Debatte um Fritz Bauer : Ein großes Vorbild, ein Mensch

Zum Streit um Fritz Bauer, den Generalstaatsanwalt der Auschwitz-Prozesse: eine Erwiderung auf Kurt Nelhiebels Tagesspiegel-Beitrag.

Helmut Kramer
Die Ausstellung "Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht" war bis September im Jüdischen Museum in Frankfurt/M. zu sehen, jetzt wird sie im Thüringischen Landtag in Erfurt präsentiert.
Die Ausstellung "Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht" war bis September im Jüdischen Museum in Frankfurt/M....Foto: dpa

Kürzlich hat Kurt Nelhiebel im Tagesspiegel einen vermeintlichen Denkmalsturz von Fritz Bauer (1903– 1968) aufzudecken versucht, von jenem hessischen Generalstaatsanwalt also, der härter und schärfer und früher als jeder andere Amtsträger die ungeheuerlichen Auschwitz-Taten zur Anklage und damit ins deutsche Bewusstsein brachte. Fritz Bauer, dem ein Denkmal gebührt: Der jüdische Sozialdemokrat war der couragierteste Kämpfer gegen das bleierne Schweigen und Verdrängen der Adenauer-Zeit. Es seien, so Nelhiebel, ausgerechnet die Mitarbeiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts, die das Denkmal stürzen wollen, obgleich das Institut die geistige Arbeit seines Namensgebers fortsetzen soll. Diesem Institut, so Nelhiebel, „scheint es an Respekt vor Bauer zu fehlen“.

Vor allem um drei Punkte dreht sich die Auseinandersetzung: das „Treuebekenntnis“ Fritz Bauers gegenüber den NS-Machthabern, von dem auch in der derzeit im Thüringischen Landtag in Erfurt zu sehenden Ausstellung des Instituts die Rede ist, außerdem Bauers Verhältnis zu seiner jüdischen Herkunft sowie seine mögliche Homosexualität.

Bauers sogenanntes "Treuebekenntnis": sicher von den Nazis errpesst, wie bei vielen anderen

Worum geht es jeweils historisch? Unter der Überschrift „Treuebekenntnis einstiger Sozialdemokraten“ wurde 1933 in einer NS-Zeitung eine „geheuchelte Unterwerfungserklärung“ abgedruckt, wie der Ausstellungskatalog sie nennt. Fritz Bauer war dort neben anderen prominenten Sozialdemokraten als Unterzeichner genannt, die Ausstellung zeigt diesen Artikel. Kurt Nelhiebel spricht von einem „offensichtlich gefälschten Bekenntnis“. Einen Beleg dafür hat er nicht. Fritz Bauer war 1933 in ein KZ der Nazis gesperrt worden, und er kam frei, als das „Treuebekenntnis“ veröffentlicht wurde. Die Praxis, Regimegegner nur aus KZ oder Schutzhaft zu entlassen, wenn sie eine solche Demütigung über sich ergehen ließen, war verbreitet. Es ist mehr als verständlich, dass NS-Gegner solche Erklärungen unterzeichneten. Alles andere hätte Folter, Kerker, vermutlich Ermordung bedeutet. So aber konnten viele Nazi-Gegner ihre Arbeit im Untergrund fortsetzen – oder wie Bauer im Exil. Wer den Hinweis auf eine mögliche Unterzeichnung des „Treuebekenntnisses“ als Beleidigung Fritz Bauers empfindet, geht von einem geschichtsblinden, ja inhumanen Reinheitsbegriff aus.

Monitore in der Ausstellung "Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht" geben ein Interview mit Fritz Bauer wieder, dem Generalstaatsanwalt der Frankfurter Auschwitz-Prozesse. Die Ausstellung ist zur Zeit in Erfurt zu sehen.
Monitore in der Ausstellung "Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht" geben ein Interview mit Fritz Bauer wieder,...Foto: dpa

In Ronen Steinkes Biografie "Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht" (2013) wird Bauer als der mutige Aufklärer gefeiert, der er war. Zugleich werden Umstände dokumentiert, die zeigen, welchen Preis Bauer für sein Engagement zahlen musste. Steinke spricht wie auch die Ausstellung des Instituts „Ungehöriges“ an: Der Aufklärer Fritz Bauer hatte ein schwieriges Verhältnis zu seiner jüdischen Herkunft. Bis 1945 identifizierte er sich selbstbewusst als deutscher Jude, andererseits wollte er davon später möglichst nicht mehr sprechen.

Das war kein Opportunismus, sondern Klugheit: Fritz Bauer erlebte damals tagtäglich, wie Ewiggestrige ihm gehässig unterstellten, er, der Jude, sei bei seinen juristischen Aufklärungsversuchen von Rachegelüsten getrieben. Um als politischer Akteur ernst genommen und nicht in eine Schublade als Betroffener, Befangener gesteckt zu werden, zog Fritz Bauer es vermutlich vor, von seiner eigenen Geschichte zu schweigen. Das gereicht ihm selbstverständlich nicht zur Unehre, sondern sagt viel aus über das bedrückende Klima in der damaligen Bundesrepublik, das der Film „Im Labyrinth des Schweigens“ gerade wieder vorführt. Schon deshalb gehört der spezifisch jüdische Kontext in jede ernsthafte Biografie Bauers.

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben