DDR-Roman "Düsterbusch City Lights" : Die subversiven Kräfte des Feierns

In Alexander Kühnes Roman „Düsterbusch City Lights“ verwandeln Jugendliche ein kleines Dorf am Rande von Brandenburg zum Hotspot der DDR-Subkultur.

Carolin Haentjes
Der Schriftsteller Alexander Kühne. Foto: © Random House/Erik Weiss
Der Schriftsteller Alexander Kühne.Foto: © Random House/Erik Weiss

Anton Kummer ist auf den Kopf gefallen. Gleich nach der Geburt, Schuld war Vaters glückstrunkenes Schnapsfest. Erneut 1989, als die DDR und damit auch Antons Leben als Provinz-Pionier des DDR-Undergrounds aufs Ende zusteuert. Wieder wegen Trunkenheit, diesmal der eigenen. Anton Kummer ist Alexander Kühnes fiktives Pendant. Der Fernsehjournalist erzählt von seiner Dorfjugend im sächsischen Lugau – in verdichteter Form, mit seinem Alter Ego Anton Kummer in der Hauptrolle, in einem Brandenburger Dorf namens Düsterbusch.

Anton Kummer ist ein chronischer Querulant. Nicht aus Prinzip, sondern weil er eine starrsinnige Naivität kultiviert hat. Wie sonst so eine DDR-Jugend überleben, den Mähdrescherfriedhof vor dem Fenster, die Imperative der sozialistischen Gesellschaft im Nacken? Anton kann und will sich den Anforderungen des Arbeiter- und Bauernstaats nicht fügen. Außerdem interessiert er sich nur für Musik, aber die aus dem Westradio, und die ist verboten. Zwar schafft er die Zehnte und ergattert einen Ausbildungsplatz. Aber die Perspektiven, die sich ihm eröffnen, als er im ohrenbetäubend lauten Maschinenraum des Nieten- und Bolzenwerks steht, sind für ihn keine: „Wenn ich ausgelernt hätte, würde ich hier im Vierschichtsystem ackern, bis ich fuffzich würde. Eine lähmende Müdigkeit überkam mich, als der Lehrmeister mit uns an die Maschine herantrat und laut schreiend erklärte, wie sie funktionierte. ‚Es gibt mehrere Produktionsstufen…' Ich dämmerte weg.“

Hellwach wird er, als er David Bowies „Station to Station“ hört. Die Musik trägt ihn fort, in fremde Städte und dunkle Großstadtdiskotheken. Unheimlich scheint ihm das – und wegweisend. Er betrachtet Bowie auf dem Cover und sagt sich, dieser Typ sähe aus, „als hätte er gerade die Zukunft gesehen.“ Anton, der den Vergleich mit Bowie nicht scheut, hat Zukunftsvisionen: Ein Szene-Club in Düsterbusch. Denn so oft er sich wegträumt und obwohl er alle Zugabfahrtszeiten auswendig kennt, denkt er nie ernsthaft daran aus dem Dorf oder der DDR abzuhauen. Und so macht er sich mit ein paar Freunden daran, in der alten Dorfkneipe, der „Linde“, eine Party nach Vorbild des Londoner Blitz-Clubs zu organisieren. Plötzlich ist dieser jugendliche Dorf-Trupp der Gegenwart einen Schritt voraus: „Helden des Fortschritts“, nur anders als von der FDJ gedacht. Der Trupp etabliert – der Polizei und etlicher Ordnungsstrafverfahren zum Trotz – die „Linde“ als Zentrum der DDR-Subkultur.

So stiefeln auf einmal jeden Samstagabend Freaks aus ganz Ostdeutschland über die Düsterbuscher Hauptstraße, angelockt von den Musik-Performance-Sensationen: „Als hätte sich halb London nach Düsterbusch aufgemacht. Es war irre. Da waren echte Punks dabei, Existenzialisten und Lebenskünstler.“ Anton, glückselig, glaubt, es könne nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich das Dorf in eine Metropole verwandelt. Die Dorfgemeinschaft hat daran kein Interesse, sie sieht ihre ländliche Idylle von „Asozialen“ zertrampelt. Auch die Stasi vermutet hinter der Fassade der „Helden des Fortschritts“ subversive Kräfte. Die Veranstaltungen in der „Linde“ haben unweigerlich politischen Sprengstoff.

Das Lebensgefühl, das Kühne in seinem Roman beschreibt, war für die Jugendkultur in der DDR schon seit den sechziger Jahren typisch, holte aber erst in den achtziger Jahren immer mehr Menschen ein: Das Empfinden des Eingezwängtseins durch die „gute Gesellschaft“, die sich, je mehr sie sich als Farce entpuppte, desto rigider aufrechtzuerhalten suchte. Es war eine emotionale Distanzierung, die die politischen Umwälzungen von 1989 vorbereitete.

Auch die Helden des Fortschritts, allen voran Anton, fühlen etwas, verlangen nach etwas, das nicht in den DDR-Alltag passt. Anton will nicht einmal die politische Dimension seines Handelns reflektieren. Das hat was Halbstark-Dumpfbackiges. Aber er führt vor, wie leicht man aus Versehen zum Dissidenten wird, bloß durch das Beharren auf dem eigenen Wirklichkeitsfremdeln. Dass er damit gleichzeitig unmöglich Scheinendes möglich gemacht hat, ist in diesem Fall sogar nachweisbar: nicht in Düsterbusch, aber im realen Lugau. Auch Anton hat seinen Anteil am politischen Umbruch. Ohne es zu wissen, aber mit dem Gespür dafür, einer von Vielen zu sein. Dann fiel er auf den Kopf – und dann die Mauer.

Alexander Kühne: Düsterbusch City Lights. Roman. Heyne Hardcore, München 2016. 382 Seiten, 14,99 €.

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