Kultur : David & Gretel

Die Alzheimer-Doku „Vergiss mein nicht“.

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Fast anderthalb Millionen Menschen sollen in Deutschland an Demenz leiden, Tendenz rasch steigend. Fast jeder Erwachsene dürfte Erkrankte kennen, viele sind familiär selbst betroffen und suchen Wege, den Spagat zwischen Erwerbsleben und der Verantwortung für die kranken Eltern oder Freunde zu meistern. Einen pfiffigen Weg hat David Sieveking („David Wants to Fly“) gefunden. Er verbindet Fürsorge und Beruf und filmt sich selbst dabei, wie er sich um die alzheimerkranke Mutter kümmert. Für einige Wochen springt er ein und verschafft dem Vater eine Auszeit – der einstige Mathematikprofessor pflegt die Ehefrau seit Jahren und ist mit den Kräften am Ende.

Während Vater Malte zur Erholung in die Schweiz fährt, übernimmt im Taunus David das Regiment. Doch nicht ganz, denn Demente sind nicht gerade fügsam. Erst will Mutter Gretel nicht mehr aus dem Bett. Dann macht sie den Vorschlag zu einem Ausflug nach Stuttgart, wo Verwandte wohnen. Ein guter Anlass für David, in Fotoalben nach Erinnerungen zu wühlen, die die Mutter nicht mehr erzählen kann. Als beide den Vater aus der Schweiz abholen, geht es in eine andere Schicht der Familiengeschichte: Gretel war in den 60ern eine prominente Linksradikale, die Familie wegen Berufsverbots des Vaters zeitweise nach Zürich emigriert. Später war Gretel frauenpolitisch aktiv, bei einem von David arrangierten Treffen mit alten Mitkämpferinnen ist auch Silvia Bovenschen zu sehen. Und die vom Sohn immer für vorbildlich gehaltene Ehe der Eltern stand wegen Affären mehrmals vor dem Aus.

Es ist erstaunlich – und wird im Film nicht thematisiert –, dass der Mittdreißiger so wenig von diesem teils sogar öffentlichen Vorleben seiner Eltern weiß. Die Reisen und familiengeschichtlichen Entdeckungen passen so perfekt ins dramaturgische Gerüst, dass der Gedanke an auktoriale Steuerung sich aufdrängt. Auch die emotionale Entwicklung der familiär-filmischen Unternehmung scheint fast zu schön, um wahr zu sein. So wird der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilm zu einer narrativ perfekt austarierten melancholischen Liebesgeschichte. Im wachsenden Subgenre des AlzheimerFilms empfiehlt sich „Vergiss mein nicht“ immerhin als wohlig warmer Seitenstrom. Silvia Hallensleben

Babylon Mitte, Central, Eva-Lichtspiele,

Filmkunst 66, fsk am Oranienplatz

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