Debatte mit Frank-Walter Steinmeier : Wer ist deutsch?

Der Außenminister gibt Auskunft: Frank-Walter Steinmeier diskutiert im Gorki Theater über die Nibelungensage und eine deutsch-europäische Identität.

Tilman Strasser
Foto von Frank-Walter Steinmeier Foto: dpa
Will für eine offene Gesellschaft kämpfen: Frank-Walter Steinmeier.Foto: dpa

Warum man den Nibelungenstoff immer wieder hervorhole, fragt sich der Außenminister gleich zu Beginn. Die Antwort gibt er selbst: Im Ringen mit dem Nationalepos zeige sich „die andauernde Suche nach einer deutschen Identität“. Eine These, die den Ton vorgibt für das Werkstattgespräch am Sonntagmittag im Maxim-Gorki-Theater. Anlässlich der Hebbel-Bearbeitung „Der Untergang der Nibelungen – The Beauty of Revenge“, die am Donnerstag Premiere feiert, fragen Regisseur Sebastian Nübling, Dramaturg Jens Hillje und Darstellerin Sesede Terziyan nach der Bedeutung des Mythos für die Bundesrepublik. Nikola Tietze und Naika Foroutan bereichern die Diskussion als Sozialwissenschaftlerinnen – doch im Fokus steht der Gast aus der Politik.

Frank-Walter Steinmeier hat beruflich naturgemäß viel mit dem Bild zu tun, das die Bundesrepublik im Ausland abgibt. Dort ist gern von der Fußballnation mit unheimlichem Organisationstalent und ökonomischer Standfestigkeit die Rede. Das Bewusstsein für unsere Integrationsgesellschaft, in der jedes dritte eingeschulte Kind einen Migrationshintergrund hat, ist hingegen weithin noch eher dürftig entwickelt. „Es gibt kein Leitmotiv für die veränderte Realität“, sagt Foroutan. Dabei könne „ein Narrativ durchaus politische Macht entfalten. Deutschland war immer ein Einwanderungsland, wir erzählen es uns bloß nicht so.“

Steinmeier warnt vor Rückschlägen

Um die Nibelungensage, während der Nazizeit als germanische Schicksalserzählung missbraucht, geht es da bereits nur noch am Rande. Hebbels Stück erforscht, laut Ankündigung, „die dunkle menschliche Lust, unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen“. Ganz so weit wollen die Diskutanten dann doch nicht gehen, aber dass es um die deutsche wie die europäische Gesellschaft nicht zum Besten bestellt ist, findet durchaus Erwähnung. Besonders zwischen Steinmeier und Foroutan, die an der Humboldt-Universität europäisch-muslimische Identitätsmodelle untersucht, entspinnen sich aufschlussreiche Dialoge. So beklagt Foroutan, dass schon 1848 in der Paulskirche beschlossen worden sei, Deutscher sei, wer auf deutschem Boden geboren würde, gleich welcher Sprache oder Herkunft, „da haben wir seitdem eher einen Rückschritt gemacht“.

Steinmeier ergänzt, die jüngsten Wahlergebnisse des Front National in Frankreich, der Ukip in Großbritannien oder auch der AfD in seinem Wahlkreis Brandenburg ließen weitere Rückschläge befürchten. „Wir werden um die offene Gesellschaft kämpfen müssen“, kündigt er an. Das Theater, immerhin, will mitkämpfen – und sei es, indem die Heldensage vom grünen Hügel Bayreuths in die Mitte Berlins geholt wird, zwecks genauerer Untersuchung.

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