DDR-Kunst von Dissidenten : Der ungezähmte Osten

Die Ausstellung „Gegenstimmen“ im Martin-Gropius-Bau zeigt dissidentische DDR-Kunst seit Wolf Biermanns Ausbürgerung.

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Tier gegen Mensch, Freiheit gegen Staatsräson. Hans-Hendrik Grimmlings Triptychon „Umerziehung der Vögel“ von 1977. Foto: Eric Tschernow
Tier gegen Mensch, Freiheit gegen Staatsräson. Hans-Hendrik Grimmlings Triptychon „Umerziehung der Vögel“ von 1977.Foto: Eric Tschernow

Mit großen Augen schaut die junge Frau den Betrachter an, ihr Kopf steckt in einer Plastiktüte. Die transparente Hülle um ihren Hals schnürt sie selbst zu. Ein Suizid mit Ankündigung? So ungefähr mag es sich für Cornelia Schleime angefühlt haben, damals in der DDR, Anfang der Achtziger. Allerdings hat die Tüte auf dem nächsten Foto Schlitze zum Atmen. Auf dem dritten Bild zieht die Künstlerin sie hoch. Auch sonst machte sich Cornelia Schleime damals bei der Performance von Zwängen frei, sie trug zwar einen Mantel, allerdings nichts darunter.

„Ich halte doch nicht die Luft an,“ lautet der Titel des Happenings, von dem nur die Fotoserie blieb. Wie so viele Werke der Künstlerin ging auch die Serie bei ihrer Ausreise in den Westen seltsamerweise verloren. Die Behörden kannten keine Gnade, wenn ein Dissident das Land verließ. Beim Fotografen Bernd Hiepe fanden sich die Negative erst jetzt wieder. Für die Ausstellung „Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976 bis 1989“ im Martin-Gropius-Bau wurden die Bilder nochmals vergrößert. Jetzt hängen die Aufnahmen an der Wand: eine Wiederbegegnung mit der Vergangenheit, mit dem Sumpf und der Tristesse des untergegangenen Staates, mit dem Aufbegehren und der kreativen Renitenz der darin lebenden Künstler.

Die Zeit der Aufarbeitung ist noch lange nicht vorbei, vermutlich fängt sie ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer erst richtig an. Der letzte großangelegte Ausstellungsversuch vor vier Jahren im Neuen Museum in Weimar zeigte Staatskünstler und Dissidenten noch zusammen, was vor allem die oppositionellen Künstler empörte. Christoph Tannert, Chef des Künstlerhauses Bethanien, und Eugen Blume, scheidender Leiter des Hamburger Bahnhofs, beide aus der DDR, separieren die beiden Lager im Gropius-Bau nun wieder. „Die Subkultur war niemals implementär“, wehrt sich Kurator Tannert gegen eine Vermengung von Parteigängern und -gegnern.

Die Ausstellung markiert eine Zäsur

Zugleich markiert die Ausstellung eine neue Zäsur: Nicht das Jahr 1949 mit der Staatsgründung der DDR, nicht 1953 mit dem Arbeiteraufstand und auch nicht 1961 mit dem Mauerbau gilt dem Kuratorengespann als entscheidendes Datum für den Beginn einer aufbegehrenden Kunst. Sie setzen den Schnitt 1976, mit dem Jahr der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Der Weggang des Liedermachers in den Westen zog eine Ausreisewelle nach sich und verschärfte innerhalb des Landes die Lage der Regierungsgegner. Als Reaktion blieb für sie nur zweierlei: innere Emigration oder das Aufbäumen gegen den Apparat mittels Gegenöffentlichkeit, durch unangemeldete Ausstellungen, Konzerte, durch Verbreitung von Flugschriften.

Biermann hatte mit seinem Land und dessen Bewohnern da längst gebrochen, umso mehr nach dem Mauerfall, nachdem die Machenschaften der Staatssicherheit offenbar geworden und der Dichter und Szene-Intimus Sascha Anderson als Spitzel enttarnt war. „Nun erfahren wir, dass die bunte Kulturszene am Prenzlauer Berg ein blühender Schrebergarten der Stasi war. Jedes Radieschen nummeriert an seinem Platz. Spätdadaistische Gartenzwerge mit Bleistift und Pinsel,“ polemisierte der Liedermacher 1991 bei einer Preisverleihung. Das hörten viele gern. Westdeutsche Kuratoren wie Siegfried Gohr, Direktor des Kölner Ludwig-Museums, gingen sogar so weit zu sagen, dass die kreativen Erzeugnisse der DDR, entstanden in einer Diktatur, gar nicht erst als Kunst bezeichnet werden könnten.

Auch das ist längst Geschichte. Dass es anders war, ist wohlbekannt. Eigentlich haben es Tannert, Blume & Co. nicht nötig, den Gegenbeweis anzutreten. Ein anderer Punkt zählt jedoch mehr: Angesichts des aktuellen Achtziger-Jahre-Revivals in den Museen lässt sich ihr Wunsch nach Rehabilitation ostdeutscher Kunst gut verstehen, denn bei den großen Pop- und Punk-Ausstellungen wird sie gerne übersehen.

Die „Gegenstimmen“-Schau im Gropius-Bau erstaunt allemal durch ihre Frische, ihre Vitalität. Viele Werke könnten aus der jüngsten Vergangenheit stammen, schließlich erlebt die expressive Malerei, die Gegenständlichkeit gerade ein Comeback. Wirkte die Kunst aus der DDR zu ihrer Zeit vom internationalen Diskurs noch abgehängt – die damals angesagte Minimal- und Konzeptkunst stieß erst viel weiter im Osten auf Interesse, in Polen und Ungarn –, so kann man die DDR-Werke heute ganz anders goutieren.

Und doch will die Schau mehr als ästhetisches Vergnügen sein. Hinter den Arbeiten steckt vielfach politischer Wagemut, ein Aufbegehren, das die aufgeladene Bildsprache – Mann kämpft mit Hund, ein Kofferträger steht an der Mauer – sofort kenntlich macht. Die Geschichte der Geächteten, der verschiedenen Künstlergruppen in Leipzig, Dresden, Ost-Berlin wird jedoch nicht erzählt: keine Saaltexte, nirgends Informationen. Der Besucher muss schon den Katalog erwerben oder soll sich bitteschön die Namen der Künstler notieren und dann auf Wikipedia nachschauen, heißt es auf Nachfrage.

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