Debatte um Gema-Gebühren : Es geht um mehr als Parties
20.07.2012 15:23 UhrBlack Box Gema: Wie berechnet wird, wer Geld bekommt
Wieso freuen sich die Popmusiker und DJs, die anders als Klassikinterpreten Gema-berechtigte Urheber sind, nicht darüber, dass mit der Reform mehr Geld für sie erwirtschaftet werden soll? Manche haben kaum etwas von den höheren Einnahmen. Bei elektronischer Musik, wie sie in vielen Clubs gespielt wird, gibt es wenig Massentaugliches, anders als Pop läuft sie selten im Radio. Hier richten sich die Ausschüttungen hauptsächlich danach, wie oft die Musik in Clubs gespielt wird. Berechnet wird das mithilfe von Black Boxes. 120 dieser Geräte betreibt die Firma Media Control im Auftrag der Gema in Deutschland. Eine Stunde am Abend schalten sie sich an und senden Daten an die Zentrale. Wo sie stehen, weiß nur Media Control, die Clubbetreiber dürfen nicht darüber sprechen. Aber wie genau werden die Einnahmen verteilt?, fragen einige DJs. Sie wissen, dass viele der Songs, die sie spielen, gar nicht bei der Gema verzeichnet sind.
Als Alternative wird das sogenannte Tracking gehandelt. Dabei erkennt ein Programm die gespielten Stücke. „In England basiert das Erhebungsverfahren bereits darauf“, erklärt Ben de Biel, „warum nicht hier? Die App Shazam hat schon jetzt eine Genauigkeit von 96 Prozent.“ Langfristig, so Reindlmeier, ist das geplant. Vor allem, wenn DJs Lieder vermischen oder live interpretieren, stoße das System jedoch an Grenzen.
Video: Stimmen von Betroffenen gegen die Reformen bei der Demonstration Ende Juni
Die neue Zwei-Klassen-Musik
„Die Gema sollte dringend über ihre Kategorien nachdenken, nach denen sie Musik unterscheidet“, sagt Max Schumann. Die Geschwister Schumann spielen etwa dreimal im Monat in Clubs, recht erfolgreich mittlerweile. Pola singt, Bruder Max hantiert mit Laptop und Mischpulten. Was sie spielen, ist selbst komponiert. Bei der Gema sind sie nicht angemeldet, die Ausschüttungen wären minimal. Ihre Musik veröffentlichen sie online auf dem Eigenlabel Symbionten, das sie gemeinsam mit anderen Künstlern betreiben. Es fungiert gleichzeitig als Bookingagentur und Veranstalter. So verdienen sie ein bisschen Geld, jenseits des großen Markts. Die Geschwister Schumann sind ein gutes Beispiel dafür, warum viele aus der Clubszene die Reform ablehnen: Sie profitieren nicht von der Gema und hätten es schwerer, wenn es weniger Clubs gäbe, in denen sie auftreten können.
Der Schlüssel zu einer gerechten Lösung scheint im Abrechnungssystem zu liegen. Über dessen Ausgestaltung entscheiden die 3500 ordentlichen Gema-Mitglieder, die allerdings nur fünf Prozent aller Mitglieder ausmachen. Der Mitgliedsstatus richtet sich nach der Höhe der Ausschüttungen: Wenn alle die gleichen Stimmrechte hätten, gäbe es im Nu ein Verteilungssystem, von dem auch kleinere Musiker profitierten. Die Gema hat auch ein Demokratieproblem.
Auch wird zwischen E- und U-Musik unterschieden, für Klassik gibt es mehr als für Pop. Begründung: Es sei aufwändiger, eine Symphonie zu komponieren, als einen Popsong zu schreiben. Die Elektromusikszene hat dafür zu Recht wenig Verständnis.
Auf der Transmediale etwa, einem Festival für experimentelle elektronische Musik und Kunst, spielte Anfang des Jahres Mark Fell im Berghain . Seine Musik, so das Label, ist von der „Idee der Mulitistabilität in Gestaltpsychologie und Systemtheorie inspiriert“. So hörte sie sich auch an. Ein breiteres Publikum als zum Beispiel ein Opernkomponist wird er in näherer Zukunft sicher nicht erreichen.
Gema-freie Musik?
Die Alternative mag hier sein, dass sich eine Gema-freie Szene herausbildet. Veranstalter könnten ausschließlich Nichtmitglieder anheuern, DJs auf Hits verzichten und nur Musik mit CreativeCommons-Lizenz spielen. Da viele Bands ohnehin nicht mehr von ihren CDs leben, sondern von ihren Auftritten, ist das bei elektronischer Musik durchaus eine Option. Erste Gema-freie Festivals gibt es bereits. Nur die Chance, dass solche Musiker doch noch Karriere auf dem lukrativen Massenmarkt machen, wäre dann noch geringer als jetzt.





