DDR-Literatur : Schweigen als Programm

Annette Leo liefert mit ihrer Erwin-Strittmatter-Biografie weitere Belege für die Kriegsverstrickungen des DDR-Bestsellerautors und Volksschriftstellers.

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Als Erwin Strittmatter 1959 zum Sekretär des DDR-Schriftstellerverbands berufen wurde, schrieb er in einem Fragebogen zu seiner Militärbiografie im Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg: „Ich habe trotz meiner Zugehörigkeit zur Schutzpolizei, außer bei der Ausbildung und auf dem Schießstand, nie eine Gewehr- oder Pistolenkugel abgeschossen. Das gehörte zu meinem individualistischen Programm, wenn ich so sagen darf. Es gelang mir auch, es einzuhalten.“

An dieser Aussage des 1912 geborenen und 1994 gestorbenen DDR-Bestsellerautors („Ole Bienkopp“, „Der Laden“) äußerte der Germanist Werner Liersch vor vier Jahren erhebliche Zweifel. Er legte dar, wie sehr Erwin Strittmatter seine Vergangenheit frisiert hatte. Wie verschwiegen er war, was seine Einsätze als Angehöriger und Schreiber nicht der Schutzpolizei, sondern eben der Ordnungspolizei betraf, vor allem in Slowenien, Krakau und Griechenland zwischen 1941 bis 1944. „Er besaß Kenntnisse dieses Krieges von einem ungewöhnlichen Radius“, so Liersch damals in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Für aktive Beteiligungen des späteren Erfolgsschriftstellers bei Kampfeinsätzen liefert die Berliner Historikerin Annette Leo in ihrer beim Aufbau Verlag erscheinenden Strittmatter-Biografie nun noch mehr Belege als Werner Liersch (und auch als Bernd-Rainer Barth, der 2008 von Strittmatters 2011 verstorbener Frau Eva beauftragte Historiker). „Ähnlich wie in Slowenien saß Erwin Strittmatter auch in Griechenland nicht nur in der Schreibstube und dokumentierte die Einsätze, die Exekutionen und die Verluste seines Bataillons,“ schreibt Leo.

Die Autorin durfte mit Erlaubnis der Strittmatter-Söhne Jakob und Erwin erstmals Auszüge aus Briefen lesen und auch veröffentlichen, die Strittmatter in den Jahren 1939 bis 1942 an seine Eltern und Geschwister geschrieben hat. Aus diesen geht hervor, dass er sich gleich dreimal freiwillig gemeldet hatte, zur Wehrmacht, zur Schutzpolizei und zur Waffen-SS. Auch schildert er darin Einsätze des Polizeibataillons 325, dem er vorgeblich nur als Schreiber angehörte. Zum Beispiel den Kampf gegen Partisanen in der slowenischen Ortschaft Drazgose, an denen vier deutsche Polizeibataillone und eine Wehrmachteinheit beteiligt waren: „War wieder mal Schütze 2 am I.M.G.“, so Strittmatter in einem Brief vom 15./16. Januar 1942. Ein paar Wochen später schreibt er, bei einem Unternehmen „das Himmelfahrtkommando geführt“ zu haben. Oder dass „die Rebellenbande in der Hauptsache wohl zerschlagen sei, es gebe nur noch versprengte Teile. (...) Unser Zug hat hier in diesem Bauernhaus Stellung bezogen und erwartet die versprengten Schafe mit einem Feuersegen.“

Auf der griechischen Insel Naxos soll Erwin Strittmatter dann selbst einen Schuss abgegeben und einen Partisanen getötet haben – wenn auch aus Versehen, wie Leo „über drei Ecken“ und mündlich überlieferte Erzählungen erfuhr.

Letzlich ist ihre Biografie eine Vertiefung dessen, was 2008/2009 über Strittmatters Kriegsverstrickungen bekannt wurde. Über „die Schichten von Schweigen und Ausflucht, Vereinfachung und Umdeutung“ (Leo), die für ihn zu einer zweiten Realität wurden. Bis zu seinem Tod hielt er sich bedeckt. Vielleicht wird man vor diesem Hintergrund eines Tages auch Günter Grass’ Waffen-SS-Mitgliedschaftsgeständnis noch einmal neu bewerten müssen. Gerrit Bartels

Am Donnerstag, 26.7., um 20 Uhr stellt Annette Leo ihre Strittmatter Biografie im Palais am Festungsgraben in Mitte vor.

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