Debatte mit Alexander Kluge und David Chipperfield : Die Pracht und ihr Preis

Alexander Kluge, Richard Sennett und David Chipperfield debattieren im Berliner Haus der Kulturen der Welt über Stadt, Religion und Kapitalismus

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Schein und Sein. Die Skyline von Doha, der Hauptstadt des Emirats Katar, simuliert nur Großstadt. Wehe, man verirrt sich zwischen die Türme.
Schein und Sein. Die Skyline von Doha, der Hauptstadt des Emirats Katar, simuliert nur Großstadt. Wehe, man verirrt sich zwischen...Foto: picture alliance / dpa

Die beschriebene Welt ist ein Meer der Metaphern. Was natürlich selbst schon eine metaphernhaltige Feststellung ist. Sie enthält aber die Hoffnung, hin und wieder aus den Wassern der Ähnlichkeiten an Land zu klettern und gewissermaßen die Sache selbst in den Griff zu bekommen. Die metaphorische Rede lässt sich ohne das Vertrauen, dass sich etwas Tatsächliches hinter ihr verbirgt, nicht denken, und kein deutscher Intellektueller beherrscht sie, gepaart mit einer wilden Assoziationslust, besser als der Filmemacher und Großtheoretiker Alexander Kluge.

Die Stadt zum Beispiel ist für ihn ein ebenso konkreter wie abstrakter Ort. Sie ist das mesopotamische Uruk, die Fundstätte der ersten menschlichen Schriftzeugnisse, das neu in den Himmel schießende Schanghai und das wiederbelebte Lemberg; die Idee einer fest installierten Toleranz, die das mörderische Umherziehen verfeindeter Clans ablöste, und eine psychische Disposition; eine biblische Fantasie und die Architektur der Vernunft schlechthin. In dieser Art von verflüssigtem Denken spielt es keine Rolle, ob zuerst die innere Stadt da war und dann die erbaute – oder umgekehrt.

Gleich zu Anfang seines Films „Die Entstehung der Zivilisation aus Paradies und Terror und das Prinzip Stadt“, der ein dreitägiges Symposion im Haus der Kulturen der Welt unter dem Titel „Stadt – Religion – Kapitalismus“ eröffnete, heißt es: „Das Paradies, heißt es, lag zwischen vier Flüssen: Pischon, Gihon, Hiddekel (Tigris) und Perat (Euphrat) / Dort entstand auf einen Schlag die erste Megastadt / Samt Tempeln, Gärten und Äckern / Das war Eden: Die erste Zivilisation / Später entzweiten sich die Menschen / Dörfer wurden gegründet / Zwietracht entstand unter verschiedenen Städten / Vor deren Toren erschienen Nomadenhorden / Wo Reichtum ist, will Eroberung hin / Im Innern der Städte wuchs eine Militärmaschine heran / Aus ihr wird 1000 Jahre später die assyrische Springflut: der professionellste Gewaltapparat der Welt.“

Mythologisches, Historisches und Anthropologisches gehen hier eine unauflösliche Liaison ein. Man könnte auch sagen: Sie gehen hübsch durcheinander. Aber man muss Kluge zugestehen, dass er den Film und die beiden anderen 90-Minüter zum Thema ausdrücklich als essayistischen Kommentar zu Chris Granlunds siebenstündiger BBC-Dokumentation versteht, die „Die Geschichte des Menschen“ erzählen will, „von 70 000 Jahren vor Christus bis heute“. Kluges Firma DCTP hat sie mitproduziert.

Er hat überdies gute Zeugen für ein metaphorisches Argumentieren. Selbst Immanuel Kant wollte darauf nicht verzichten, als er in der Vorrede zur „Kritik der reinen Vernunft“ die einstmalige „Königin der Wissenschaften“, die Metaphysik, gegen die despotischen Dogmatiker und die anarchischen Skeptiker verteidigte, „eine Art Nomaden, die allen beständigen Anbau des Bodens verabscheuen“, und ihr zu einer Neudefinition verhalf. Im Film diskutiert Kluge mit seinem alten Sparringspartner Oskar Negt über diesen Hausbau der Vernunft.

Wie sehr ihn Zivilisation und Stadt beschäftigen, zeigte sich zuletzt in „Gärten sind wie Brunnen“, einem Text, den er 2011 zu jenem „hortus conclusus“ schrieb, den der Architekt Peter Zumthor für den Pavillon der Londoner Serpentine Gallery schuf. Analog zur inneren Stadt ging es da um den inneren Garten – und zugleich um einen buchstäblichen Ort. „Erst haben unsere Vorfahren der Natur die Äcker abgerungen“, schrieb er. „Gestapelte Äcker waren dann die Städte. Ohne Frömmigkeit enden sie in einem großen Turm, an dem die Sprachverwirrung stattfindet. Zivilisationen und Gesellschaften brauchen deshalb auf ihrem Boden etwas Unbebautes, Lücken, die dem Verwertungsprinzip nicht unterworfen sind.“

Kluge zitiert darin den Soziologen Richard Sennett, der mit Büchern wie „Fleisch und Stein“ und „Civitas“ zu den Vordenkern einer modernen Stadttheorie gehört. Zusammen mit ihm und HKWChef Bernd Scherer konzipierte Kluge jetzt das pikanterweise von der Herrhausen-Gesellschaft der Deutschen Bank mitfinanzierte Symposion. Was lag näher, als sie diskutierend zusammenzubringen. Doch Scherer hat als Moderator seine liebe Not mit den beiden. Denn da ist einer, der sich seinen Fragen verweigert und lieber eigene Vorträge hält, Sennett, und einer, der sich von ihnen nicht einfangen lassen will, Kluge. Würde nicht der Architekt David Chipperfield auf der Bühne sitzen, der über sein Erlebnis von Stadt konzise Auskunft geben kann, der Abend verkäme zur Quatschbude.

Während Kluge sich in Anekdotischem ergeht, wirft Sennett mit Georg Simmel und Gregory Bateson um sich und fragt sich, was wohl der Monotheismus mit den Tauschbeziehungen in der kapitalistischen Stadt zu tun habe, als hätte er noch nie von Jan Assmanns Forschungen gehört. Dafür erklärt Chipperfield, dass seine Heimatstadt London in den nächsten fünf Jahren 250 Türme erwarte – alle von kommerziellen, nicht stadtplanerischen Visionen in die Höhe getrieben. Deshalb ist ihm auch Frank Gehrys 39-stöckiger Wohnturm, der am Alexanderplatz entstehen soll, ein Dorn im Auge: „Das ist keine Architektur!“ .

Für einen Mann, der in Berlin neben öffentlichen Aufträgen wie dem Neuen Museum auch private wie das UllsteinVerlagsgebäude oder Townhouses angenommen hat, zeigt er sich erstaunlich angriffslustig. Man dürfe, sagt er, nicht ständig auf das eine Prozent Renommierbauten von Opernhäusern und Bahnhöfen schauen. Und er skizziert eine Idee von Stadt, die das Improvisierte und das Geplante, das Organische und das Visionäre kennt: den Wildwuchs Neapels, bei dem jeder seine eigene Umgebung mitgestaltet, und das Le-Corbusierhafte des Berliner Hansa-Viertels. Man solle ihn nicht falsch verstehen, aber zumindest die Intimität von Favelas sei nicht zu verabscheuen. Abschreckender ist für Chipperfield Katars Hauptstadt Doha: Die Silhouette verspricht aus der Entfernung ein Leben, das es am Boden nicht gibt.

Das Symposium „Stadt – Religion – Kapitalismus“ geht am heutigen Sonnabend zu Ende. Infos: www.hkw.de

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