier ist ungeheuer!“ verlieh der Ausstellung den Titel.

„Er ist der größte Maler des 19. Jahrhunderts“, schwärmte der deutsche Secessionist und Akademiepräsident. „Was für Maler gibt es noch? Manet? Ja! Aber Cézanne und van Gogh, wissen Sie, waren schon inkomplette Künstler. Aber Daumier hat alles gekonnt, was er gewollt hat. Er ist das große Genie!“ 3000 Lithografien des Kollegen hütete Liebermann in seinem Palais am Brandenburger Tor, dazu 22 Handzeichnungen und ein Gemälde. Diese Begeisterung teilte er mit weiteren Sammlern der Stadt: Otto Gerstenberg und Eduard Fuchs. Daumier wurde damals in Berlin hoch geschätzt und geriet doch mit der Zerschlagung jüdischer Sammlungen durch die Nationalsozialisten mit seinem Gesamtwerk in Vergessenheit. Die Ausstellung im Liebermann-Palais Jahrzehnte später mit Leihgaben aus der ganzen Welt ist deshalb eine kleine Sensation. Der Alten Nationalgalerie hätte sie gut angestanden; zumindest deren ehemaliger Kustos für das 19. Jahrhundert, Claude Keisch, stand dem Unternehmen als Kurator bei.

Die enormen Kosten bei Transport, Versicherung, Zoll schreckten am Ende auch das Essener Folkwang-Museum ab, die Schau zu übernehmen. Dafür entlieh das Museum mit „Ecce Homo“ ein Hauptwerk von Daumier, das mit 160 mal 127 Zentimetern Größe ähnlich großformatig wie „Der Mann am Seil“ ist und ähnlich unfertig erscheint, was ihm enorme Modernität verleiht. Auch hier liegt die Bedeutung in der Allegorie, denn den größten Raum nimmt nicht der angeklagte Christus, sondern das Volk im Vordergrund ein. Die Betrachter des Bildes wussten damals sehr genau, dass mit der Jesusfigur eigentlich die verratene Republik gemeint war.

Als Karikaturist setzt Daumier eine deutlichere Sprache ein. Gezeigt wird auch jenes berühmte Blatt von 1831, das Louis-Philippe als Fettwanst beim Verspeisen seiner Untertanen zeigt, assistiert von der mediokren Ministerschaft. Die „Gargantua“ betitelte Lithografie brachte dem Zeichner ein halbes Jahr Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung ein. Die Strafe trat der Wiederholungstäter erst im darauffolgenden Jahr an, als er bereits mit der Serie kleiner Büsten der „Célébrités du juste milieu“ begonnen hatte.

In Berlin sind die Bronzen aus dem Besitz der Akademie der Künste und der Sammlung Scharf-Gerstenberg gut bekannt, doch zeigt sich nun im Zusammenhang mit dem Gesamtwerk die Mehrfachbegabung des Künstlers. Die mit schneller Hand geformten Tonköpfe gewinnen in Bronze gegossen die Qualität eines Rodin, der allerdings erst 30 Jahre später sein Werk schuf. Für ihre Zeit sind Daumiers Skulpturen beispiellos. Mittels Übertreibung ist einerseits das Charakteristische dieser Repräsentanten der Julimonarchie getroffen, andererseits werden stellvertretend die Eitelkeit der Großbourgeoisie und die Verschlagenheit der Staatsmacht vorgeführt. Als Porträtist konnte Daumier nicht anders, auch wenn er seine Figuren mit Knollennase, Schweinsäuglein und Wulstlippen austattete, schenkte er ihnen doch stets seine Liebe. Nicola Kuhn

Liebermann-Haus, Pariser Platz 7, bis 2. 6.; Mo, Mi, Do, Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr. Kat. (Nicolai) 28 € bzw. 39,90 €.

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